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Analyse zu Nordkorea König mit Tragödienpotenzial

Die Herrschaft von Nordkoreas Kim-Clan geht in die dritte Generation. Das Land wird damit zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.

Mehr als eine Million Menschen versammeln sich am 11. Januar 2003 auf dem Kim Il Sung Platz in Pyongyang, nachdem Nordkoreas Führung den Ausstieg aus dem Atomwaffensperrvertrag bekannt gegeben hat. Die Entscheidung markiert einen Höhepunkt der Isolierung des Landes und schürt den Konflikt mit den USA. Foto: dpa

Die Herrschaft von Nordkoreas Kim-Clan geht in die dritte Generation. Das Land wird damit zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.

William Shakespeare liebte Tyrannen, und das aus gutem Grund. Kein Stoff bescherte ihm verlässlichere Erfolge als Dramen über Herrscher zwischen Allmacht und Ohnmacht. In der Realität würde zwar niemand die Exzesse eines Macbeth oder Richard III. erleben wollen, aber auf der Bühne garantierten schlechte Regenten stets das bessere Theater.

Wenn die Weltöffentlichkeit derzeit wieder nach Nordkorea blickt, dann folgt auch sie vor allem der shakespearianischen Lust am Schauen und Schaudern. Der kränkelnde Diktator Kim Jong Il hat seine Arbeiterpartei zusammengerufen, um seinen jüngsten Sohn formell als Machterben zu installieren. Die Regentschaft des Kim-Clans soll damit in die dritte Generation gehen. 62 Jahre, nachdem Kim Il Sung mit Stalins Segen die Demokratische Volksrepublik Korea proklamierte, und 16 Jahre, nachdem Kim Il Sungs Tod seinen Sohn Kim Jong Il zum Alleinherrscher machte, soll nun wohl Kim Jong Un schrittweise die Staatsgeschäfte übernehmen. Nordkorea wird damit zur ersten kommunistischen Erbmonarchie.

Zwar ist über Kim III. bisher kaum mehr bekannt, als dass er knapp 30 Jahre alt ist und zeitweise in der Schweiz zur Schule gegangen sein soll und seit Dienstag den Rang eines Vier-Sterne-Generals innehat. Trotzdem sind die Hoffnungen groß, dass er das Volk aus der familiären Geiselhaft entlassen und auf den Weg der Reformen führen könnte – spätestens nach dem Tod seines Vaters. Man kann sich schwer vorstellen, dass Kim Jong Un den Isolationismus seines Vaters noch jahrzehntelang fortführen will. Er dürfte sich kaum Illusionen darüber machen, dass Nordkorea heute nicht nur eines der ärmsten und verschlossensten Länder der Welt ist, sondern auch eines der am meisten verachteten, bemitleideten und verspotteten. Dabei hat der Staat die Voraussetzungen für erfolgreiche Reformen: Seine Lage zwischen China, Russland und Südkorea ist strategisch günstig, er verfügt über eigene Rohstoffe, und die Weltgemeinschaft würde Nordkorea bereitwillig wirtschaftlich auf die Füße helfen, wenn sie damit das Problem einer unberechenbaren Atommacht lösen könnte.

Allerdings erbt Kim junior ein Regime mit wenig Handlungsspielraum und schwindender Autorität. Sein Großvater Kim Il Sung regierte noch mit dem Charisma eines Revolutionshelden, der sich seine Position im Krieg gegen Japaner und US-Amerikaner erkämpft hatte und seinem Volk die Vision eines Neuanfangs nach sowjetischem Vorbild aufzeigen konnte. Zwar konnte Kim I. seine Versprechen nicht halten und sich nur durch Grausamkeit gegen seine Widersacher an der Macht halten, doch seine Aura reichte aus, um in der Öffentlichkeit das Bild vom „Großen Führer“ aufrechtzuerhalten.

Kim Jong Il versuchte, die Ausstrahlung seines Vaters zu imitieren, indem er sich von der Staatspropaganda als „Geliebter Führer“ mit übermenschlichen Fähigkeiten inszenieren ließ: Bei seiner Geburt soll im tiefsten Winter der Frühling ausgebrochen sein, während des Studiums will er jeden Tag ein Buch geschrieben haben, und angeblich muss er nie die Toilette aufsuchen. In Wirklichkeit beruht die Herrschaft von Kim II. jedoch auf einem komplexen Machtgeflecht, das nach dem Wechselspiel von Zuckerbrot und Peitsche funktioniert. Die Familien der einflussreichen Fraktionen in Partei und Militär leben in einer abgeschlossenen Wohlstandssphäre, riskieren aber ihr Leben, wenn Zweifel an ihrer Loyalität aufkommen.

Auch Kim Jong Un dürfte in den kommenden Jahren propagandistisch verklärt werden, doch im Alltag herrscht er nur mit der Restautorität eines Revoluzzerenkels. Sein politisches Überleben hängt davon ab, dass er die Privilegien der Herrschaftselite sichern kann. Dabei dürfte es Kim III. zunehmend schwerfallen, seine Verbündeten zufriedenzustellen. Die Aufgabe wird auch dadurch kaum einfacher, dass sein Vater ihm seine erfahrensten Strippenzieher zur Seite gestellt hat: seine 64-jährige Tante Kim Kyong Hui, seit Dienstag ebenfalls Vier-Sterne-Generalin, und ihren Mann Chang Song Taek, den Stellvertreter des „Geliebten Führers“ in der Zentralen Militärkommission, dem mächtigsten Gremium des Lands.

Je stärker Nordkorea nämlich international auf Konfrontationskurs geht, umso schwieriger kommt es an die nötigen Devisen. Und je mehr der interne und externe Druck auf das Regime zunimmt, umso mehr Mächtige dürften nach Alternativen zur Kim-Herrschaft suchen. Sollte das Regime stürzen, wird Kim Jong Un als erstes für die Schreckensherrschaft seiner Familie büßen müssen.

Nordkorea wird also weiter Stoff für Welttheater bieten – und Kim Jong Un hat das Potenzial für eine große Tragödienfigur. In Richard III. belegte Shakespeare seinen tyrannischen Protagonisten mit dem Fluch, seine Freunde für Verräter zu halten und seine Verräter für Freunde – und nie wieder ruhig zu schlafen. Kim III. könnte ein ähnliches Schicksal erleiden; es sei denn, er beweist die Größe, das üble Spiel seiner Väter zu beenden.

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