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Analyse Aufgerüstet für die Weltmeisterschaft

In Brasilien erobert der Staat die Armenviertel zurück von der Drogenmafia. Es ist das erste sicherheitspolitische Konzept seit Langem, das diesen Namen auch verdient.

Ein brasilianischer Polizist tätschelt einem kleinen Jungen den Kopf. Foto: dapd

Es war ein kurioses Foto, das am 3. Oktober 2009 um die Welt ging: Rio de Janeiros Bürgermeister Eduardo Paes drei Handbreit über dem Erdboden – beim Freudensprung in dem Moment, in dem seine Stadt den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2016 erhielt. Doch man konnte man das Foto damals auch lesen als Hinweis auf fehlende Bodenhaftung des Olympia-Aspiranten. Denn Rios Bewerbung bestand aus einem bunten Kompendium von Plänen und Werbebroschüren, das nur die Sonnenseite der Stadt zeigte. Favelas kamen nicht vor, soziale Spannungen ebenso wenig. Und die Sicherheit in einer notorisch gefährlichen Stadt? Kriegen wir in den Griff, lautete lapidar die Botschaft.

Heute, zwei Jahre später, scheint sich Rio de Janeiro tatsächlich ganz gut zu rüsten für die sportlichen Mega-Ereignisse der nächsten Jahre, also die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele. Natürlich wird immer mal wieder aufgeschrien, Brasilien liege beim Stadionbau hinter dem Plan zurück und alles werde viel, viel teurer. Aber hat es jemals irgendwo auf der Welt Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele gegeben, bei denen das anders gewesen ist?

Viel interessanter ist, dass Rio de Janeiro die Sicherheit tatsächlich in den Griff zu kriegen scheint. Am vergangenen Wochenende marschierten Polizei und Marine-Soldaten in die Favela Rocinha ein. Es war bereits die 19. Favela, die die Staatsmacht aus dem Herrschaftsbereich der Drogenmafia herausbrach, insofern also nur die Fortsetzung einer bereits vorher praktizierten Sicherheitspolitik. Aber Rocinha ist eine besondere Favela. Sie ist die größte der Stadt, sie liegt wie eine gewaltige Enklave der Armut, Informalität und Illegalität zwischen den reichsten Vierteln der Stadt, aus denen schließlich auch die Drogenkonsumenten kommen. Hier die Macht der Mafia gebrochen zu haben, das hat einen gewaltigen symbolischen Wert.

Dass prekäre soziale Verhältnisse den Hintergrund für sportliche Großereignisse bilden, kennt man spätestens seit der WM in Südafrika. Außerdem gewöhnt man sich ja auch in Europa daran, Armut nicht mehr als empörendes gesellschaftliches Versagen, sondern als quasi unvermeidlichen Kollateraleffekt unseres Wirtschaftssystems anzusehen. Rios Realität wird also die Besucher nicht allzu sehr schockieren. Zumal sich Brasilien, das ökonomisch als Muskelmann dasteht, rühmen kann, dass in letzter Zeit zwischen 20 und 30 Millionen seiner Bürger von der Unter- in eine bescheidene Mittelklasse aufgestiegen sind. Auch wenn die Favelas, die die WM- und Olympia-Touristen zu sehen bekommen, ärmlich wirken, so wird dieser Anblick immer noch durch diese Erfolge gemildert.

Die Besetzung der Favelas ist das erste sicherheitspolitische Konzept für die Stadt am Zuckerhut, das diesen Namen verdient – und zwar seit dem Beginn des Drogenkrieges vor über 30 Jahren. Frühere Regierungen haben den Kopf in den Sand gesteckt, sie haben mit den Drogenbossen verhandelt, sogar paktiert, und die Polizei hat sich stets bis in hohe und allerhöchste Ränge schmieren lassen. Ob es wirklich stimmt, was der kurz vor der Rocinha-Besetzung festgenommene Drogen-Chef der Favela aussagte, weiß nur er, aber glaubhaft ist es schon: Dass er die Hälfte seiner Einnahmen an die Polizei weitergeben musste.

Nun wird, bei allen Schwierigkeiten im einzelnen, das Gewaltmonopol des Staates durchgesetzt – was sollte denn auch die Alternative dazu sein? Die Polizei bleibt ständig präsent, die Sozialeinrichtungen des Staates rücken nach, die informelle, illegale Favela wird zu einem formellen, legalen Stadtviertel – ohne schwarze Stromleitungen, ohne geklautes Kabel-TV-Signal, aber mit mehr Schulen und Kindergärten. Und ohne junge Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen und der Pistole im Hosenbund an jeder Ecke.

Der Drogenhandel verschwindet damit natürlich nicht, und auch die damit verbundene Gewaltkriminalität bleibt bestehen. Beides wird bloß verdrängt. Und zwar dorthin, wo sich weder 2014 die Fußballfreunde noch zwei Jahre später die Olympiafans jemals hinverirren werden: in die grauen, öden Vor- und Nachbarstädte Rio de Janeiros. Die Lokalpresse bejubelt nun die Besetzungen der Favelas, die an die Nobelviertel im Süden der Stadt grenzen, aber von der Nordzone redet niemand. Auch von den mit der Polizei und der Armee verbundenen Milizen ist selten die Rede, obwohl deren Herrschaft um kein Deut weniger brutal ist als die der Drogenmafia.

Das ist die rabenschwarze Seite der strahlend schönen „Cidade Maravilhosa“, der wunderbaren Stadt Rio de Janeiro, und ihrer neuen Sicherheitspolitik, und daran wird sich wohl so schnell nichts ändern. Das heißt nicht, dass es nicht trotzdem wunderschöne Sportfeste geben kann in Brasilien. Denn wenn die Athleten erstmal angetreten sind, vergessen die Zuschauer in aller Welt ja immer schnell, wie es außerhalb der Stadien zugeht.

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