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Analyse Israel zwischen Laptop und Schläfenlocken

Die Spannungen zwischen Säkularen und Religiösen sind nur eine Facette des Kulturkampfs in Israel –einem zerrissenen Land mit Einwanderern aus aller Welt.

Foto: Reuters

Tanja Rosenblit hat es vorgemacht. Eine Israelin, die nicht gerade streng fromm ist, aber auf jüdische Traditionen Wert legt. Und damit, findet Tanja Rosenblit, steht die Gleichberechtigung von Mann und Frau durchaus im Einklang. Dass sie sich die Freiheit herausnahm, in einem Bus, den vor allem Ultraorthodoxe benutzen, sich auf einen der vorderen Plätze zu setzen, war ein Eklat. Schläfengelockte Juden in Schwarz (Haredim), die nur Gott fürchten und irdische Gesetze nur bedingt achten, waren erbost und versuchten sie von ihrem Sitz zu drängen. Nach Haredi-Überzeugung haben Frauen im Bus hinten zu sitzen. Die Polizei schritt ein. Tanja Rosenblit setzte sich durch. Seitdem ist sie für säkulare Israelis eine Heldin, die sogar mit Rosa Parks verglichen wird – jener schwarzen US-Amerikanerin aus Alabama, die 1955 in einen „weißen“ Bus stieg, um gegen die Rassensegregation zu protestieren.

Sonntagabend taten es ihr hunderte Israelis nach. Mobilisiert über Facebook fuhren Männer und Frauen in kleinen gemischten Gruppen landesweit in Mehadrin-Bussen mit. So werden jene Linien im öffentlichen Nahverkehr genannt, in denen für eine Probezeit laut Oberstem Gerichtsbeschluss die Geschlechtertrennung erlaubt ist – soweit sie freiwillig praktiziert wird. Eine entscheidende Einschränkung, den die Aktivisten der Kampagne Hotorerut (Wacht auf) der ultraorthodoxen Fahrgastklientel vor Augen führen wollten.

Es war ihr Versuch, sich gegen die schleichende „Haredisierung“ der israelischen Gesellschaft zu stemmen. Sonst, meinte eine junge Demonstrantin, „haben wir am Ende Zustände wie in Teheran“. Die Ultrafrommen machen zwar nur zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Aber ihr Einfluss wächst, vor allem dank ihrer rekordverdächtig hohen Geburtenrate. Acht bis zwölf Kinder sind in einer Haredi-Familie keine Seltenheit. Immer mehr „Gottesfürchtige“ ziehen aus ihren Ghettos in Mea Schearim in Jerusalem oder Bnei Brak nahe Tel Aviv in Viertel, die früher säkular waren. Ganze Städte wie Modiin, aber auch große neu gebaute Stadtbezirke werden heute von Ultraorthodoxen dominiert.

Liberale Israelis auf dem Rückzug

Liberale Israelis, eigentlich die Mehrheit, sehen sich vielerorts auf dem Rückzug und von den Frommen geradezu überfahren, die beileibe nicht nur auf strikte Einhaltung der Ruhegebote am Sabbat achten. Davon zeugen die Vorfälle der jüngsten Zeit: das Anspucken eines achtjährigen Mädchens, das, obgleich es Ellbogen und Knie bedeckt trug, ultraorthodoxen Eiferern als nicht züchtig genug gekleidet erschien. Oder auch der unsägliche Einsatz von Kindern, die eine radikale Haredim-Sekte in KZ-Hemden steckte, versehen mit gelbem Davidstern, um gegen die Gefängnisstrafe für einen ultraorthodoxen Randalierer zu protestieren.

Dennoch sind die Spannungen zwischen Säkularen und Religiösen nur eine Facette des Kulturkampfs made in Israel. Einem Land aus Einwanderern aus allen Ecken der Welt, das von vielen inneren Widersprüchen zerrissen wird. Ein Land, das sich auf dem Hightech-Gebiet hervortut und doch mit einem Fuß im Mittelalter steckt. Einem Land, das stolz ist, ein jüdischer Staat zu sein und zugleich eine Demokratie. Die Einzige im Nahen Osten, wie die nationalrechte Regierung gerne betont. Dabei ist sie es, die mehrere antidemokratische Gesetze initiiert hat, etwa um linken Nichtregierungsorganisationen finanziell das Wasser abzugraben und das Oberste Gericht, eine liberale Bastion, zu stutzen.

In dieser Gemengelage geben die Haredim, die meist weder Militärdienst leisten noch Steuern zahlen und als Sozialhilfeempfänger der israelischen Mehrheit auf der Tasche liegen, ein allzu leichtes Feindbild ab. Für Premier Benjamin Netanjahu eine willkommene Gelegenheit, seine liberale Seite hervorzukehren und sich als Verteidiger von Frauenrechten zu profilieren. Auswüchse wie das Bespucken von Schülerinnen oder eine erzwungene Geschlechtertrennung seien mit ihm nicht zu machen, hat er mehrfach bekräftigt.

Netanjahus Koalition als Lobby-Handlanger

Ähnlich starke Worte vermisst man gegenüber den Westbank-Siedlern, die Gerichtsurteile missachten und nach Belieben Außenposten auf fremden Boden errichten. Tatsächlich ist Netanjahus Koalition längst zum Handlanger der religiös-zionistischen Siedlerlobby geworden. Die beiden ultraorthodoxen Fraktionen von Schas und Thora-Partei sind eher Beiwerk, eine zusätzliche Stütze im rechtskonservativen Lager.

Dass die Haredim, ohnehin in viele Untergruppen zersplittert, nicht Israels einziges Problem sind, betonten übrigens auch die Busaktivisten, die am Sonntag auf den vorderen Sitzen in koscheren Mehadrin-Bussen niederließen. Israel dürfe nicht zu einer Theokratie verkommen, meinte einer der Organisatoren, Eldad Rostan. Und das müssten anti-zionistische Ultraorthodoxe genauso begreifen wie national-religiöse Siedler. Denn es gehe um nichts weniger als um Israels Zukunft als demokratischer Staat. Eine Sorge, die zumindest die Bürgerrechtler der fast eingeschlafenen israelischen Linken wachgerüttelt hat.

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