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Analyse Krieg, Putsch und Tuaregs

Der Konflikt mit den Tuaregs schien beigelegt – bis die Zerschlagung des Gaddafi-Regimes die Kämpfer aus Libyen wieder nach Mali zurückkehren ließ.

Foto: Reuters

Militärcoups sind verpönt. Jede internationale Organisation hat sie auf den Index gesetzt. Doch nicht immer wird der pauschale Bann den tatsächlichen Verhältnissen gerecht. In Afrika hat mancher Putsch die Bevölkerung aus einer Notlage befreit. Auch die niederrangigen Offiziere, die vergangene Woche die Regierung des westafrikanischen Staates Mali absetzten, nehmen für sich in Anspruch, in Wahrheit die Bevölkerung aus einer Bredouille zu befreien, in die sie nicht zuletzt das westliche Bündnis der Nato durch die Zerschlagung des Gaddafi-Regimes gebracht hat.

An den Motiven der von dem bislang völlig unbekannten Hauptmann Amadou Sanogo geführten Putschisten besteht kein Zweifel: Sie wollten dem Aderlass ihrer Kameraden ein Ende setzen, die im Norden des Landes einen neuerlichen Aufstand der Tuaregs niederschlagen sollen. Die rund 70?000 Mann starke Armee ist den Rebellen, die im Verlauf des vergangenen Jahres aus Libyen zurückgekehrt sind, nicht gewachsen. Letztere wurden als Gaddafis Elitetruppler bestens ausgebildet und nahmen bei ihrer Flucht auch noch modernstes militärisches Gerät mit.

Touré, der einst selbst Malis Fallschirmspringer kommandierte, nahm die Klagen seiner Truppe offenbar nicht ernst genug. Selbst westliche Diplomaten werfen dem als demokratischem Vorzeigepräsidenten gepriesenen „Soldaten des Friedens“ vor, nicht entschieden genug gegen die neuerliche Bedrohung der Tuaregs vorgegangen zu sein.

Schon seit Jahrzehnten kämpft das Nomadenvolk für mehr Autonomie oder gar einen eigenen Staat, den sie Azawad nennen wollen und der sich über die Territorien Malis, Algeriens, Libyens und des Niger ausbreiten würde. In diesem Bestreben wurden sie einst teilweise auch von Gaddafi unterstützt. Nachdem es Mali jahrzehntelang nicht gelang, die Rebellen militärisch auszuschalten, versuchte es der zweimal zum Präsidenten gewählte Ex-Putschist Touré mit dem Zuckerbrot: Er bot den Tuaregs mehr Autonomie und einigen tausend ihrer Kämpfer Beschäftigung in den Streitkräften an. Der Schmusekurs zeigte Erfolg, der Konflikt mit dem Nomadenvolk schien einigermaßen beigelegt – bis die Zerschlagung des Gaddafi-Regimes und die Rückkehr der streitbaren Tuareg-Kämpfer aus Libyen dem Frieden wieder ein Ende setzten.

Anfang des Jahres wurde die militante „Nationale Bewegung für die Befreiung Azawads“ (MNLA) gegründet, die jetzt gemeinsam mit der islamistischen Tuareg-Gruppe „Ansar Dine“ (Verteidiger des Glaubens) den Norden Malis in ein Bürgerkriegsgebiet verwandelte. Hunderte malischer Soldaten wurden getötet: Die Putschisten stehen mit ihrer Wut über die Opferung der Truppe nicht allein. Das zeigen die Tausende von Malier, die am Mittwoch zur Unterstützung der Junta in der Hauptstadt Bamako auf die Straße gingen.

Trotzdem weht Hauptmann Sanogo der Wind ins Gesicht. Dem bislang unbedeutenden Offizier ist es nicht gelungen, die Unterstützung heimischer Politiker zu gewinnen. Selbst die Opposition will von den Putschisten nichts wissen. Dort verweist man darauf, dass die Offiziere die für April geplanten Wahlen hätten abwarten können, zu denen Touré ohnehin nicht mehr antreten konnte. Der Krieg im Norden hätte zu diesem Zeitpunkt allerdings längst zugunsten der Tuaregs entschieden sein können, wenden die Putschisten ein. Die Spaltung Malis und die Etablierung eines die gesamte Region destabilisierenden Unruheherds wäre so perfekt gewesen.

Diese Gefahr hat allerdings auch der Putsch nicht beseitigt – im Gegenteil. Die derzeitigen Unruhen im Süden des Landes wussten die Rebellen für weitere Angriffe und Geländegewinne zu nutzen. Mit Kidal ist zumindest eine der drei wichtigen nördlichen Städte bereits umzingelt. Timbuktu und Gao werden von den Tuareg-Kämpfern als nächstes ins Visier genommen.

Für David Zounmenou, Westafrika-Kenner des Instituts für Sicherheitsfragen in Pretoria, besteht kein Zweifel, dass den militanten Tuaregs militärisch begegnet werden müsse. Sie hätten nicht einmal eine Mehrheit der Tuareg-Bevölkerung hinter sich – von der Gefahr, die deren Sezessionsgelüste für die ganze Region herauf beschwörten, ganz zu schweigen. Als militärische Macht, die den hochgerüsteten Nomaden Paroli bieten könnte, kommt aber nur eine Interventionstruppe des westafrikanischen Staatenbunds Ecowas in Frage. Der hat auf seiner Sondersitzung am Dienstag einen derartigen Eingriff schon erwogen.

Dabei schweiften die Blicke allerdings auch nach Westen, von wo man sich zumindest finanzielle Hilfe verspricht. Bislang haben sich die westlichen Regierungen aber nur mit Verdammungsurteilen des Coups zu Wort gemeldet. Wie mit dem Tuareg-Problem umgegangen werden sollte, dafür fehlt offenbar auch in Washington, London, Paris oder Berlin ein Konzept. Immerhin wurde in Berlin inzwischen eine „Task Force Sahelzone“ eingesetzt. Ein Eingeständnis, dass der Militäreinsatz in Libyen die Region nicht etwa befriedet, sondern höchst instabil gemacht hat.

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