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Ausgelesen: Thomas Darnstädt „Der Richter und sein Opfer“ Justizirrtümer – leicht gemacht

In seinem vorzüglich geschriebenen und gründlich recherchierten Buch klärt Thomas Darnstädt über viele Fehlerquellen in der Justiz auf.

Gustl Mollath kämpft seit 2006 gegen ein Gerichtsurteil an. Foto: dpa

Die Geschichte des Strafprozesses ist auch die Geschichte seiner Irrtümer. Niemand weiß, wie oft sich Richter irren und Angeklagte zu Unrecht freisprechen oder verurteilen. Dass es geschieht, wäre kein Grund zur Beunruhigung, auch dass es wohl häufiger geschieht, als die Öffentlichkeit und selbst die Justiz vermuten, müsste noch niemanden erschrecken.

Aber wenn man erfährt, warum es geschieht; wenn man durch das Buch des Juristen und bekannten Spiegel-Autors Thomas Darnstädt „Der Richter und sein Opfer“ lernt, was die älteste, bekannteste und gravierendste Fehlerquelle des Strafprozesses ist; und wenn man zugleich erkennt, dass offenbar niemand – weder die Politik noch die Justiz – die Absicht hat, diese Fehlerquelle zu verschließen, dann ist das zumindest verstörend.

Wie zuverlässig ist eine Zeugenaussage?

Diese Fehlerquelle sprudelt seit einigen tausend Jahren. Schon der biblische Naboth wurde, wie das erste Buch der Könige berichtet, Opfer eines typischen Fehlurteiles. Wegen angeblicher Gotteslästerung und Beleidigung seines Königs Ahab verurteilte man ihn zum Tode und zog seinen Besitz, einen Weinberg, zugunsten des Herrschers ein. Nachdem Naboth gesteinigt worden war, ergab sich, dass zwei von Ahabs Frau bestellte Zeugen gegen Naboth wissentlich falsch ausgesagt hatten.

Wie zuverlässig ist eine Zeugenaussage? Darnstädt zitiert eine Studie von 1994, nach der selbst in Protokollen, die unmittelbar nach einer Zeugenbefragung im Ermittlungsverfahren erstellt werden, etwa ein Drittel aller relevanten Aussagen nicht auftauchen. Eine vollständige Ton-Bild-Dokumentation, wie in Großbritannien selbstverständlich, würde diesen Missstand sofort beheben, aber der Grund, warum sich die Ermittler dieser Reform widersetzen, liegt auf der Hand: Eine authentische Dokumentation würde dem Gericht enthüllen, wie oft Zeugenvernehmungen unter den Händen der Ermittler gerundet und damit resistent gegen Angriffe der Verteidigung gemacht werden.

Klug und nüchtern

Darnstädt schildert in seinem vorzüglich geschriebenen und gründlich recherchierten Buch alle bekannten und auch einige weniger bekannte Fehlurteile der vergangenen Jahre und legt verhängnisvolle Fehler von Polizei, Staatsanwaltschaften und Gerichten bloß. Er verzichtet auf jeden alarmistischen Ton, klug und nüchtern konfrontiert er die Leser mit der unerfreulichen Erkenntnis: „Die Wahrheit über die Wahrheit: Es gibt sie nicht, zumindest nicht im Strafprozess.“ Damit könnten wir uns abfinden. Aber dass sogar nächstliegende Möglichkeiten, die Zahl der Irrtümer zu reduzieren, verschmäht werden, muss selbst auf hartgesottene Naturen bedrohlich wirken.

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