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Analyse Wider den Rassendünkel

Erst als Thilo Sarrazin vom Judengen sprach, musste er gehen. Doch seine anderen Attacken waren schon übel genug.

Bei der Debatte um Sarrazin war gut, dass sie so schnell vorbei war. Schade war, dass es erst Sarrazins Rede vom Judengen war, die das Fass zum Überlaufen brachte. Seine Äußerungen, man könne sich sparen, Muslime mit Bildungsangeboten zu bombardieren, es käme doch nichts dabei heraus, riefen zwar die Empörung der Betroffenen hervor. Sie bewirkten auch heftigen Einspruch in der Presse und bei Vertretern der Politik.

Aber keiner der Kollegen in der Bundesbank fühlte sich veranlasst, in einem Interview zum Beispiel zu sagen: „Herrn Sarrazins Äußerungen sind rein privater Natur. In keiner der Sitzungen der Bundesbank hat er sich ähnlich geäußert. Ich kenne diese Seite nicht an ihm. Ich bin entsetzt. Das ist natürlich eine ganz private Meinung von mir. Auch ich spreche nicht als Mitglied des Vorstands der Bundesbank. “

Die Geschichte kam zu einem Ende dank des beherzten oder doch jedenfalls von Herzen kommenden Eingreifens der Bundeskanzlerin. Darüber bin ich froh, und als ihre Stellungnahme bekanntwurde, war das einer der wenigen Momente, in denen ich mich gefreut habe, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin ist. Es heißt immer wieder, sie solle öfter ein Basta sagen. Diesmal hat sie es getan und sie hat es energisch getan und es durchgesetzt. Wir haben Glück.

Aber es bleibt der unangenehme Geschmack bei der Sache, dass, hätte die Zeitung Die Welt Sarrazin nicht das Judengen entlockt, weder die Kanzlerin noch Bundesbank und SPD die Notbremse gezogen hätten. Das wäre schade. Denn, wie Michel Friedman sagte, geht es in der Causa Sarrazin nicht um die Probleme bei der Integration, nicht um das Judengen, sondern darum, dass Sarrazin ganzen Bevölkerungen die Möglichkeiten zu intellektuellem und sozialem Aufstieg abspricht.

Die Deutschen haben ihre Lektion gelernt

Solche Vorstellungen prägten rassistische und sozialdarwinistische Überlegungen des 19. Jahrhunderts. Sie waren damals schon nicht Ergebnis seriöser Forschung, sondern Ausdruck von Rassen- und Standesdünkel. Sie prägten jene Weltbilder, die im Nationalsozialismus zusammengeschmolzen wurden zu einer Phantasmagorie, in der dann von deutschen Tugenden gesprochen werden konnte im Gegensatz zu den Charaktereigenschaften von Franzosen, Engländern und Amerikanern. Von Russen, Juden und Schwarzen ganz zu schweigen.

Die Deutschen haben ihre Lektion, was Rassen- und Standesdünkel angeht – soweit überhaupt – am Judenmord gelernt. Nein, nicht daran, sondern an der anschließenden Auseinandersetzung darüber. Es dauerte lange. Schwer zu ertragen lange. Aber nun sieht es so aus, als gäbe es doch – wenigstens in der Bundespolitik – einen Konsens darüber, dass von einem Judengen zu sprechen „inakzeptabel“ sei. Das ist ein lächerlich kleiner, aber – angesichts der lang andauernden Vorgeschichte – doch auch ein gewaltiger Fortschritt.

Wieweit die Bevölkerung an ihm partizipiert, werden die nächsten Umfragen zeigen. Ob wenigstens der Landesvorstand der Berliner SPD weiß, was sich gehört, werden wir am Montag erfahren. Wir sollten lernen, „Stoppt den Rassismus“ zu rufen, auch wenn der sich nicht gegen Juden äußert. Erst dann hätten wir eine Lehre gezogen, aus dem, was wir oder doch einige unserer Eltern und Großeltern getan haben. Aber so schlüssig wird nicht einmal in der Schule, geschweige denn im Leben gelernt.

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