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Analyse zu Argentinien Vertreibung aus dem Paradies

Argentinien macht nun das, was andere lateinamerikanische Staaten schon getan haben: die Hoheit über ihre nationalen Ressourcen sichern – zulasten Spaniens.

Gastanks der Firma YPF in Rio Gallegos, Santa Cruz. Foto: afp

Argentinien ist in diesen Tagen mal wieder ziemlich alleine. Was im Streit um die Verstaatlichung des Erdölunternehmens YPF gesagt und geschrieben wird, erinnert sehr an das Buenos-Aires-Bashing vor zehn Jahren, als die argentinische Regierung auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise den Staatsbankrott erklärte und seine Schulden nicht mehr zurückzahlte. Damals schrie die Finanzwelt auf und verstieß das südamerikanische Land. Argentinien ging seinen eigenen, riskanten, am Ende aber erfolgreichen Weg. Die internationalen Institutionen blieben dennoch misstrauisch. Auslandsinvestitionen fließen spärlich, Kredite gibt es kaum. Das dürfte nach der Nationalisierung der Tochter des spanischen Energiekonzerns Repsol nicht besser werden.

Trotz der Vorgeschichte verwundert es, wie wütend der Internationale Währungsfonds, einige lateinamerikanische Staaten, die Europäische Union und vor allem Spanien über Argentinien herfallen. Der IWF warnt vor der Verschlechterung des Investitionsklimas, die EU nennt die Verstaatlichung ein „sehr negatives Signal“ und sagt erst mal ein Treffen mit argentinischen Spitzenbeamten ab. Die spanische Regierung kündigte „diplomatische, energiepolitische, handelspolitische und industrielle Maßnahmen“ an. Das klingt fast so, als wollten die Machthaber in Madrid über Argentinien ein Embargo verhängen wie vor 60 Jahren die USA über das kommunistische Kuba. Warum ist da so viel Wut im Spiel? Argentinien hat doch nur das nachgeholt, was längst alle anderen Länder Lateinamerikas getan haben, egal ob konservativ oder progressiv: die Hoheit über ihre nationalen Ressourcen sichern.

Ein Blick auf Fakten, Hintergründe und Konsequenzen des Coups von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner zeigt, dass es bei dem Zoff um Repsol-YPF nicht nur Gute und Böse gibt und dass für beide Kontrahenten ziemlich viel auf dem Spiel steht. Kein Beteiligter bestreitet, dass die Öl- und Gasförderung des spanisch-argentinischen Unternehmens defizitär und seit 2008 um 17 respektive 31 Prozent zurückgegangen ist. Argentinien, jahrelang autark in der Energieversorgung, muss seit zwei Jahren im Wert von rund zehn Milliarden Dollar jährlich Treibstoffe im Ausland zukaufen und dafür wertvolle Devisen aus den Handelsbilanzüberschüssen einsetzen.

Die Präsidentin macht für die Engpässe das spanische Mutterunternehmen verantwortlich und wirft diesem fehlende Investitionen vor. Tatsächlich hat Repsol in den abgelaufenen fünf Jahren die satten Gewinne vor allem als Dividenden an die Aktionäre ausgezahlt. Bis zu 108 Prozent schüttete die Firma aus, also mehr noch, als sie überhaupt Gewinn machte. Der Vize-Minister für Wirtschaft Axel Kicillof, rechnete im Kongress vor, dass Repsol zwischen 1999 und 2011 rund 15,7 Milliarden Dollar an Dividenden zahlte. Da das Geld in die Taschen der Aktionäre floss, fehlte es bei Instandhaltung, Förderung und Suche nach neuen Reserven.

Was Kicillof unterschlägt: Die Regierung hat jahrelang toleriert, dass die Spanier das Geld aus dem Unternehmen ziehen. 2008 beschlossen die Aktionäre von Repsol-YPF, mit dem Plazet der Regierung, maximal 90 Prozent der Unternehmensgewinne auszuschütten. Weltweit sind nur 25 Prozent üblich.

Dennoch sah sich die Regierung jetzt zum Handeln gezwungen, wenn sie ihre knapper werdenden Handelsbilanzüberschüsse nicht im Energiezukauf regelrecht verbrennen will. Der Überschuss ist für Argentinien überlebenswichtig, denn die Exporteinnahmen sind die Hauptdevisenquelle. Ganz unbegründet ist also der Verdacht nicht, dass es Argentinien bei der Verstaatlichung nicht nur um eine Verbesserung der Energieproduktion ging, sondern auch darum, schnell an Geld zu kommen, um den Staatshaushalt zu sanieren. Repsol-YPF machte immerhin 15 Milliarden Dollar Gewinn jährlich.

Zupasskommt Präsidentin Kirchner dabei, dass Repsol-YPF 2011 in der Provinz Neuquen den größten Fund der Unternehmensgeschichte gemacht hat. Mit den entdeckten Ölschiefer-Vorkommen in Höhe geschätzter 927 Millionen Barrel könnte das südamerikanische Land zum Rohölexporteur aufsteigen.

Aber nicht nur deshalb schmerzt Repsol die Verstaatlichung der argentinischen Tochter. YPF trägt rund die Hälfte zur Gesamtproduktion des spanischen Konzerns und etwa ein Drittel zu dessen Bruttogewinn bei. Bei YPF hat Repsol rund die Hälfte seiner weltweiten Öl- und Gasreserven konzentriert. Somit kommt die Verstaatlichung unabhängig vom zu zahlenden Entschädigungsbetrag für das Unternehmen der Vertreibung aus dem Paradies gleich.

Und nun bangt man in der Regierung und in den vielen Firmenzentralen in Madrid, dass Repsol nur der Anfang einer Reihe von Verstaatlichungen sein könnte. Schließlich ist das Spanien der größte Auslandsinvestor in Argentinien. Vor allem Banken und Telekommunikationsunternehmen fürchten, sie könnten die nächsten sein, denen Cristina Fernández den Stuhl vor die Tür setzt.

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