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Analyse zur Elfenbeinküste Geschlagen, aber nicht besiegt

Laurent Gbagbo hat den Kampf um die Macht in der Elfenbeinküste verloren. Gestützt von knapp der Hälfte der Ivorer kann er jedoch ein Comeback planen.

Die vermutlich letzten Stunden seiner Macht verbringt der ivorische Ex-Präsident Laurent Gbagbo derzeit in geschützten Räumen tief unter seiner Residenz in Abidjans Stadtteil Cocody, die einst ausgerechnet sein Feindbild und Kerkermeister, Félix Houphouët-Boigny, anlegen ließ. Der Autokrat hatte den Bunker für den Fall eines Putsches anlegen lassen. Er soll sogar über einen unterirdischen Gang mit der benachbarten Villa des französischen Botschafters verbunden gewesen sein. Den Gang ließ Gbagbo allerdings gleich zu Beginn seiner Präsidentschaft zuschütten, sein Verhältnis zur ehemaligen Kolonialmacht war damals schon miserabel. Der Bunker selbst leistet dem 65-Jährigen nun aber beste Dienste: Seit Tagen trotzt er dort mit seiner Familie dem feindlichen Ansturm, während die Fernsehstation seines Herausforderers Alassane Ouattara hämisch Ausschnitte aus dem Bruno-Ganz-Film „Der Untergang“ über Hitlers letzte Bunkertage zeigt.

Hat der ehemalige Präsident vollends den Verstand verloren? Auf den ersten Blick scheint die Weigerung Gbagbos, sich zu ergeben und eines der zahlreichen Asyl-Angebote – in Südafrika, Togo oder notfalls auch dem Wüstenstaat Mauretanien – anzunehmen, tatsächlich absurd zu sein. Bis Ouattaras Truppen auch noch den Widerstand der letzten Gbagbo-Getreuen brechen werden, ist nur eine Frage der Zeit. Seine Präsidentschaft wird der verbunkerte Stiernacken so jedenfalls nicht retten können. Doch dem „Boulanger“, wie Gbagbo in der Elfenbeinküste genannt wird (weil er seine Gegner wie ein Bäcker seine Brötchen in Mehl zu wenden pflege), hat offensichtlich ein ferner liegendes Ziel vor Augen. Er bereitet so ein politisches Comeback vor oder startet zumindest eine gefährliche Obstruktions-Kampagne.

Gbagbo weiß, dass ihm sein Gegenspieler Ouattara kein Haar krümmen wird. Einen Märtyrer kann der künftige Präsident nicht brauchen, denn seine größte Herausforderung ist nun, das tief gespaltene Land so schnell wie möglich zu vereinen. Gbagbo erhielt bei den umstrittenen Wahlen im November mehr als 45 Prozent der Stimmen. Zumindest im Süden des Landes wird Ouattara zunächst gegen eine ihm feindlich gesinnte Bevölkerungsmehrheit regieren müssen. Dabei hilft dem ehemaligen Direktor des Weltwährungsfonds nicht, dass französische Helikopter im Endkampf um die Metropole Abidjan eingegriffen haben. Mit ihrem gemeinsam mit den UN-Schutztruppen durchgeführten Bombardement wichtiger Gbagbo-Stützpunkte brachen sie dem Ancien Régime den Rücken. Schon früher hatte Gbagbo seinem Gegenspieler vorgeworfen, eine bloße Marionette der ehemaligen Kolonialmacht zu sein. Nun sehen sich seine Anhänger und er in diesem Urteil noch bestätigt.

Keine Kontrolle über die Kämpfer

Neben den ideologischen hat Gbagbo auch noch militärische Trümpfe in der Hand. Kurz vor dem Endkampf hatte er die Waffenarsenale der Armee für seine Milizen geöffnet. Vor allem die „Jungen Patrioten“ unter ihrem hitzköpfigen Anführer Charles Blé Goudé werden so schnell nicht wieder von ihren Gewehren lassen. Vor allem deshalb wird die Sicherheitslage in Abidjan noch auf lange Zeit zumindest „unvorhersehbar“ sein, da sind sich Experten einig. „Selbst nach Gbagbos Abgang werden seine Anhänger schwer bewaffnet und äußerst frustriert sein“, sagt Hannah Koep von der internationalen Beraterfirma Control Risks.

Erschwerend kommt hinzu, dass auch Ouattaras Kontrolle über seine Kämpfer zu wünschen übrig lässt. Im Westen des Landes richteten ihm nahestehende Milizionäre in der vergangenen Woche ein Blutbad an. Ähnliche ethnischen Spannungen könnten sich im Verlauf des Übergangsprozesses häufig entladen, sollte Ouattara nicht mit entschiedener Härte gegen die Brandstifter vorgehen. Gbagbo kommen solche Zwischenfälle gelegen, solange sie nur die Konsolidierung der Macht seines Kontrahenten untergraben.

Dabei hätte Ouattara allein mit der Antwort auf die humanitäre Krise in seinem Land schon alle Hände voll zu tun. Die Lage der vier Millionen Einwohner von Abidjan werde von Tag zu Tag besorgniserregender, sagen Hilfsorganisationen. Hinzu kommt das Schicksal der mehr als eine Million Vertriebenen, die im Zuge der jüngsten Unruhen ihre Zuhause verloren haben.

Die Elfenbeinküste, die einst zu den wenigen funktionierenden Volkswirtschaften des Kontinents gehörte, wird wohl Jahre zu ihrer Erholung brauchen, sagen Experten. Während der Unruhen der vergangenen Monate haben sich sämtliche ausländischen Banken verabschiedet, Hunderte europäischer Geschäftsleute verließen das Land. Womöglich von der Aussicht befeuert, dass nun ein Banker mit besten internationalen Beziehungen ins Präsidentenbüro einzieht, scheint die Geschäftswelt trotzdem aufzuatmen. Noch während Gbagbo in seinem Bunker sitzt, entspannte sich der Kakao-Preis bereits, schoss der Wert der Staatsanleihe in die Höhe, die Gbagbo nicht bedienen wollte. Den Ivorern ist zu wünschen, dass das kein Strohfeuer naiver Geschäftemacher bleibt.

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