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Mecklenburg-Vorpommern Die Wut der Abgehängten

Die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, so sehen es viele Bürger, wird ein Tag der Abrechnung: Der Zorn auf Ministerpräsident Erwin Sellerings Regierung ist unüberhörbar.

Bonjour tristesse: Das Rathaus von Greifswald. Foto: s. sauer/picture alliance/dpa

Sie ringt schon seit einigen Minuten mit ihrer Laune und erträgt ungeduldig die uralten Debatten, aber nun muss ihre Frage heraus: „Wenn das alles so schlimm ist mit der NPD und der AfD“, will die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt wissen, auf deren grünen Pulli „Zornröschen“ steht, „warum tut ihr nichts dagegen?“

Sofort ist es still im „Sofa“, einer Studentenkneipe mitten in Greifswald, 57 000 Einwohner, Mecklenburg-Vorpommern. 37 Leute sind im Raum, an den Wänden stehen überall Shishapfeifen, die Speisekarte ist voller türkischer Gerichte, die Kellnerin, die gerade Tee und Bier verteilt, grinst. Die Frage gefällt ihr. Und Katrin Göring-Eckardt, die Spitzengrüne aus Berlin, die an diesem Abend im „Sofa“ über Flüchtlingspolitik reden soll, muss einen Moment überlegen.

Ein merkwürdiger Wahlkampf-Abend ist das bislang. Göring-Eckardt, die Fraktionsvorsitzende, hat den Greifswaldern ein bisschen aus der großen Politik erzählt. Die „Berliner Sicht“, wie sie es nennt. Dass der türkische Staatschef Erdogan über kurz oder lang den Flüchtlingsdeal mit Kanzlerin Merkel platzen lassen wird. Die Burka sei schrecklich, aber keine Gefahr. Ob dieses Land denn keine anderen Probleme habe, will Göring-Eckardt wissen und lacht, als sei das ein guter Witz. Ulrike Berger, die Greifswalder Direktkandidatin der Grünen, sitzt neben ihr und greift das gerne auf: Haha, Gelächter, Burkas gebe es hier oben an der Küste noch weniger als Buckelwale.

Im Raum sind lauter Herrschaften um und jenseits der 50, außerdem eingeladen eine Handvoll syrische Flüchtlinge. Grüne und enttäuschte Wähler, in denen noch ein Funke aus Sympathie und Neugier glüht. Ob denn die Grünen noch eine pazifistische Partei seien, will einer diskutieren. Wie man es mit Bundeswehreinsätzen in aller Welt halte? Und mit Rüstungsexporten? Es geht um die Vergangenheit, um Außenminister Joschka Fischer und die rot-grüne Bundesregierung 1998 bis 2005, den Balkankrieg.

Es geht um Schnee von gestern, es läuft der falsche Film, bis „Zornröschen“ noch einmal nachhakt und alle in die vorpommersche Gegenwart zurückholt: „Die AfD? Hallo? Wird mal einer laut?“

Am Sonntag ist Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Es gibt gerade mal 600 Grüne im Land. Sie sind politisch kaum vorhanden, kleine Einsprengsel, eine höchst gefährdete Art in dem Bundesland. Ein Ozean aus Wiesen, Wäldern, Seen, Inseln, der Ostseeküste, der polnischen Grenze und mittendrin kleinen Dörfern, die immer kleiner werden, und ein paar Städten wie Schwerin oder Rostock, Stralsund, Neubrandenburg, Wismar – und Greifswald mit seiner uralten Universität. Ein Biotop mit kleiner Alternativszene aus Kneipen und Läden drumherum und dem gebürtigen Münchner Stefan Fasbinder, der 2015 tatsächlich grüner Oberbürgermeister wurde.

Die Grünen brauchen ein Wunder

Vier Jahre zuvor waren die Grünen erstmals nach 1990 mit viel Glück und Spucke in den Schweriner Landtag gewählt worden. Es war das letzte zu erobernde Landesparlament. Die Reaktorkatastrophe in Fukushima half kräftig mit. Nun sieht es schlecht aus: Die Umfragen gehen in den Keller. Die Grünen brauchen ein Wunder.

„Also“, sagt Katrin Göring-Eckardt. Die AfD. Deren Wähler dürfe man natürlich nicht ausgrenzen und sie verloren geben, gegen Fremdenfeindlichkeit und Homophobie müsse man allerdings klare Kante zeigen. „Ich gucke da drauf mit großer Sorge.“

„Ja, was denn? Und wie Wahlkampf machen?“, will „Zornröschen“ wissen.

Die Berliner Grüne überlegt. Man müsste Mecklenburg-Vorpommern als das Land der neuen Energien präsentieren, das Land der Windenergie, der Zukunft. „Das wäre etwas für alle“, sagt sie.

Einer im Raum stöhnt auf.

Dann ist sie bald weg, das „Sofa“ leert sich. Es nieselt, im Hof stehen noch ein paar Leute und rauchen. „Das wird keine Wahl, das wird ein Unwetter geben“, meint ein Mann. Die anderen nicken. Er lebt seit etlichen Jahren in Greifswald. Er sagt, keiner von ihnen wisse genau, was drum herum in den Dörfern Vorpommerns gerade vor sich gehe. Auf dem platten Land seien nicht nur die Grünen abgemeldet, auch CDU und SPD bekämen dort kein Bein mehr auf den Boden. Es gebe Dörfer, da funktioniere nichts mehr. Das „da draußen“, er sagt tatsächlich: „da draußen“, sei eine ganz andere Welt als das beschauliche und muntere Greifswald. „In manchen Orten steht die Mauer noch“, sagt eine Frau. Und die Leute da mit ihrer Passivität und ihrer „ewigen Erwartungshaltung“, sagt er wieder. Um ihn herum Nicken. Und die Windenergie? Was ist mit Göring-Eckardts Idee? „Um Gottes Willen. Die Leute auf dem Land hassen die Propeller.“

Ein merkwürdiger Wahlkampf geht gerade zu Ende. Er findet zur falschen Zeit statt, nämlich genau in den Sommerferien Mecklenburg-Vorpommerns. Dafür aber mit allem Tschingderassabumm, weil die Berliner Politikprominenz von Angela Merkel und Sigmar Gabriel abwärts im Nordosten tapfer einen Termin nach dem anderen abspulte, als ginge es bei der Wahl um ganz Deutschland.

Mit Rosen an die Umfragespitze

Vielleicht tut es das ja auch, vielleicht zieht ja wirklich gerade ein politisches Unwetter im Nordosten auf. Die Umfragen sehen den 66-jährigen Ministerpräsidenten Erwin Sellering und seine SPD zwar im Aufwind (26 Prozent), was an Sellerings ungebrochener Popularität liegt: Er ist nett zu allen, hat ein Herz für alle, versteht alle und verteilte kübelweise Rosen.

Sein Koalitionspartner CDU (22) ist jedoch klar im Abwind, die Linke (14) steht vor einem Debakel, die Grünen (5) sind im freien Fall, FDP und NPD wohl ganz draußen und Neuling AfD bei 21 Prozent. Mindestens. Stärkste Partei wolle man werden, hat AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm verkündet. Auf alle Fälle vor der CDU einlaufen, verkündet er. Im Bundesland der Kanzlerin. Nicht auszuschließen. Es wäre eine Katastrophe für die Union.

Ein merkwürdiger Wahlkampf ist das auch deshalb gewesen, weil in all dem Treiben und Tun die Wirklichkeiten nicht mehr übereinander passten. Die Reden, die Plakate, das Gemurre der Leute.

Die Wahlkämpfer von SPD und CDU zogen wie Getriebene von Auftritt zu Auftritt, gejagt von Ereignissen, die mit Mecklenburg-Vorpommern wenig bis gar nichts zu tun hatten. Über alles wurde geredet: Burkas, Burkinis, Flüchtlinge, (von denen es im Nordosten gerade einmal 23 000 gibt), islamistischen Terror, über Syrien und die Türkei, über Sicherheit und mehr Polizisten, über Sinn und Unsinn von Bundeswehreinsätzen im Innern, über Rechtsextremismus und Vorräte im Keller, über die AfD, über Gabriels erhobenen Mittelfinger, über Putin und Russland. Obendrein hängten alle Parteien Zigtausende Plakate auf, die die „Heimat“ lobten und priesen. „Unser wunderschönes Land“, wie es Sellering stets nannte.

Es wirkte oft so, als ahnte man, dass etwas nicht stimmt. Über den wahren Zustand des Landes wurde wenig gesprochen. Darüber, dass der westliche Teil Mecklenburg besser da steht als das östliche Vorpommern. Darüber, dass sich viele dort offensichtlich abgehängt fühlen, dass sich Ärger und Wut seit Jahren aufblähen wie ein Ballon und kaum einer von CDU, SPD, Grünen oder Linken weiß, was man dagegen tun soll.

Mittagszeit in Ahlbeck. Nicht im berühmten und schicken Kaiserbad auf Usedom, sondern im kleinen Ahlbeck, 640 Einwohner, jenem Dorf auf dem platten Land zwischen Torgelow und polnischer Grenze dicht am Stettiner Haff, wo der DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoffmann früher sein persönliches Jagdrevier hatte.

Bärbel Krotz erzählt. Sie ist 66, ihr Mann Burkhard kommt gerade herein. Er ist Tischler und Schreiner, die Firma im Ort führt er in vierter Generation. Man baut Türen und Fenster. Gerade laufen die Geschäfte gut, den kommenden Winter muss man abwarten.

Beide haben schon ihre Stimme abgegeben. Briefwahl, wie immer, sagt Bärbel Krotz. „Diesmal Protest. Diesmal AfD. Dazu stehen wir auch.“

Fragt man sie, was denn los sei in Vorpommern, dann bricht ein Schwall aus ihr heraus. Angestauter Zorn, Wut über die Politiker in Schwerin und Berlin. Kein wüstes Geschimpfe oder Geschrei, sondern eine bittere Bilanz ohne Punkt und Komma. „25 Jahre hatten die Zeit. Nun sollen mal andere ran“, sagt sie. Früher hätten sie und ihr Mann CDU gewählt, wie das üblich gewesen sei in Vorpommern. „Aber nun ist Schluss.“

„Tote Hose“ in Vorpommern

Nun ist die AfD da und kann die Ernte einfahren. Ahlbeck sei typisch für die ganze Gegend, sagt die Unternehmerin. „Tote Hose.“ Es passiere nichts mehr, die Dörfer verödeten. Überall. Sie erzählt, wie sie und ihr Mann Burkhard vor einiger Zeit mit dem Auto nach Hamburg fuhren. Nicht über die A20, über Bundes- und Landstraßen. Sie wollten sehen, was sich tut im Land. Und sie sahen, wie es immer lebendiger wurde, je weiter westwärts es ging: Mehr Firmen entlang der Straßen, mehr Geschäfte in den Dörfern, mehr Leute unterwegs.
Sie sahen ein zweigeteiltes Land: Mecklenburg im Westen blüht auf, profitiert von der Nähe zum großen Hamburg, Vorpommern im Osten blutet aus. Pampa, Adler, Wölfe. „Was nutzt uns Stettin in Polen?“, sagt Frau Krotz. Wie es in ihrem Dorf weitergehen soll, weiß sie nicht. Ihre Kinder würden gerne aus Berlin zurückkommen. Aber was sollten sie arbeiten?

Der Arzt in Ahlbeck werde jetzt 76 und habe keinen Nachfolger. Ein Frisör komme nur noch auf Anfrage. Der Bäcker habe mit 70 aufgegeben. Ein Nachfolger war nicht zu finden, obwohl er sich zwei Jahre mühte. Kein Lebensmittelladen, kein Getränkeshop, nichts. Der Radweg nach Eggesin immer noch nicht richtig fertig, obwohl vor jeder Wahl versprochen.

„Fahren Sie da mal mit dem Rad die Straße entlang. Da fallen einem die Ohren ab.“ In den Dörfern entlang der Grenze werde geklaut. Landmaschinen, Autos, Vieh. „Die Gemeinden müssen sich selber schützen, weil es zu wenig Polizei gibt.“ Und Einbrüche hätten zugenommen. Und die Windkraftanlagen würden die ganze Gegend bis runter in die Uckermark verschandeln, das müsse man sich einmal ansehen, wie viele von den Propellern da stehen. „Furchtbar sieht das aus.“

Und nun? „Hier gibt es nichts mehr. Hier gibt es nur noch Frust. Und so sieht es fast überall aus“, sagt sie. Wenn man ihr zuhört, versteht man plötzlich, warum so viel Berliner Politprominenz zum Wahlkampfeinsatz in den Nordosten geeilt ist. Es brodelt, niemand traut mehr Umfragen, besonders solchen, die Wahlergebnisse rechter Parteien vorhersagen wollen. In Vorpommern, so scheint es, zieht ein Unwetter auf, das den Schweriner Landtag durchrütteln wird. Die ganze Welt stürzt auf diese kleine Landtagswahl ein: Der Krieg in Syrien, die zerrüttete Lage Europas, die Unruhe in Deutschland, der Zorn in MeckPomm. Alles addiert sich auf zu nie gekannter Gereiztheit:

Ein Jahr „Wir schaffen das“, fast eine Million Flüchtlinge in Deutschland. Plötzlich, heißt es, sei Geld da für mehr Polizisten, Geld sei da für mehr Lehrer, für Schulen. Plötzlich gehe etwas, während in Vorpommern schon Jahre lang nichts mehr funktioniere, weil man in Schwerin das riesige Land so heruntergespart und ausgeräumt habe, dass Bärbel Krotz und ihr Mann anderthalb Stunden bis zum nächsten Finanzamt in Greifswald fahren müssen, wenn sie dort etwas zu erledigen haben.

Das ist die andere Sicht. Der Blickwinkel aus Ahlbeck in Vorpommern auf die große Welt der Politik. „Wir haben so die Nase voll“, sagt Bärbel Krotz. „Das kann man sich außerhalb gar nicht vorstellen.“ Ihre Bekannten würden genau so reden, genau so denken, die Nachbarn, viele im Dorf, viele Kunden in der Gegend. Sie macht eine kurze Pause, dann sagt sie noch einmal: „Die in Schwerin hatten ihre Chance. Jetzt sollen andere ran. Höchste Zeit.“

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