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Ausgelesen Je plumper, desto Nazi

Ein neues Buch stellt Deutschlands rechtsextremen Szene vor und liefert Argumente gegen die "Nazikeule"

"Neue Nazis" ist ein Buch für interessierte Einsteiger in das Thema Neonazis in Deutschland. Foto: dpa

Es gibt Leser, die „der Journaille“ misstrauen. Vor allem, wenn sich das „Volksempfinden“ in Leserbriefen, Internet und Umfragen stark von dem unterscheidet, was Medien und Politik äußern, kommt oft der Vorwurf auf, ein politkorrekter Mainstream verdrehe oder leugne heikle Fakten so lange, bis die Welt aus Sicht der Zeitung der eigenen Meinung entspricht. Ein beliebtes Mittel dabei sei die Nazikeule: In Deutschland werde jeder zum Nazi gestempelt, der Einwanderer, Juden/Israel oder den Islam kritisiert. Das Problem ist nur: Je plumper die vermeintliche Kritik daherkommt, desto wahrscheinlicher stecken in Wahrheit eben tatsächlich Nazis dahinter.

Es ist das Verdienst eines neuen Buches, den Vorwurf der Nazikeule zu entkräften. Zwar soll das Paperback „Neue Nazis“ der Journalisten Johannes Radke und Toralf Staud, vor allem die heutige rechtsextreme Szene Deutschlands vorstellen – „jenseits der NPD“, wie der Untertitel verspricht. Was aber diese Nazi-Generation vereint, so kann man die Beschreibungen der neun Kapitel zusammenfassen, ist die Tarnung. Präzise schildern Radke und Staud, wie sich „Autonome Nationalisten“ als antiautoritäre Jugendbewegung geben, die NPD sich (besonders im Osten) als „Kümmererpartei“ inszeniert, Rechtspopulisten sich als freiheitliche Islamkritiker verkaufen und gewaltbereite Kameradschaften als bürgerliche Demokraten.

Exemplarische Aufsätze

Um sie dennoch als rassistische, zynische und nationalistische Menschenfischer zu enttarnen, braucht das Buch keine argumentatorischen Verrenkungen. Es lässt einfach die Köpfe der Szene selbst zu Wort kommen: deren Reden, Interviews, Parteipapiere. Es durchleuchtet ihre Vitas und Verbindungen untereinander und liefert gut dokumentierte, aber unbekannte oder in Vergessenheit geratene Fakten aus 22 Jahren Nachwende-Neonazismus.

Exemplarisch ist etwa der Strategieaufsatz von Udo Voigt, bis 2011 NPD-Chef, der empfahl, statt gegen „Ausländer“ gegen „Fremde“ zu hetzen, damit die Bürger nicht an den netten Pizzabäcker denken, sondern an verschleierte Türkinnen. Pro-Deutschland-Chef Markus Beisicht wird durch ein Interview enttarnt, in dem er freimütig erzählt, „Islamkritik“ nur als „rechte Marktlücke“ genutzt zu haben, nachdem alle frühen rechten Projekte gescheitert waren. Der Vorteil sei: Wer seine Islamkritik als rassistisch rügt, dem wirft man Hantieren mit Nazikeulen vor. Solche Leute interessieren sich für echte Lösungen für unbestreitbare Integrationsprobleme keinen Deut.

„Neue Nazis“ ist keine Investigativrecherche für Insider, sondern richtet sich an interessierte Einsteiger – und profitiert dabei von der jahrelangen Beschäftigung der Autoren mit der Szene.

Toralf Staud und Johannes Radke:
Neue Nazis. Jenseits der NPD: Populisten, Autonome Nationalisten und der Terror von rechts. KiWi, Köln 2012. 272 Seiten, 9,99 Euro.

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