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Analyse Diktatur als kleineres Übel

In den Kurdengebieten Syriens haben die geschulten Kader der sozialistischen PYD das Sagen. Sie sichern den Frieden für die Kurden, aber das hat seinen Preis.

Syrische Kurden demonstrieren mit einem Porträt des PKK-Führers Abdullah Ocalan. Foto: REUTERS

Auf einem Hochplateau in Syrien gegenüber der Kleinstadt Senyurt im Südosten der Türkei weht seit vier Monaten eine kurdische Fahne. In einem knapp hundert Kilometer breiten, mehr als 600 Kilometer langen Landstreifen an der gemeinsamen Grenze haben syrische Kurden großenteils die Macht übernommen, nachdem sich das Regime Baschar al-Assads im Juli aus dem Gebiet zurückzog. Eine Provokation für Ankara. Dort fürchtet man, dass zwischen den syrischen Städten Kamischli und Afrin eine autonome kurdische Region wie im Nordirak entsteht, die eine Sogwirkung auf die Kurdengebiete der Türkei entfalten oder gar den Keim für ein Großkurdistan pflanzen könnte. Die syrischen Kurden wiederum glauben, dass die an der Grenze aufgefahrenen türkischen Panzer gegen sie und nicht gegen das Assad-Regime gerichtet seien.

Die gegenseitigen Befürchtungen entbehren nicht der Grundlage. In den Kurdengebieten Syriens haben jetzt die geschulten Kader der 2003 gegründeten sozialistischen Demokratischen Unionspartei (PYD) das Sagen. Die PYD ist der syrische Nachfolger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und strebt ein Großkurdistan an. Der frühere syrische Diktator Hafiz al-Assad hatte dem PKK-Führer Abdullah Öcalan zwei Jahrzehnte lang Gastrecht gewährt, und jener nutzte die Zeit, um sich in Syrien eine starke Basis zu schaffen. 1998 ließ Assad Öcalan fallen, er ist in der Türkei inhaftiert. Seither wurden seine Anhänger in Syrien verfolgt. Auch wegen ihres Widerstands wird Öcalan in „Westkurdistan“ heute wie ein Heiliger verehrt.

Waffen und Kämpfer

Auf die Machtübernahme hatte sich die PYD gründlich vorbereitet, Waffen gehortet und alle wichtigen Behörden übernommen. Sofort wurden die syrischen durch kurdische Fahnen und die Assad-Bilder durch Öcalan-Fotos ersetzt. Gegen die PYD-Kader hatten die übrigen, untereinander zerstrittenen, Oppositionsparteien, die sich auf Druck des nordirakischen Kurdenführers Massud Barzani zum „Kurdischen Nationalrat“ (KNC) zusammenschlossen, nicht den Hauch einer Chance. Die PYD besitzt ihre Macht aber nicht nur, weil ihr eine Mehrheit der Bevölkerung folgt, sondern weil keine andere Kurdenpartei ähnliche Effektivität und vor allem Kämpfer und Waffen besitzt. Zwar vertritt die PYD ideologisch einen antiwestlichen, auf Dauer kaum praktikablen Rätekommunismus, doch in der Stunde der Not ist es ihr gelungen, das öffentliche Leben und den Frieden aufrechtzuerhalten. Das hat sie mit Öcalans Dogma strikter Neutralität im Syrienkonflikt erreicht. Alle Straßen zwischen Kurdengebieten und den vom Regime und der Freien Syrischen Armee (FSA) gehaltenen Regionen ließ die PYD durch schwer bewaffnete „Volksverteidigungseinheiten“ sichern.

Als die FSA entstand, um Demonstranten zu schützen, lehnte die PYD deshalb eine Zusammenarbeit ab. Ein Grund ist ein tief verankertes gegenseitiges Misstrauen. Die rund zwei Millionen Kurden wurden in der „Syrischen Arabischen Republik“ nicht als gleichwertige Staatsbürger anerkannt, 2004 ließ Baschar al-Assad einen kurdischen Aufstand brutal niederschlagen. Das Misstrauen ist nach der Revolution geblieben; teilweise zu Recht – bisher verweigert der oppositionelle Syrische Nationalrat (SNC) die Anerkennung des Rechts auf Selbstverwaltung für Minderheiten. Die PYD unterstellt dem SNC auch deshalb, von der Türkei gesteuert zu werden. Umgekehrt glauben die meisten syrisch-arabischen Exilpolitiker und FSA-Kommandeure fest daran, dass Baschar al-Assad die Kurdengebiete freiwillig räumte, um die PYD gegen die Türkei und gegen die FSA in Stellung zu bringen. Als Beweis dient ihnen die Tatsache, dass das Regime noch immer Stützpunkte im Kurdengebiet besitzt. PYD-Führer dementieren Abkommen mit Damaskus jedoch und versichern, niemand habe die Absicht, die Türkei anzugreifen. Angesichts der Kräfteverhältnisse wirkt zumindest letzteres realistisch.

Image der PYD gestärkt

Das Patt wurde gestört, als eine FSA-Brigade Ende Oktober gewaltsam in das Kurdenviertel al-Ashrafiya in Aleppo einmarschierte und sich festsetzte. Hintergründe und Abläufe werden unterschiedlich dargestellt. Sicher ist: Nun wurde das Viertel erstmals massiv von Assads Luftwaffe bombardiert. Als daraufhin Tausende Kurden gegen die FSA demonstrierten, fielen erneut Schüsse, mehr als 50 Menschen starben. Schließlich vertrieben PYD-Einheiten die FSA und bewiesen damit ihre Stärke. Kurz darauf räumte der FSA-Kommandeur Malik al-Kurdi ein, man habe mit dem Angriff auf al-Ashrafiya einen Fehler begangen. Es sei falsch, wenn die syrische Opposition sich gegenseitig bekriege. Bei Verhandlungen einigten sich beide Seiten auf einen Waffenstillstand und den Austausch von zivilen Gefangenen. In Westkurdistan hat der Zwischenfall das Image der PYD gestärkt. Kritiker aus dem Kurdischen Nationalrat erkennen nun, dass es derzeit keine echte Alternative zu Öcalans Anhängern gibt. Dass man eine Diktatur gegen eine andere eintauschen könnte, wirkt angesichts des durch die PYD garantierten Friedens in einem Meer der Gewalt wie das kleinere Übel.

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