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Mauerfall Die Kinder der Revolution

2,5 Millionen Menschen, geboren zwischen 1975 und 1985, zählen Forscher zu den Wendekindern. Als die Mauer fiel, fielen sie in ein Leben ohne Orientierung. Und haben ihr Bestes daraus gemacht.

Die Orte der Kindheit gibt es nicht mehr: Junge Pioniere vor einer Grundschule. Foto: dpa

Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer…“ So klingt es durch den großen Saal der Ständigen Vertretung Mecklenburg-Vorpommerns in Berlin-Mitte. Ein Chor singt das Lied, das jahrzehntelang auf der ersten Seite von DDR-Schulbüchern abgedruckt war und das spätestens seit dem Film „Goodbye Lenin“ gesamtdeutsch die Kindheit im Osten symbolisiert. Die rund 150 Mittdreißiger im Raum, die ihren Namen und ihr Geburtsjahr auf einem Stück Kreppband auf der Brust tragen, kennen es alle – aber mitsingen will keiner.

Sie sind hier an historischem Ort. Das seit 25 Jahren durchlässige Brandenburger Tor ist nicht weit und auch nicht die Französische Straße mit ihren Vorzeige-Plattenbauten. Aber das hier ist kein Ostalgie-Club, in dem sich Juliane Jahrgang 82, Steven 80, Antje 76, Stefan 77 und all die anderen gemeinsam an die Zeit mit Sandmännchen, Pioniernachmittagen und Campingurlaub an der Ostsee erinnern wollen. Sie haben den Zusammenbruch der DDR als Kinder und Jugendliche erlebt. Und nun sind sie an diesem Freitagnachmittag zum Generationentreffen nach Berlin gekommen, weil sie mehr darüber erfahren wollen, wie das Verschwinden der Welt, wie sie sie kannten, sie in der Vergangenheit geprägt hat. Und was das für ihre Zukunft bedeutet.

„Wir galten doch als die erste Generation Gesamtdeutschland, ohne dass uns jemand gesagt hat, was das heißt“, sagt Adriana Lettrari, geboren 1979 in Neustrelitz, Mitbegründerin des Netzwerks „Dritte Generation Ost“ und eine der Organisatoren des Treffens. Für sie selbst wie für viele andere bedeutete es zunächst vor allem eins: Anpassung. Den Dialekt unterdrücken, humanistische Bildung nachholen, die gewohnten alten Dinge durch neue ersetzen, nicht über die Vergangenheit sprechen. „Und wenn ich jemandem erzählt habe, dass ich in Rostock aufgewachsen bin, habe ich immer ‚das ist das ostdeutsche Hamburg‘ hinzugefügt.“ Der Westen als ein gültiges Referenzsystem, an dem sich alles vertraute Ostdeutsche messen, abarbeiten, einsortieren lassen musste.

Doch darüber ist Lettrari 25 Jahre nach dem Mauerfall längst hinaus. Die eloquente Kommunikationswissenschaftlerin mit den streng zurückgekämmten, hellbraunen Haaren spricht viel an diesem Nachmittag – und sie zeichnet ein selbstbewusstes Porträt ihrer Generation. Einer Generation, die bei dem Versuch, den Ansprüchen des Westens gerecht zu werden, viel gelernt hat. Von „Transformationskompetenz“ ist oft die Rede, von „Flexibilität“, von „Bildungsaufstieg“ und der Fähigkeit, zwischen den Kulturen zu vermitteln. „Lange wurden wir Wendekinder in den Medien doch als rechtsradikal dargestellt, als arbeitslos, als Loser, zurückgeblieben an der Bushaltestelle in Chemnitz“, sagt Lettrari, und ihre Stimme wird lauter, als sie ein Stereotyp nach dem anderen ausspuckt. „Das hatte mit mir und meinen fünf Auslandsstationen so dermaßen nichts zu tun.“

Wer Lettrari zuhört, bekommt schnell ein Bild von der Generation, zu der sie sich stolz zählt. Doch so gemeinsam allen die frühe Erfahrung von Zusammen- und Umbruch auch sein mag, so unterschiedlich ist doch das, was sie daraus gemacht haben. Schwimmerin Britta Steffen und Aufschrei-Aktivistin Anne Wizorek, Schauspieler Matthias Schweighöfer und NSU-Mann Uwe Böhnhardt – 2,5 Millionen Menschen, geboren zwischen 1975 und 1985, zählen Forscher zu den Wendekindern. Umfassende Daten über sie gibt es kaum, allenfalls stichpunktartige Studien.

Der Soziologe Bernhard Lindner spricht von einer Generation der „Unberatenen“, die sich quasi über Nacht in einem neuen System zurechtfinden mussten und dabei ganz auf sich allein gestellt waren. Eltern und Lehrer wussten selbst nicht, wo es lang geht, und konnten somit keine Orientierung geben. Der überstürzte gesellschaftliche Umbruch brachte Chaos in den Schulen, Arbeitslosigkeit und – wo Familien zerbrachen und ganze Landstriche entvölkert wurden – einen Zerfall der sozialen Netzwerke mit sich. Die Soziologin Tanja Bürgel sieht in den Mauerfall-Kindern, wie sie sie nennt, eine „im doppelten Sinne verunsicherte und gestaute Generation“: „Während sie erwachsen wurden, verzog sich zunächst die gesellschaftliche Vergangenheit ins Dunkel des Vergessens, und wenig später breitete sich auch vor ihren Zukunftsaussichten eine Nebelwand aus.“

Diesen Nebel zu durchdringen, das haben sich auch die Frauen und Männer vom Verein „Perspektive Hoch 3“ zur Aufgabe gemacht. Sie sehen sich als Vermittler zwischen Vergangenheit und Zukunft, Ost und West, ihren Eltern und den nachfolgenden Generationen. Der Fotograf Sven Gatter und die Filmemacherin Nadja Smith gehören dazu. Die aktuellen Debatten über die DDR und was danach kam würden immer noch sehr einseitig geführt, sagen sie.

Wir sitzen in einer Bar in Berlin. Sven Gatter, Jahrgang 1978, ist eigentlich in Bitterfeld aufgewachsen, doch da lebt er schon lange nicht mehr. Wie so viele Wendekinder hat er die alte Heimat verlassen, doch was dort passiert, beschäftigt ihn weiterhin. „Erst als ich wegging, wurde ich wirklich zum Ostdeutschen, weil ich von meiner Umwelt ständig dazu gezwungen wurde, mich als solcher zu positionieren“, beschreibt er seine Erfahrungen. So begann er, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. „Ich glaube nicht, dass das kein Thema mehr ist.“ Ein Aha-Erlebnis war auch, als er 2009 die Fotoreportage zu 20 Jahre Mauerfall in einem großen Magazin sah. „Die hatten einen Schweizer Fotografen engagiert, um den Umbruch in Wittenberge zu zeigen, und herausgekommen waren nur Klischees: menschenleere Orte, Brachen, Umweltverschmutzung – diese Verengung des Blicks, dieses Schwarz-Weiß-Denken hat mich wirklich geärgert.“

Seitdem hat Gatter nach Möglichkeiten gesucht, die Grautöne sichtbar zu machen. Und sie in Perspektive Hoch 3 gefunden. Der Verein gibt Kunstprojekten eine Plattform, organisiert aber auch Veranstaltungen wie das „Demografie Lab“, bei dem Leute aus Wissenschaften und Praxis ihre Ideen zu Chancen des demografischen Umbruchs erläuterten. Demnächst soll ein Sammelband entstehen, der den Dialog mit den eigenen Eltern zum Thema hat.

„Mein Vater will nicht über die Vergangenheit reden, die Medien verdrehen das alles, sagt er“, erzählt Nadja Smith, geboren 1979 in Berlin. Gerade diejenigen, die eng mit dem DDR-System verknüpft waren, gingen sofort in eine Verteidigungshaltung. Die Angst, bloßgestellt zu werden, die Scham habe die Eltern sprachlos gemacht, beschreibt Smith die Erfahrungen, die viele Wendekinder teilen. Die Geschichten gingen verloren. Smith will, dass sie erzählt werden – und sie sieht die Wendekinder in der Verantwortung, für einen Dialog zu sorgen. „Wir haben beide Systeme erlebt, aber sind nicht darin verstrickt. Wir können für Verständnis werben, einen Raum für das Erinnern schaffen, ohne das gleich bewertet wird.“

Nicht nur der Austausch mit den Eltern, auch der mit gleichaltrigen Ostdeutschen gilt vielen als Chance, die verlorene Kindheit wiederzufinden – und damit sich selbst. Das weiß auch Juliane Dietrich, geboren 1982 in Seifhennersdorf, die inzwischen professionell Biografie-Workshops für die Vertreter ihrer Generation anbietet, auch auf dem Treffen in Berlin. „Die Leute wollen wissen: wer bin ich?, gerade jetzt, wo sie sich ihr Leben eingerichtet haben, Kinder bekommen“, erzählt die junge Frau mit der sanften Stimme, die selbst ein Baby im Tragetuch vor dem Bauch trägt. Auf der Suche nach der Herkunft blieben aber häufig nur die gemeinsamen Erinnerungen. „Denn die Orte der Kindheit gibt es oft nicht mehr oder sie haben sich stark verändert, genauso wie die Familien, die Gesellschaft, die Alltagsgegenstände.“

Fotograf Gatter nimmt zu Heimatbesuchen inzwischen nicht nur seine Kamera, sondern meist auch ein Diktiergerät mit, um die Gespräche mit seinen Eltern aufzuzeichnen. Er will über das Anekdotenhafte hinauskommen, in die Tiefe dringen. „Ich will verstehen, warum sie sich in der Diktatur eingerichtet haben, will wissen, wie es meiner Mutter damit geht, dass sie seit 20 Jahren auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance hat.“ Mit DDR-Nostalgie hat das für Gatter und Smith absolut nichts zu tun. Was damals passiert sei, betreffe doch nicht nur sie und ihre Familien heute noch, sondern die gesamte Gesellschaft.

Eine besondere politische Verantwortung für sich und ihre Generation leiten sie daraus aber nicht ab. Dabei hatte der Politologe Claus Leggewie schon in den 90ern die Hoffnung geäußert, die Wendekinder könnten wegen ihrer besonderen Erfahrungen die politische Kultur des 21. Jahrhunderts prägen. Und der Hallenser Psychologe Hans-Joachim Maaz forderte sie 2013 in der „Zeit“ auf, die neuen ‚68er zu sein und einen „dritten Weg“ zwischen westdeutschem Materialismus und ostdeutschem Anpassungsstreben einzufordern. Mit solchen Erwartungshaltungen kann Fotograf Gatter nichts anfangen. „Mir geht es um Verständigung, das ist für mich Wert genug.“

Netzwerk-Organisatorin Adriana Lettrari sieht etwas anders. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag und hat mit der Heinrich-Böll-Stiftung und zwei weiteren Vertretern der Dritten Generation eine Studie zu Grünen Wendekindern in ostdeutschen Landtagen verfasst. Das Generationentreffen an diesem Freitag in Berlin haben sie und ihre Kollegen unter das Motto „Ost, West und Migration“ gestellt. Den Pressevertretern in der Ständigen Vertretung erklärt sie, die dritte Generation Ost wolle sich 25 Jahre nach dem Mauerfall „nicht nur mit sich selbst beschäftigen, sondern nach vorne schauen und Deutschland mitgestalten.“

Wie das konkret aussehen könnte, hat sie vorher verraten. „Wir haben gelernt, weniger zu haben, Dinge selbst zu machen“, gibt sie sich überzeugt. Wie US-Serienheld MacGyver, bei dem der Mangel zum Katalysator für kreative Lösungen von Alltagsproblemen wurde. Deshalb könne die Dritte Generation Ost eigene Positionen zum Thema nachhaltiges Wirtschaften entwickeln. Oder wenn es um Teilhabegerechtigkeit gehe, um Chancengleichheit – „da entdecke ich viele Berührungspunkte zu Menschen mit Migrationshintergrund“. Dass die inzwischen auch die ostdeutsche Bundeskanzlerin, die mit ihrer Herkunft bis dato nicht gerade hausieren ging, in sich aufgespürt hat, bestärkt Lettrari nur.

Für Juliane 82, Steven 80, Antje 76, Stefan 77 und viele andere Teilnehmer geht es an diesem Tag in Berlin aber weniger um Politik. Die meisten von ihnen haben sich für den Biografie-Workshop angemeldet. Die Suche nach eigenen Identität hat für sie 25 Jahre nach dem Fall der Mauer gerade erst begonnen.

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