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Aktivposten Krank durch vergiftete Kabinenluft

Kerstin Konrad fordert gesetzliche Regelungen gegen „fume events“ im Flugzeug. Und ihrer Petition haben sich schon Zehntausende angeschlossen.

Demo fŸr giftreie Luft | Flugbegleiterinnen | Flughafen | Frankfurt | 14.07.2017
Flugbegleiterinnen fordern giftfreie Luft in der Kabine und die Anerkennung des aerotoxischen Syndroms als Berufskrankheit. Foto: peter-juelich.com

Kerstin Konrad kennt das Problem aus eigener leidvoller Erfahrung. Die Flugbegleiterin aus dem Ruhrgebiet hat mehrere „fume events“ erlebt – und ist inzwischen sogar fluguntauglich und kann ihren Beruf nicht mehr ausüben. Als „fume events“ werden Verunreinigungen der Atemluft in Passagierflugzeugen bezeichnet.

Die Symptome reichen von Schleimhautreizungen über Atemnot bis zu Herzrhythmusstörungen, Kopfschmerzen, Bauchkrämpfen, Muskelschwäche, grippeähnlichen Symptomen und kognitiven Störungen. Konrad hatte den ersten „fume event“ im Jahr 2013. „Ich fühlte mich erschöpft, verwirrt, fahrig und vergesslich“, sagt sie.

„Es fühlte sich an wie ein starker Rausch oder eine Grippe.“ Hinzu kamen Übelkeit, starke Kopf- und Bauchschmerzen. Konrad war fünf Wochen krank. „Beim nächsten ,fume event‘ waren es fast zwei Jahre“, sagt sie. Sie ließ sich untersuchen, in ihrem Blut wurde ein ganzer Cocktail von Giftstoffen gefunden, darunter toxische Organophosphate und flüchtige Kohlenwasserstoffe. „Ich führe ein weitgehend gesundes Leben und komme mit solchen Stoffen sonst nicht in Kontakt“, erzählt Konrad. Sie ist überzeugt, dass vergiftete Atemluft in der Flugzeugkabine die Ursache ist. Als Erklärung für „fume events“ gelten Verunreinigungen der Luft, die an den Turbinen abgezapft, komprimiert und in die Kabine geleitet wird. „Wenn es zu Undichtigkeiten kommt, gelangen Triebwerksöle und Hydraulikflüssigkeiten ungefiltert in die Kabinenluft“, so Konrad.

„Langfristige Schädigungen der Nerven, des Herz-Kreislaufsystems oder kognitive Einschränkungen können die Folge sein“, warnt Kerstin Konrad. Sie sieht ein großes Risiko für Passagiere, Piloten und Flugbegleiter. Nach Schätzung der Piloten-Vereinigung Cockpit komme es bei einem von 2000 Flügen zu einem Unfall mit vergifteter Kabinenluft, so Konrad. Sie zitiert Jörg Handwerg, Vorstandsmitglied von Cockpit: „Das wäre in Deutschland mehr als einmal am Tag.“

Das Krankheitsbild wird in den Medien als aerotoxisches Syndrom bezeichnet, gilt aber noch als wenig erforscht. In Deutschland gibt es an der Universitätsmedizin Göttingen eine Arbeits- und Umweltmedizinische Ambulanz, die darauf spezialisiert ist. Allerdings können dort wegen eines Ressourcenengpasses seit Dezember 2016 nur wenige Patienten behandelt werden.

Aber Kerstin Konrad ist nicht allein: erst vor rund einer Woche demonstrierten knapp 50 Flugbegleiter am Frankfurter Flughafen für mehr Aufmerksamkeit für die „fume events“. Konrad hat zudem im Januar eine Petition auf change.org gestartet, die inzwischen mehr als 86 000 Unterschriften hat. Sie wendet sich an Arbeitsministerin Andrea Nahles und Verkehrsminister Alexander Dobrindt. Sie ist überzeugt, dass Risiken kleingeredet werden. Die Politik dürfe nicht länger wegschauen: „Wir brauchen gesetzliche Regelungen“, fordert die Flugbegleiterin.

„Die Flugzeuge müssen umgerüstet werden, weg vom aktuell genutzten Zapfluftsystem, es braucht verpflichtende Aufklärung durch Fluggesellschaften.“ Es müssten Sensoren eingebaut werden und Filter für die Atemluft: für die bereits in den Kabinen zirkulierende als auch für die frische Zapfluft aus den Turbinen.

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