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Aktivposten Die Twitter-Kooperative

Ökonomisch steht das soziale Netzwerk unter Druck. Eine Gruppe von Nutzern will die Zukunft von Twitter nicht den Märkten überlassen. Und es kaufen, um es zu retten.

Der Plan: Die Zukunft von Twitter nicht dem Markt überlassen. Foto: REUTERS

Erst klang die Idee für Blogger Johnny Haeusler einigermaßen absurd: Das milliardenschwere soziale Netzwerk Twitter vergesellschaften. „So richtig Quatsch ist das gar nicht“, sagt er inzwischen. Die Grundüberlegung ist tatsächlich relativ simpel: Das beliebte 140-Zeichen-Nachrichten-Netzwerk ist zu einem der wichtigsten Orte des Austauschs im Internet geworden, von Demonstrationen oder gar Kriegen weltweit berichteten Nutzer live, Diskussionen über Sexismus oder Rassismus wurden angestoßen, Millionen vernetzen sich dort. Nur: Seit Jahren schreibt Twitter zugleich Verluste in Millionenhöhe, will Stellen streichen. Die Aktie hat massiv an Wert verloren – und immer wieder kursieren Übernahmegerüchte. Dann, so die Befürchtung vieler, wäre es vielleicht vorbei mit dem liebgewonnen Forum mit dem Vogel-Logo.

Warum also nicht selbst die Kontrolle übernehmen und die Plattform so erhalten? Wikipedia funktioniert schließlich auch ohne Konzern. Und für Qualität war die Orientierung am größtmöglichen Profit schließlich noch nie ein Garant. Im Gegenteil.

Angestoßen wurde die international geführte Debatte nicht zuletzt von einem Beitrag im englischen „Guardian“. Den hat auch Haeusler, Mitbegründer des jährlichen deutschen Internet-Szene-Stelldichein Republica, gelesen – und für das Magazin „Wired“ aufgegriffen. Seit einiger Zeit wird unter dem Begriff „Platform Cooperativism“ über neue Eigentumsmodelle im Internet nachgedacht, die solidarischer und demokratischer sein sollen als die bisher üblichen.

Wie das genau bei Twitter klappen könnte, ist bisher noch völlig offen. „Ideen gibt es aber viele“, sagt Haeusler. An der Diskussion beteiligten sich Menschen von überall her und mit ganz unterschiedlichen Expertisen. In dem „Guardian“-Text wird unter anderem vorgeschlagen, einen kooperativen Investmentfonds zu gründen, um Twitter zu übernehmen oder sich gemeinsam ein Prozent der Aktien zu sichern, um für einen Übergang in ein genossenschaftliches Modell zu stimmen. Die natürlich auch auf Twitter selbst unter dem Schlagwort #BuyTwitter geführte Debatte, richte sich aber nicht gegen das Unternehmen, sagt Haeusler: „Es geht nicht darum, zu sagen ‚Gebt her‘, sondern ‚Lasst uns reden‘“. Auch unter den Gründern vermutet er Leute, die daran interessiert seien, ihre Plattform zu retten. Deswegen jetzt auch eine Petition: Sie soll Aufmerksamkeit schaffen und Twitter zeigen, wie viele Nutzer dahinter stehen.

Aber selbst wenn ein kollektiver Kauf gelänge, wie würde eine Twitter-Kooperative funktionieren? Unklar. Haeusler glaubt nicht daran, dass die Nutzer allein das riesige Netzwerk selbstverwalten könnten. Zu komplex sei der Umgang mit regelmäßigen Mobbing-attacken oder auch der Kampf gegen staatliche Zensur. Er favorisiert ein Modell, bei dem die derzeit mehr als 300 Millionen aktiven Nutzer ein großes Mitspracherecht haben, vielleicht über eine Stiftung. Twitter müsste weiterhin Umsätze erwirtschaften, aber eben nicht am Shareholder-Value orientiert arbeiten. Um vom Datenhandel und nerviger Werbung unabhängig zu werden, könnte von Profi-Nutzern ein Beitrag verlangt werden, schlägt er vor. Für alle anderen bliebe der Dienst kostenlos.

Die Diskussion ist noch in vollem Gange: „Es hat sogar jemand vorgeschlagen, dass die Vereinten Nationen verantwortlich sein könnten“, sagt Haeusler. Letztlich steht für ihn nicht nur die Frage im Raum, wie Twitter gerettet werden kann. Es müsse auch endlich über die „Besitzstrukturen von Online-Plattformen, die die Kommunikation von Millionen von Menschen beeinflussen“ diskutiert werden.

Aktivposten: Ob für Datenschutz oder gegen Abschiebung, für Kultur- zentren oder gegen Megabahnhöfe – immer mehr Menschen engagieren sich direkt und werben um Unterstützung. In Zusammenarbeit mit der Petitionsplattform change.org stellt die FR regelmäßig einen von ihnen vor.

Der aktuelle Aufruf ist hier zu finden.

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