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Antisemitismus Jung und getrieben

Eine Jugend ohne Perspektiven neigt zu gewaltsamen Lösungen. Das zeigt das Musical West Side Story – und die Wirklichkeit.

Ein Bandenkrieg tobt auf der schwarzen Bühne der Komischen Oper Berlin. Fast 60 Jahre gingen ins Land, bis aus den süßlichen „Maria, Maria“-Inszenierungen von Leonard Bernsteins West Side Story nun endlich der schmutzige harte Kern aufscheint. Muskulöse bedrohliche Männlichkeit, der sinnlose Kampf von zwei Jugendbanden in New York. Die alteingesessenen „amerikanischen“ Jets gegen die neu eingewanderten Sharks, junge Puerto Ricaner. Zufall, ursprünglich wollte Bernstein Katholiken und Juden für seine moderne „Romeo und Julia“-Story nehmen.

Das Musical thematisiert das Drama der „zornigen jungen Männer“. Ein Drama, das sich in diesen Tagen auf der großen Weltbühne in blutiger Realität fortsetzt. Junge Deutsche stürmen nach Syrien, um an der Seite von islamistischen Milizen für die Errichtung eines Gottesstaates zu kämpfen. Vorzugsweise Männer, halbe Kinder sind allein dort bereit, ihr Leben zu opfern. Das Bundeskriminalamt hat die Hauptgruppe unter den 16- bis 19-Jährigen ausgemacht. Oft Migranten der 2. oder 3. Generation, die nach „richtigen Werten, echter Gemeinschaft und vermeintlicher Gerechtigkeit“ suchen, wie der Verfassungsschutz schreibt. Insgesamt sollen um die 10.000 Kindersoldaten für die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ kämpfen, die ein Kalifat von Irak über Pakistan, die Türkei und Syrien bis hin nach Israel und Ägypten errichten will. Tickt hier eine genetisch gesteuerte Bombe, überschwemmt das Testosteron junger Männer alle Vernunft?

Es gab bereits vor Jahren die Warnung von Sozialforschern, aber auch vom US-Geheimdienst CIA, dass es schon bald in einigen arabischen und schwarzafrikanischen Ländern einen übergroßen Anteil junger Männer geben werde. Ohne berufliche Perspektive sei es diesen Männern verwehrt, zu heiraten und ihre Sexualität auszuleben. Sind Dschihadisten und Salafisten, Hamas und Al-Kaida also nichts anderes als das Ergebnis eines gigantischen Hormonstaus? Ausgelöst durch die größte Sohneswelle der Menschheitsgeschichte im arabischen Raum, wie es der Bremer Sozialforscher Gunnar Heinsohn formulierte? Dieses Millionenheer radikalisierbarer Halbwüchsiger stünde heute bereit. Die Frage ist nur, ob es sich tatsächlich so in Bewegung setzt, wie einige befürchten.

Der Koblenzer Demografieforscher Steffen Kröhnert hat ein differenziertes Bild gezeichnet. Demnach bleiben Länder mit sehr hohem Anteil an Jugendlichen dann friedlich, wenn dort gute Bildungs- oder Aufstiegschancen vorhanden sind. Letzteres gilt aber weitgehend nur für schwarzafrikanische Länder, in denen viele Erwachsene an der Immunschwächekrankheit Aids gestorben sind. In streng islamischen Ländern spielt Aids kaum eine Rolle. Als Hochrisikoländer für gewaltsame Auseinandersetzungen identifizierte Kröhnert bereits vor acht Jahren Staaten, in denen der Islam als Religion überwiegt.

Es ist also weniger der Hormonrausch, der zornige junge Männer hervorbringt, sondern die fehlende Aussicht auf gesellschaftlichen Aufstieg. Eine Jugend ohne Perspektive neigt zu gewaltsamen Lösungen. Das gilt für die Slums von US-Großstädten wie für islamische Unterdrückerstaaten mit niedriger Bildung. „Es gibt einen Ort, Irgendwo einen Ort, Frei von Kummer und von Gewalt“, heißt es in der West Side Story. Dieser Wunsch erfüllt sich aber nicht einmal im Musical.

Karl-Heinz Karisch ist Autor.

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