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Analyse zur Energie-Wende Schlaue Netze braucht das Land

Die Energiewende kann noch gelingen, wenn die Politik die dezentrale Versorgung fördert. In Schlauen Netzen gewinnen auch elektrische Fahrzeuge eine neue Bedeutung und werden zu einem strategischen Element einer gemeinsamen Energie- und Verkehrswende.

15.08.2013 18:44
Weert Canzler und Andreas Knie
Die deutsche Energiewende kann gelingen. Dazu braucht es aber die Förderung von dezentralen Versorgungsnetzen. Foto: rtr

Die Energiewende ist ein großes Projekt. Möglicherweise zu groß. Denn es geht nicht einfach um Photovoltaikanlagen auf dem Dach oder Windräder im Meer. Bei der Umstellung auf Erneuerbare müssen Energie- und Verkehrswende Hand in Hand gehen.

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) garantiert privaten Personen eine jahrzehntelange Vergütung des eingespeisten Stroms. Das war viele Jahre sinnvoll und hat beispielsweise den Preis pro Modul drastisch sinken lassen. Mittlerweile sind 80 000 Megawatt Leistung an Erneuerbaren-Anlagen installiert, mehr als die Hälfte von Privatpersonen.

Doch es fehlt der Plan, wie es jetzt weitergeht. Wenn an sonnigen Tagen über die Mittagszeit diese Leistung tatsächlich ins Netz eingespeist wird, erhöhen sich die Überkapazitäten dramatisch und der Preis der Kilowattstunde sinkt an der Strompreisbörse auf wenige Cent. Damit wird aber die Differenz zu den garantierten Vergütungssätzen noch größer, die EEG-Umlage erhöht sich weiter. Diese zusätzlichen Kosten zahlen Haushalte und die nicht energieintensiven Unternehmen. Eine ungewollte soziale Schieflage entsteht.

Das EEG war wichtig, um eine neue Industrie entstehen zu lassen und um zu demonstrieren, dass eine regenerative Energieproduktion grundsätzlich möglich ist. Doch kann das nur funktionieren, wenn die gesamte Versorgungslogik verändert wird. Stattdessen finden lediglich Reparaturarbeiten statt, beispielsweise wird die Liste der Firmen, die von der Umlage befreit werden, mal ausgeweitet, mal soll sie wieder beschränkt werden. Die Schlussfolgerung wird im politischen Tagesgeschäft tabuisiert: Entweder wird die Energiewende abgesagt, oder wir beginnen damit, unser Versorgungsnetz von einer zentralen Struktur konsequent in kleinere, dezentralere Netze umzubauen.

Die Voraussetzungen für den grundsätzlichen Wandel sind nicht schlecht. Die Produktion von Windenergie in einigen Regionen in Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder auch in Nordbrandenburg übersteigt schon heute oftmals den Bedarf vor Ort, und eine Weiterleitung in andere Regionen der Republik belastet vorhandene Netzkapazitäten oder ist manchmal gar nicht möglich. Im Süden der Republik entsteht an sonnigen Tagen ein Überangebot an Solarstrom, der nur mühsam verteilt werden kann oder neue Stromtrassen benötigt. Gleichzeitig sind alleine im letzten Jahr fast 400 Energiegenossenschaften neu gegründet wurden. Es gibt also viele in der Zivilgesellschaft, die Energieversorgung selbst in die Hand nehmen.

Der Paradigmenwechsel von der ungesteuerten zur gesteuerten Stromproduktion braucht allerdings einen neuen Ordnungsrahmen, der die Möglichkeit zur dezentralen Energieproduktion nicht nur erlaubt, sondern die Segnungen der günstigen Produktionskosten vor Ort unterstützt und die Produzenten in kleinen Versorgungsnetzen unter bestimmten Bedingungen von den Umlagen befreit: Diese Vorteile erhalten die Betreiber nur, wenn sie einen allgemeinen Versorgungsauftrag übernehmen.

Haftpflichtversicherung für Energie

Da aber Sonne und Wind nicht immer zur Verfügung stehen und Speicher teuer sind, müssen diese dezentralen Netzwerke eine Energiehaftpflichtversicherung abschließen, die immer dann einspringt, wenn der Strom vor Ort nicht ausreicht. So werden aus Energielieferanten, die bisher von der garantierten Einspeisevergütung profitieren, sogenannte „Prosumenten“, die durch Eigenverbrauch in „Schlauen Netzen“ die Netze entlasten und sich außerdem über eine Versicherungspflicht solidarisch am Gesamtstromnetz beteiligen. Die Logik des EEG dreht sich gleichsam um, auch weil die Gestehungskosten für Erneuerbaren Strom dramatisch gefallen sind. Die Kilowattstunde ist in solchen „Schlauen Netze“ für 10-15 Cent zu haben.

In Schlauen Netzen gewinnen auch elektrische Fahrzeuge eine neue Bedeutung. Bisher tut sich die Bundesregierung schwer mit dem Umbau. Sie hat das Ziel von einer Million E-Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen bis 2020 ausgegeben, ohne einen Plan der Realisierung mitzugeben. Dieses Ziel wird ohne eine Verknüpfung mit der Energiewende Makulatur bleiben.

Mit der Förderung Schlauer Netze werden E-Fahrzeuge jedoch zu einem strategischen Element einer gemeinsamen Energie- und Verkehrswende. Bei zehn Cent je Kilowattstunde bedeuten 100 Kilometer bei elektrischen Autos gerade Mal 1,50 EUR an „Kraftstoffkosten“. Wenn man E-Fahrzeuge noch intelligent zu Flottenfahrzeugen umstellt, dann steht den Schlauen Netzen bislang ungeahnte Speicherkapazität zur Verfügung. Technisch möglich, bislang aber noch wenig erprobt ist dabei, dass E-Fahrzeuge in Zeiten von Spitzenlast als mobile Energiespeicher funktionieren und Strom aus den Batterien wieder zurück ins Netz speisen. Überschüssiger Wind- und Sonnenstrom kann aber auch durch Elektrolyse zur Produktion von Wasserstoff genutzt werden und damit Brennstoffzellen-Fahrzeuge antreiben. So kann der Verkehr zur Lösung der Probleme der Energiewende beitragen.

Alle technischen Komponenten solcher Schlauen Netze sind vorhanden. Die Zivilgesellschaft ist bereit, ihre Realisierung selbstständig anzugehen, der Staat muss lediglich den Ordnungsrahmen dafür schaffen. Doch hier fehlt es an Mut und Tatendrang.

Weert Canzler und Andreas Knie sind Politologen und Gründer der Projektgruppe Mobilität am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Weert Canzler bearbeitet Mobilitätsthemen in der WZB-Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik. Andreas Knie ist Geschäftsführer des Innovationszentrums Mobilität und gesellschaftlicher Wandel (InnoZ) und Professor an der TU Berlin.

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