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Analyse zu Kurden Aufmärsche an der Grenze

Im Schatten des syrischen Bürgerkrieges kehrt die Kurdenfrage zurück auf die politische Agenda. Das beunruhigt vor allem die Türkei.

Irakische Kurden tragen ihre Flagge in der Nähe von Baghdad. Foto: dapd

Entsetzt blickten die Türken auf die Fernsehbilder: Hunderte kurdische Kämpfer, die sich diszipliniert vom Nordirak zur syrischen Grenze bewegten. Massud Barzani, Präsident der semiautonomen Kurdenregion im Nordirak, hatte den Vormarsch befohlen und damit schlagartig das Kurdenthema auf die politische Agenda der Krisenregion gesetzt.

Es handele sich um syrische Kurden, die im Nordirak militärisch geschult worden seien, erklärte er ganz offen. Am Mittwoch nun reiste der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu in die nordirakische Hauptstadt Erbil, um Barzanis Flirt mit den syrischen Kurdenrebellen zu unterbinden. Denn im Kurdengebiet verschieben sich derzeit dramatisch die Kräfte – an der Türkei vorbei.

In Syrien leben rund 2,5 Millionen Kurden, etwa zehn Prozent der Bevölkerung, die meisten im Norden und Nordosten. Als sei es abwegig, dass die syrische Revolution auch die Kurdengebiete erreicht, griff der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan vergangene Woche zu scharfen Worten. In einem Fernsehinterview drohte er mit einem militärischen Eingreifen in Syrien wegen der mutmaßlichen Beteiligung der verbotenen Kurdenguerilla PKK. „Wir wissen, dass diese Ereignisse gegen uns gerichtet sind, und wir werden auf jeden Fall darauf reagieren“, polterte er. „Wir haben jedes Recht dazu.“

Damit reagierte Erdogan auf die de-facto-Machtübernahme der Demokratischen Unionspartei (PYD) in der syrischen Kurdenregion entlang der türkischen Grenze zwischen den Städten Afrin und Kamischli, wo Heißsporne schon eine „Autonome Region Westkurdistan“ ausgerufen haben. Die PYD gilt als Ableger der PKK, ihr Machtanspruch weckt die alte türkische Kurdenphobie und erinnert die Regierung in Ankara daran, dass ihre Versöhnung mit den Kurden auf halbem Weg stecken geblieben ist. Zwar vermutet Erdogan hinter der PYD-Offensive zu Recht eine Strategie des Assad-Regimes in Damaskus. Vieles deutet darauf hin, dass die syrische Armee sich bewusst aus dem Norden zurückgezogen hat, um der Türkei-feindlichen PYD das Feld zu überlassen.

Doch ist die PYD nicht einfach ein Vasall Assads. Denn auch ihre Kader zerstören Büros und Symbole des Baath-Regimes und kämpfen derzeit um die Übernahme der Verwaltung in den noch von Damaskus kontrollierten Großstädten Hasakah und Kamischli. Sie müssen sich zudem mit 16 anderen kurdischen Parteien auseinandersetzen, die sich unter Vermittlung Barzanis im sogenannten Kurdischen Nationalrat zusammengeschlossen haben. Mit ihnen verbindet sie das Ziel kurdischer Selbstverwaltung. Im Syrischen Nationalrat (SNC), dem wichtigsten Oppositionsverband, sind beide Gruppen nicht vertreten, weil der SNC kurdische Autonomieansprüche strikt ablehnt.

Dennoch klingen die Nachrichten aus Nordsyrien in der Türkei wie ein Déjà-vu. Vor zehn Jahren entstand im Nordirak eine kurdische Selbstverwaltung, die im Lauf der Zeit Züge eines eigenen Staates annahm. Doch in der Türkei war es tabu, den Namen Kurdistan auch nur auszusprechen, bis sich Erdogan vor fünf Jahren entschloss, die Realität zur Kenntnis zu nehmen. Inzwischen ist die Türkei der engste Partner des Nordiraks. Nur die Lager der PKK in den Kandil-Bergen stören noch. Trotz des Mantras „Wir wollen keinen geteilten Irak“ hat Ankara kürzlich sogar Barzanis Autonomiepolitik durch ein separates Ölgeschäft mit Erbil gestützt. „Wir wollen kein geteiltes Syrien“, sagt Erdogan jetzt. Er fürchtet, dass aus zwei kurdischen Halbstaaten irgendwann ein richtiger wird, mit Auswirkungen auf die türkischen Kurdengebiete. Die Türkei hat sich jedoch in eine schwierige Lage manövriert. Einerseits hat sie mit dem Assad-Regime gebrochen und unterstützt die syrische Opposition. Andererseits passt es ihr nicht, wenn die syrischen Kurden nun ebenfalls Demokratie und Selbstverwaltung fordern.

Anders als Ankara hat Barzani rechtzeitig auf die Entwicklung in Syrien reagiert. Er hat nicht nur syrische Kurden im Nordirak trainieren lassen, sondern verpflichtete auch PYD und Kurdischen Nationalrat zur Zusammenarbeit in einem „Hohen Kurdischen Rat“. Barzani will den Einfluss der PKK begrenzen. Darin ist er mit der Türkei einig. Aber er sieht den Nordirak als kurdische Schutzmacht und sich selbst als wichtigen Akteur. Vielleicht ist es seinem Einfluss zuzuschreiben, dass der türkisch sozialisierte PYD-Chef Salih Muslim betont, man sympathisiere zwar mit der PKK, sei aber nicht mit dieser identisch und strebe gute Beziehungen zur Türkei an.

Barzani kann seinerseits türkische Unterstützung im Konflikt mit der irakischen Zentralregierung gut gebrauchen. Seit Tagen stehen sich irakische Truppen und kurdische Peschmerga an der syrischen Grenze gegenüber. Bagdad möchte die Kontrolle über die Grenze, die Erbil nicht aus der Hand geben will. Ankara wird für seine Unterstützung sicher mehr Einfluss in Nordsyrien fordern. Dort sind jedoch nicht alle Angebote Barzanis willkommen. Die Kämpfer jedenfalls lagern immer noch auf nordirakischem Gebiet.Die PYD will sie nicht über die Grenze lassen.

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