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Medizinethikerin Christiane Woopen "Embryonen im Reagenzglas viel verletzlicher"

Die Medizinethikerin Christiane Woopen spricht im FR-Interview über den Konflikt zwischen Lebensschutz und der Not schwangerer Frauen.

06.07.2010 00:07
Christiane Woopen arbeitet als Professorin am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uniklinik Köln. Foto: Uniklinik Köln

Die Präimplantationsdiagnostik ist sowohl ethisch als auch rechtlich höchst umstritten. Was macht die Beurteilung der Thematik so kompliziert?

Eine eindeutige Beurteilung scheint mir deshalb so schwierig zu sein, weil auf der einen Seite der Lebensschutz steht und auf der anderen Seite eine Not der Schwangeren. Es gibt Fälle, in denen bekannt ist, dass es eine Gefährdung oder ein Risiko für eine schwerwiegende Erkrankung des Ungeborenen gibt, weil in der Familie beispielsweise eine bestimmte Stoffwechselstörung genetisch bedingt vorhanden ist. Und dann haben wir Fälle, wo Eltern einfach nur das Geschlecht ihres Kindes auswählen wollen. Das muss man unterschiedlich beurteilen.

Kritiker fürchten, die Präimplantationsdiagnostik könnte dazu führen, dass Leben aussortiert wird. Die Abtreibung eines Embryos ist nach pränataler Diagnostik aber möglich. Wo liegt hier ethisch gesehen der Unterschied?

Es gibt auch bei sonst gleichartiger Konfliktlage einen relevanten Unterschied. Der bezieht sich darauf, dass Embryonen im Reagenzglas nicht dadurch geschützt sind, dass sie durch die Schwangerschaft in der Frau geborgen sind. Sie sind außerhalb des Körpers und dadurch viel freier verfügbar, viel verletzlicher. Es kann mit ihnen beliebiger umgegangen werden, als wenn die Frau in fortgeschrittener Schwangerschaft bereits eine Beziehung zum Kind aufgebaut hat. Das ist der Grund für die Forderung, dass ein Embryo in dieser freien Verfügbarkeit intensiver geschützt werden muss.

Wie kommt es, dass das Embryonenschutzgesetz diesbezüglich unterschiedlich ausgelegt wird?

Die Präimplantationsdiagnostik ist im Embryonenschutzgesetz nicht explizit geregelt. Es ist sicher, dass sie verboten ist, wenn sie in einem sehr frühen Stadium stattfindet, ungefähr bis zum Achtzell-Stadium, weil dann die notwendige Entnahme einer Embryo-Zelle ein Klonen darstellen würde - und Klonen ist verboten. Aber ob eine Diagnostik verboten ist, um eine Konfliktsituation zu vermeiden, das ist umstritten - wenn die Entnahme nach dem Achtzellstadium stattfindet.

Im Ausland ist die Rechtslage zum Teil eindeutiger. Betroffene Paare reisen deshalb oft zur Behandlung in Nachbarländer wie Belgien. Ist die deutsche Gesetzgebung zu restriktiv?

Es ist außerordentlich gut, dass wir - sicherlich auch vor dem Hintergrund unserer Geschichte - eine hohe Sensibilität dafür haben, dass man einen Menschen achten muss und nicht auswählen darf. Insofern halte ich eine restriktive Gesetzgebung für gerechtfertigt. Dennoch muss sie in sich konsistent sein. Es ist der Bevölkerung schwer zu vermitteln, dass ein Schwangerschaftsabbruch bis zur Geburt unter bestimmten Bedingungen möglich ist, aber dieselben Paare nicht den Weg der Präimplantationsdiagnostik gehen können, wenn der Embryo in einem viel weniger entwickelten Stadium ist.

Sie haben sich bereits 2003 mit dem Nationalen Ethikrat für ein umfassenderes Fortpflanzungsmedizingesetz ausgesprochen, das auch eine eingeschränkte Präimplantationsdiagnostik zulässt. Zu welchen Bedingungen?

Eine Präimplantationsdiagnostik sollte für solche Fälle zulässig sein, in denen auch ein medizinisch indizierter Schwangerschaftsabbruch nach pränataler Diagnostik rechtmäßig ist. Es wäre dabei wichtig, durch entsprechende Aufklärung, Beratung und Begleitung der Eltern zu reflektieren, was dort geschieht. Wir sollten darüber hinaus in der Gesellschaft das Bewusstsein für ein Eltern-Kind-Verhältnis schärfen, in dem Kinder ein Geschenk sind, Lebewesen aus einem eigenen Recht, die Eltern nicht nach ihren Vorlieben aussuchen und beliebig darüber verfügen können.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

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