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Ausgelesen Tollhaus Deutschland

Wie lässt sich der Kapitalismus zivilisieren? Der freie Journalist Jens Berger versammelt Datenwissen, erzählt Skandal-Geschichten um die Superreichen Deutschlands und formuliert Forderungskataloge. "Wem gehört Deutschland" ist eine Pflichtlektüre für Denken.

24.06.2014 09:32
Von Hans Jürgen Krysmanski

Wem gehört Deutschland? Eine solche Frage gehört sich nicht, hätte man in den 50er und 60er Jahren gesagt. Als die Frage nach denen ‚da oben‘ dennoch allzu insistent wurde, brachen die Hüter des Status quo die sogenannte Neid-Debatte vom Zaun: Wer es nicht nach oben schafft, ist eben neidisch. Heute vermutet man bei ‚Reichtumsforschern‘ gern verschwörungstheoretische Anwandlungen. Jens Berger aber reiht sich mit seinem neuen Buch ein in die wachsende Zahl furchtloser Datensammler, die wissen wollen, wie unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft wirklich funktionieren.

Was ein Thomas Piketty für den großen Bogen der Geschichte und den globalen Kapitalismus leistet, konkretisiert Berger für die Republik. An dem hier versammelten Datenwissen kann kein Talkshow-Gast, keine Politikerin und kein Politiker gleich welcher Couleur vorbeigehen. Da werden die armseligen Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung zerpflückt und sogar bei der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank kritischere Ansätze entdeckt. Im Mittelpunkt von Bergers Kritik stehen die zynische neoliberale Umverteilungspolitik von Kohl bis Thatcher, von Schröder bis Blair und der Übergang von einer in Grenzen solidarischen Deutschland AG zu einer grenzenlosen Renditewirtschaft.

Es ist die geradezu lehrbuchhafte Beschreibung des Wegs von der Entdeckung des Shareholder-Value bis hin zum Beteiligungsrausch von Finanzkonzernen wie Black Rock. Skandal-Geschichten um die buntgewürfelten Superreichen Deutschlands fehlen nicht. Aber auch die wachsende Armut, die nicht zuletzt viele sogenannte Selbstständige (Solo-Unternehmer, Ich-AGs) erleben, wird datenreich beschrieben.

Forderungen der Tagelöhner

Und in diesen Kapiteln findet sich auch ein Schlüssel zum Verständnis des ganzen Buches, dort nämlich, wo Berger, selbst freier Journalist, einmal vorrechnet, was aus seinem schönen Beruf geworden ist. Um auch nur auf das Durchschnittsgehalt eines angestellten Journalisten zu kommen, „müsste ein freier Journalist jeden Wochentag drei volle Seiten schreiben und dann auch noch verkaufen – ein Ding der Unmöglichkeit.“

Dennoch werden es wohl letztlich die doppelt freien kreativen Tagelöhner sein – frei von jeglichem Besitz, aber auch frei, alle wichtigen Daten zu klauen –, die immer gewitzter auf Veränderungen drängen und Forderungskataloge formulieren. Wenn nicht für eine Revolution, für eine ‚Zivilisierung des Kapitalismus‘ (Berger) sollte es allemal reichen. Ein tolles Buch – aus dem Tollhaus.

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