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Analyse Nach dem Monsun

In Sri Lanka ist zwar der Bürgerkrieg offiziell beendet. Doch der Inselstaat bleibt zweigeteilt. Im ehemaligen Rebellengebiet klappt nicht mal der Katastrophenschutz.

Die Menschen in Sri Lanka leiden noch immer unter den Folgen des Bürgerkriegs.

Jeder Mensch trägt eine Karte von Sri Lanka in seiner linken Hand: Die Hauptstadt Colombo am Daumen, die Stadt Galle links an der Handwurzel, am kleinen Finger Trincomalee. Und ganz oben, an der Spitze des Mittelfingers, liegt Jaffna, die Metropole der Tamilen. Dorthin reist jedoch kaum einer der Touristen, die den Inselstaat im Indischen Ozean besuchen. Im Norden und Osten des Landes führten Truppen der sri-lankischen Regierung und die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) 37 Jahre lang einen Bürgerkrieg. Die LTTE sah sich als Befreier der tamilischen Minderheit, meist Hindus, die von buddhistischen Singhalesen, drei Vierteln der Bevölkerung, unterdrückt wurden. Der Krieg endete im Frühjahr 2009, nachdem das Militär Rebellen und Zehntausende tamilische Zivilisten auf wenigen Quadratkilometern eingekesselt und bombardiert hatte. Mitte Mai 2009 erklärte Präsident Mahinda Rajapakse die LTTE für besiegt.

In diesem Februar wütete in der Region um Jaffna und im Osten der Monsun. Das Wasser stieg in den Häusern und empor an Mauerresten, die von Einschusslöchern übersät sind. Es stieg auf den Reis- und Gemüsefeldern und vernichtete fast die gesamte Ernte. Nach offiziellen Angaben starben mehr als 60 Menschen, fast eine Million Tamilen sind betroffen von der Katastrophe. Ihr offizieller Verursacher ist die Natur, ihr prominenter Zuschauer ist der Präsident. Eine vorausschauende Regierung hätte die von der Flut bedrohten Gebiete präventiv evakuieren und Schutzwälle errichten lassen.

Nun, da es zu spät ist, bewilligte Rajapakse 30 Millionen Dollar zum „Wiederaufbau“. Die Vereinten Nationen starteten einen Hilfsaufruf im Umfang von 38 Millionen Euro; nach bisherigen Informationen erhielten sie erst ein Fünftel an Zusagen. Allein der Wert der vernichteten Reisernte beträgt jedoch rund 90 Millionen Euro, verkündet der Minister für Katastrophenmanagement, Mahinda Amaraweera. Die Regierung verteilt Reis und Linsen an die Notleidenden, aber es fehlt an Brennholz, medizinischer und hygienischer Versorgung. Möglich, dass der Präsident rechtzeitig mehr Engagement gezeigt hätte, hätten der Westen und Süden unter Wasser gestanden – die Orte, an die die Touristen reisen und in denen mehrheitlich Singhalesen leben.

Die Flut trifft jene, die besonders verletzbar sind – die Flüchtlinge des Bürgerkriegs. Tamilen, die gerade damit begonnen hatten, sich eine Existenz aufzubauen, in der es vielleicht um ein bisschen mehr als ums bloße Überleben geht. Das wäre ohnehin beschwerlich gewesen. Der Krieg hat sämtliche Familien- und Dorfstrukturen zerstört, Tausende leben noch immer in Internierungslagern unter Verdacht, zu den LTTE-Rebellen zu gehören. Die Befreiungstiger zwangsrekrutierten ihre Kämpfer aus der Zivilbevölkerung – im Schnitt drei Angehörige einer Familie, auch junge Frauen.

Diejenigen, die die Regierung verhaften ließ, sind laut Menschenrechtlern willkürlicher Gewalt von Polizisten ausgesetzt, es gibt Berichte von gezielter sexualisierter Gewalt des Militärs gegen Frauen und Mädchen. Wer in die Freiheit entlassen wird, erhält Notgeld für wenige Tage und bleibt dann sich selbst überlassen, an einem Ort im Norden oder Osten, an dem er vielleicht noch Verwandte hat. Dort herrschen die Kriegsgewinner, die sri-lankische Armee. Sie steht jungen Tamilen gegenüber, die kaum anderes als Schießen gelernt haben.

Die Rebellen der LTTE – so brutal sie die eigene Bevölkerung missbrauchten als Rekruten, Geldgeber und zum Schluss sogar als lebende Schutzschilde im Kugelhagel des sri-lankischen Militärs – einte ein politisches Ziel: ein eigener, unabhängiger Staat. Nun, befürchten dortige Nichtregierungsorganisationen, könnte eine neue LTTE entstehen, ein strukturloses Rächerkommando junger Männer, die mit fünf Jahren Verspätung die Rechtfertigung dafür liefern, weshalb die EU ihre Terrorliste 2006 um die LTTE erweiterte.

Im Fokus des sri-lankischen Interesses steht jedoch der Tourismus, der das Land in positives Licht rücken soll. 2011 hat Rajapakse zum „Visit Sri Lanka Year“ ausgerufen, 2016 will die Regierung 2,5 Millionen Urlauber locken – fünfmal so viele wie im vergangenen Jahr. Der Entwicklungsplan für die ehemaligen Bürgerkriegsgebiete, der „Eastern Province Development Action Plan“, den das Tourismusministerium ausgegeben hat, sieht den Bau von Hotels, Flughäfen und Straßen vor. Es ist absehbar, dass davon vorrangig die singhalesische Mehrheit profitiert – die Kolonialisierung der Region ist in vollem Gang. Etabliert hat sich zudem eine Art „Urlaub in der Region“; Singhalesen, die in den besiegten Gebieten an Strände und Tempel reisen, an denen Rajapakses Armee Wache steht.

An der katastrophalen Lage der Tamilen wird sich also mit oder ohne Monsun wenig ändern, wenn sich an der Art des „Wiederaufbaus“ nichts ändert. Der Präsident hingegen wird wohl besseren Katastrophenschutz im Norden und Osten seines Landes betreiben, wenn er dort künftig Singhalesen und Touristen vor tödlichen Wassermassen bewahren muss.

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