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Medien und Flucht Der unterschiedliche Blick auf Flüchtlinge

Eine Tagung in Wien beleuchtet, wie unterschiedlich Europas Medien über die Flüchtlingspolitik berichten. Interessant ist, dass nicht nur die Politik nach Mittlerin sucht, sondern auch die Medien.

Migration
Flüchtlinge an der griechisch-mazedonischen Grenze. Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Es war ein heißer Sommertag, jener 26. Juni des Jahres 2015, als die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel zu einem Gipfel zusammenkamen. Es ging wieder mal um die Zukunft Griechenlands und des Euro. Doch Kanzlerin Angela Merkel eröffnete ihre Pressekonferenz mit den Worten: „Wir stehen vor der größten Herausforderung, die ich, jedenfalls in meiner Amtszeit, bezüglich der EU gesehen habe.“

Flüchtlinge? Brüssels Presse war überrascht. Die Thematik und ihre Dringlichkeit hatten es noch nicht wirklich ins Zentrum Europas geschafft.

In Griechenland war dies anders, wie Ioannis Papadopoulos von der Athener Zeitung „Kathimerini“ schrieb. Schon um die Jahreswende 2015 meldeten die griechischen Ägäis-Inseln steigende Zahlen syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge. Papadopoulos machte sich bereits im Februar 2015 auf ins türkische Izmir, um den Flüchtlingen auf ihrem Weg übers Mittelmeer zu folgen. Er war einsam unterwegs als Berichterstatter. „Später im Sommer, im Grenzlager Idomeni am Übergang zu Mazedonien, war das einfach, da galt: In jedem Zelt hing ein Flüchtling an einem Mikrofon“, so Papadopoulos am Wochenende auf einer Tagung in Wien mit dem Thema „Berichterstattung über die Flüchtlingskrise in der EU“.

Eingeladen hatte Giovanna Dell’Orto, Journalistikprofessorin an der US-Universität von Minnesota, gemeinsam mit dem Publizistikinstitut der Uni Wien. Dell’Orto hatte für ein Buchprojekt bereits Journalisten aus dem Süden Europas, den USA und Mexikos zusammengebracht, um unterschiedliche Perspektiven der Berichterstattung über Flucht zu ergründen. Auch aus der Wiener Tagung soll ein Buch entstehen. Spannend war es zu verfolgen, wie sich nicht allein die Flüchtlinge 2015 auf den Weg nach Norden machten, sondern sich auch die Schlagzeilen änderten. Europa und ihre Medien reagieren spät.

Die europäische Öffentlichkeit – sie besteht nicht. Die „Financial Times“, die sich in der Eurokrise zum europäischen Leitmedium aufgeschwungen hatte, meldete sich im Juli 2015 nach der Rettung Griechenlands ab. Die Flüchtlinge besaßen (noch) keine ökonomische Dimension. Und damit für die FT keinen Nachrichtenwert. Auch Europas Institutionen meldeten sich erschöpft ab und gingen in Ferien. So waberte die Krise weiter. In einer globalisierten Welt waren es einzig die Flüchtlinge selbst, die sich mit Hilfe ihrer Smartphones über Grenzkontrollen und offene Fluchtrouten verständigten.

Interessant zu sehen, dass nicht nur die europäische Politik nach Mittlern sucht, sondern auch Europas Medien. Österreich mit seiner Tradition auf dem Balkan, nach Ostmitteleuropa und Norditalien ist solch ein Intermediär.

Jedenfalls markieren das österreichische Parndorf und der Fund von 71 Leichen in einem Schlepper-Lkw am 26. August die Wende. Das Thema wurde plötzlich auch ein deutsches. Nicht nur, weil Angela Merkel an diesem Tag zufällig auf einer Konferenz in Wien war.

„Wir schaffen das“, lautete Merkels zentraler Satz vom 31. August 2015. Seither versucht sie, mit EU-Quoten, Flüchtlingspakt mit der Türkei und Partnerschaften mit nordafrikanischen Staaten wie Tunesien die Kontrolle zurückzugewinnen, ohne öffentlich ein Scheitern ihrer Politik einzugestehen. „Von Empathie zu Fremdenfeindlichkeit“, lautete deshalb der Titel eines Vortrags auf der Tagung.

Die Wiener Sprachwissenschaftlerin Sabine Lehner stellte ihre Untersuchungen zur Sprache der EU-Kommission vor. Ein Ergebnis ihrer Studie: „Durch die wiederholte Darstellung und Assoziierung von Geflüchteten mit tendenziell negativen Begriffen oder auch mit Wassermetaphern („Flüchtlingswelle“) werden sie als Naturgewalt, Problem oder Krise konstruiert und somit werden entsprechende Bilder weiter verfestigt“, so Lehner. Zur europäischen Politik gehört auch die Abschreckung durch Abschiebung, etwa nach Afghanistan. „Es gibt keine sicheren Orte in dem Land“, sagte der afghanische Journalist Mustafa Sarwar in Wien.

Einige Fragen blieben jedoch auf der Tagung unbehandelt, etwa das Verhältnis der EU zum Islam. Einige Redner wiederum zeigten, dass auch Journalisten in der Krise handeln müssen. Adéa Guillot, Athen-Korrespondentin der französischen Zeitung „Le Monde“, ließ sich kurzerhand beurlauben, um Flüchtlinge von den griechischen Inseln auf ihrem Weg nach Norden zu verfolgen.

Drei Langzeitbeobachtungen sind entstanden. Unter anderem von Zaid, der jetzt in Mannheim lebt und arbeitet. Guillots Fazit nach den ersten zwei Jahren: „Arbeit ist der Motor zur Integration. Und: Integration dauert.“ Gefährlich für die Politik, die nie Zeit hat.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Flucht und Zuwanderung

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