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Ägypten Fortschritt ohne Freiheit

Nun bekommen die Ägypter, was sie sich angeblich wünschen: einen Führer. Aber zu sicher sollte Abdelfattah al-Sisi sich nicht fühlen. Es wachsen Zweifel, ob die harte Hand dem Land nützt.

Grüßt jetzt im Anzug von Plakaten: Abdel Fattah al-Sisi. Foto: REUTERS

Es ist – so heißt es – eine alte Sehnsucht der Ägypter, von einem starken Mann regiert zu werden. Viele am Nil sind felsenfest davon überzeugt, dass das Land dringend einen Helden an der Spitze braucht. Einen Mann, zu dem sie aufschauen können, der ihrem Land sein Ansehen wieder gibt und der sie aus dem Teufelskreis der Krisen erlöst. „Matlub Zaim – Ein Führer wird gesucht“, so der Refrain eines Gassenhauers.

Das erklärt die festliche Stimmung dieser Tage: Bald schon wird der Wunsch erfüllt. Noch drei Wochen, dann wird Feldmarschall Abdelfattah al-Sisi zum Präsidenten gewählt und dann wird – so die Vorstellung vieler – alles gut. Am Montag und am Dienstagabend konnten die Ägypter ihren künftigen Führer kennenlernen: Vier Stunden lang stand Al-Sisi im Fernsehen Rede und Antwort. Kernig und stark. Er ließ Zwischenfragen der Moderatoren zwar zu, zögerte jedoch nicht, ihnen über den Mund zu fahren. Er gab den strengen Vater. Seine Art zu reden kam an beim Volk, die Reaktionen auf das Interview sind überschwänglich bis begeistert. Nur die Opposition mäkelt und die Aktivisten spotten, aber wen interessieren schon diese Minderheitenstimmen?

Für Störer kein Platz mehr

Für derartige Störer wird im neuen Ägypten kein Platz mehr sein, daran ließ Al-Sisi keinen Zweifel. Seine Äußerungen zur Muslimbruderschaft sorgten sogar international für Aufsehen. Kündigte er doch an, dass es unter seiner Regierung keine Muslimbruderschaft mehr geben werde. Auch andere Gruppen sollten sich tunlichst zurückhalten. Ägypten habe auf seinem Weg aus der Krise keine Zeit zu verlieren. Proteste und Streiks seien daher in nächster Zeit nicht akzeptabel.

Dass Al-Sisi bisher kein Wahlprogramm vorgelegt hat, tut seinem Ansehen keinen Abbruch: Er braucht es nicht, denn er plant den ganz großen Wurf. Er will die Probleme Ägyptens an der Wurzel angehen und dazu die Karte des Landes neu zeichnen, so dass jeder Bundesstaat Zugang zum Wasser bekommt. Wüstenland soll urbar gemacht, 26 neue Städte und sieben Flughäfen sollen gebaut werden. Das Grundproblem, dass sich 90 Millionen Ägypter auf nur sechs Prozent der Staatsfläche drängen, weil der Rest Wüste ist, soll so überwunden werden. Finanzieren will er dieses Projekt durch Zuwendungen aus dem Ausland. „Es geht darum, aus der Krise herauszuspringen. Gehen oder rennen ist nicht genug“, sagte er.

An den Übervater angeknüpft

Die Präsentation eines solchen Mega-Projekts in einer Zeit der Krise ist eine Verneigung vor Al-Sisis großem Vorbild: Präsident Gamal Abdel Nasser. Nasser brachte Ägypten die Unabhängigkeit von der britischen Bevormundung, er nationalisierte den Suezkanal und sorgte mit einem breiten Entwicklungsprogramm dafür, dass die Bauern Land, die Arbeiter Fabriken und die Jugendlichen eine Zukunftsperspektive bekamen. Wer immer sich seiner Politik in den Weg stellte oder es auch nur wagte herumzunörgeln, wanderte ins Gefängnis. Tausende Muslimbrüder gingen ins Exil.

Auch im harten Umgang mit der Opposition knüpft Al-Sisi also an den Übervater an. Zu verdanken hat er ihm vor allem auch eins: die unerschütterliche Überzeugung der Ägypter, dass sie einen starken Mann an der Spitze brauchen. Die ideologischen Verbindungen zum Gedankengut der europäischen Faschisten sind dabei offensichtlich.

In den vergangenen Monaten ist der Nasser-Kult regelrecht explodiert: Den Menschen wurde eingetrichtert, dass nur ein neuer Nasser sie retten kann. Nach den schlechten Erfahrungen, die sie mit Parteien und Wahlen gemacht haben, glaubten viele dies bereitwillig. Typisch ist, dass nur wenige sagen, sie persönlich wünschten sich einen Führer. Es heißt immer nur: „Das Volk wünscht sich einen starken Mann“, und wer würde sich dem Wunsch des Volkes schon entgegenstellen? Ein klassischer Fall von geschickter, jahrelanger Regierungspropaganda. Sie zielt ganz klar darauf ab, einen Mann wie Al-Sisi in den Präsidentenpalast zu bringen.

Gegen Kritik imprägniert

Und noch etwas ist der Propagandamaschine der Regierung gelungen: Sie hat Ägypten gegen Kritik aus dem Ausland quasi imprägniert. Ein Großteil der Bevölkerung glaubt den Medien, dass ihr Land Opfer einer internationalen Verschwörung sei. Kritik aus Washington, Brüssel und Berlin beispielsweise an dem brutalen Vorgehen gegen die Opposition sehen sie nicht als berechtigt. Es gehe dem Westen darum, Ägypten zu zerschlagen.

Doch die Schmähkampagnen, die Kritik manchmal nach sich zieht, sollten niemanden daran hindern, Kritik zu äußern. Nicht zuletzt, weil es immer mehr Ägypter gibt, die aus dem kollektiven Traum erwachen. Sie bekommen Zweifel, ob Al-Sisi tatsächlich der richtige Mann ist. Manche werfen sogar die Frage auf, ob ein Führer wirklich das ist, was sie sich wünschen. Und noch eins: Wenn sich Al-Sisi seiner Macht ganz sicher wäre, dann bräuchte er nicht so scharf zu drohen. Vielleicht wird es ihm gelingen, die Muslimbruderschaft zum Schweigen zu bringen, es ist jedoch längst eine neue Protestbewegung entstanden.

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