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Analyse Verwirrung und Gewalt

Der Westen zögert, die Nachbarn Mauretanien, Niger und Burkina Faso halten wenig von einer Invasion. So zerfällt Mali langsam weiter vor sich hin.

Islamistische Gruppen kontrollieren den Norden Malis. Foto: ap

Über Monate herrschte gespannte Ruhe an der provisorischen Grenze, die Mali seit April 2012 teilt. Doch am Montag sichtete Malis Armee Pick-up-Kolonnen bärtiger Krieger mit aufmontierten Geschützen. „Wir warten ab“, erklärte ein malischer Militär. „Wenn sie uns angreifen, schlagen wir zurück.“ In der Nacht fielen erste Schüsse.

Seit einem Dreivierteljahr kontrollieren islamistische Gruppen den Norden Malis: Die Verteidiger des Glaubens (Ansar Dine), die von Algeriern dominierte Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQIM), ihre Abspaltung MUJAO, neuerdings auch eine Filiale der libyschen Ansar al-Sharia. Gemeinsam beherrschen sie ein Territorium etwa von der Größe Frankreichs, verhängen brutale Strafen gegen Ehebrecher, Raucher und alle, die Musik hören. Sie zerstören eine tolerante islamische Kultur samt ihrer Heiligtümer, weil sie diese als ketzerisch ansehen. Hunderttausende sind geflohen, die Infrastruktur kollabiert, die Nahrungsmittel werden knapper. Die Islamisten machen für das Elend die Ungläubigen und „Kreuzfahrer“ verantwortlich, rekrutieren junge Kämpfer, befestigen mit schwerem Gerät ihre Stellungen. Westliche Geheimdiensten schätzen ihre Kampfkraft auf etwa 6?000 Mann, einschließlich Verstärkung aus Ägypten, Nigeria und dem Sudan.

Eine Fraktion der neuen Herren, angeführt vom zwielichtigen Ansar-Dine-Chef Iyad Ag Ghali, hält die zitternden Nachbarn derzeit mit Offerten hin. Burkina Fasos Präsident Blaise Compaoré spielt den Vermittler. Am 1. Januar hatten die Islamisten wieder einen Vorschlag parat. Sie sind bereit, auf eine Unabhängigkeit Nordmalis zu verzichten, die „strikte Einhaltung des islamischen Rechts“ aber ist für sie ein „nicht verhandelbarer Imperativ“. Das wäre eine Fixierung des Status Quo: Sie wollen weiter unbehelligt herrschen, Menschen auspeitschen, steinigen und ihnen Hände abschlagen.

Es ist nicht erkennbar, wohin diese Verhandlungen führen könnten. Doch die laut angekündigte Militärintervention kommt seit Monaten kaum voran. Wohl hat Westafrikas Staatengemeinschaft Ecowas beschlossen, 3?300 Soldaten nach Mali zu entsenden. Der UN-Sicherheitsrat gab am 21. Dezember seinen Segen, die EU beschloss eine ergänzende „Trainingsmission“. Sie soll die „militärische Schlagkraft und Einsatzwirksamkeit“ Malis erhöhen. All dies klingt sehr entschlossen. Tatsächlich geschieht nichts. Bei der Vorbereitung herrsche „totale Verwirrung“, sagt Idriss Deby, Präsident des Tschad. „Die Frage ist, was die Malier wollen.“

Das fragen sich alle. De facto herrscht in Bamako eine Gruppe von Offizieren um Hauptmann Amadou Sanogo, der Malis Demokratie im März füsiliert hat. Aus nicht ganz unverständlichen Gründen. Seit 2003 konnten Islamisten im Sahel ihre Kriegskasse füllen, erpressten mit Entführungen eine mindestens zweistellige Millionensumme aus Europa und verdienten prächtig am trans-saharischen Drogen- und Waffenschmuggel. Bamako diente als eine Art Kidnapping-Börse, es sollen Prozent an Regierende geflossen sein. Bis die im Norden verheizten Soldaten putschten. Seither zieht Hauptmann Sanogo aus einer Kaserne nahe Bamako die Fäden.

Auch der Rest von Mali ist seither alles andere als stabil. Der Leidensdruck wächst: Die Wirtschaft taumelt, der Tourismus ist kaputt, die Preise steigen, die Löhne fallen. Der Nationalstolz scheint gebrochen. Viele würden den Norden am liebsten im Alleingang heimholen. Milizen trainieren junge Kämpfer für den Feldzug. „Wir werden nicht darauf warten“, verspricht Interimspräsident Dioncounda Traoré, „dass der Krebs sich ausbreitet.“

Doch der Westen zögert. Politiker geben sich sehr besorgt, scheuen das „Abenteuer“, fragen, ob Bamako derzeit die Basis für einen Einsatz bietet, ob Malis Militär überhaupt trainierbar sei. Die EU pumpt seit Jahren Millionen in den Sahel. Es gab bereits etliche Militärmissionen in der Region. Ein Absolvent der letzten US-Militärschulung ist der Putschist Sanogo.

Auch Nachbarn wie Mauretanien, Algerien, Niger und Burkina Faso sehen eine Invasion skeptisch. Sie fürchten nur noch mehr Probleme – mit abgedrängten Kriegern. Viele spielen ein doppeltes Spiel, vor allem Algerien, die mit weitem Abstand größte Militärmacht der Region. Das Land führt seinen eigenen Kleinkrieg gegen die Islamisten, betreibt mit einigen Nachbarn ein gemeinsames Militärkommando. Gelegentlich werden „Terroristen“ verhaftet und Waffen beschlagnahmt. Zugleich aber scheint der algerische Geheimdienst die Islamisten auch als Instrument zu nutzen. Die ewige Terrorgefahr erleichtert die Perpetuierung eines militarisierten Staates. Algeriens neuster Plan: ein Millionen teurer Hightech-Zaun an der Grenze zu Mali.

Der Westen sagt: Erst Wahlen, dann Krieg. Sanogo will es andersherum. „Wir müssen erst wieder eine legitime Regierung in Bamako etablieren“, findet Carter F. Ham, Kommandeur des US Africa Command. „Da gibt es noch viele offene Fragen“, sekundiert Deutschlands Außenminister Westerwelle. Fragen kostet nichts. Es ist auch bequemer als zu antworten.

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