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Aktivposten Dienst an der eigenen Persönlichkeit

Jürgen Gradl wünscht sich ein Pflichtjahr für Schulabgänger, um Solidarität zu fördern.

Rekruten
Die Wehrpflicht wurde 2011 abgeschafft. Foto: imago

Fast sechs Jahre ist es her, dass die Wehrpflicht in Deutschland abgeschafft wurde. Jürgen Gradl aus München macht sich nun für ihr Comeback stark – allerdings unter völlig anderen Vorzeichen. Seine Vision: Ein „Dienst für alle“, den jeder junge Mensch in Deutschland nach der Schulbildung leisten muss.

Gradl, 35, ist Referent an der Münchner Universität, er betreut dort das Deutschlandstipendium für den wissenschaftlichen Nachwuchs, arbeitet mit jungen Talenten zusammen, aber auch mit den Personalabteilungen der Unternehmen, die sie fördern. „Ich stelle fest, dass bei dem Leistungs- und Zeitdruck in der Ausbildung bei vielen jungen Leuten heute die persönliche Entwicklung auf der Strecke bleibt“, erzählt er von seinen Erfahrungen. Das komplett verschulte System entlasse unselbstständige Anfang 20-Jährige, die weder wüssten, wer sie seien noch was sie wollten.

Gleichzeitig, so Gradl, entferne sich die deutsche Gesellschaft von dem Solidaritätsgedanken, der eigentlich einer ihrer Stützpfeiler ist. „Jeder bewegt sich nur noch in seiner Schicht, in seiner Blase, man redet nicht mehr miteinander und schaut nur noch auf sich“, konstatiert er.

Für Gradl und seine Mitstreiter ist der „Dienst für alle“ der Ausweg aus dieser Doppelmisere. Ihre Idee: Alle jungen Menschen in Deutschland leisten nach der Schulzeit ein Jahr lang einen Dienst an der Gesellschaft – Männer und Frauen, Menschen mit Handicap oder ohne. Gegen ein Grundgehalt. Dabei geht es nicht um einen Ersatzdienst für Bundeswehr-Verweigerer. Den jungen Leuten soll vielmehr offenstehen, ob sie zum Bund, zu einer Hilfsorganisation oder als Jugendbetreuer in einen Sportverein wollen. Auch ein Dienst im Ausland, etwa für ein Naturschutzprojekt, sei denkbar. „Wir müssen uns überlegen, wo unsere Gesellschaft Unterstützung braucht, wo jeder junge Mensch etwas geben kann“, sagt Gradl.

Die Initiative will dabei an die bestehenden Gegebenheiten anknüpfen. Die Wehrpflicht ist in Deutschland seit dem 1. Juli 2011 ausgesetzt, weil sie aus Sicht der Bundesregierung ihre sicherheitspolitische und militärische Bedeutung verloren hatte. Der Pflichtdienst ist aber weiterhin im Grundgesetz verankert und könnte mit einem einfachen Gesetz wieder eingeführt werden.

Zudem fördert die Bundesregierung derzeit jährlich 35 000 Plätze für den gleichzeitig als Ersatz für den Zivildienst eingeführten Bundesfreiwilligendienst. Darüber hinaus gibt es auf Ebene der Bundesländer das Freiwillige Soziale Jahr und das Freiwillige Ökologische Jahr.

Aber kann man flächendeckend ganze Generationen junger Menschen zur Solidarität zwingen? „Wenn wir uns für eine nachhaltige, solidarische Gesellschaft entscheiden, in der jeder für den anderen eintritt, in der jeder eine Perspektive erhält – dann müssen wir diesen Gedanken auch in den Menschen verankern“, meint Gradl. Für ihn ist die Verpflichtung zudem notwendig, um die Konkurrenz und den Zeitdruck, die viele Schulabsolventen empfinden, zu mildern. „Wir müssen den Leuten vermitteln, dass dieses Jahr ein Geschenk sein kann“, sagt er. Die Dienstleistenden hätten Zeit, sich über ihre Wünsche und Ziele klarzuwerden und könnten dabei auch Fähigkeiten erwerben – und sei es „nur“ der Trainerschein im Fußballverein.

Mit der Onlinepetition will Gradl ausloten, ob er und seine Mitstreiter für ihre Idee genügend Unterstützer finden können. Zunächst aber wollen sie eine Debatte anstoßen: „Wir haben Probleme, wir haben einen Vorschlag, lasst uns drüber reden.“

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