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Massaker in Ruanda Keiner sollte am Leben bleiben

Onesphore R. soll 3732 Menschen auf dem Gewissen haben: Männer, Frauen und Kinder, die 1994 in Ruanda brutal abgeschlachtet wurden. Jetzt steht der Ex-Bürgermeister vor Gericht - in Frankfurt.

18.01.2011 21:08
Andreas Kraft
Der Angeklagte Onesphore R. im Frankfurter Gerichtssaal (Archivbild). Foto: dapd

Onesphore R. soll 3732 Menschen auf dem Gewissen haben: Männer, Frauen und Kinder, die 1994 in Ruanda brutal abgeschlachtet wurden. Jetzt steht der Ex-Bürgermeister vor Gericht - in Frankfurt.

An diesem Dienstagmorgen betritt Onesphore R. in Handschellen den Gerichtssaal. Sein Richter ist schon da, die Kamerateams auch. R. begrüßt kurz seine Anwältin, dann setzt sich der 54-Jährige und lässt sich bereitwillig filmen. Die Generalbundesanwaltschaft wirft ihm Völkermord vor. Auf seine Befehle hin sollen in Ruanda mindestens 3732 Menschen ermordet worden sein.

Zum ersten Mal befasst sich damit ein deutsches Gericht mit den Massakern, bei denen im Frühjahr 1994 in Ruanda bis zu einer Million Menschen getötet wurden. Laut der Bundesanwaltschaft dürfe es nach dem internationalen Recht keine „Rückzugsräume“ für Völkermörder geben. Deshalb würden sie auch in Deutschland angeklagt, wenn in ihrer Heimat ein fairer Prozess wahrscheinlich nicht möglich sei.

Vor 17 Jahren war der Hutu Onesphore R. Bürgermeister der Gemeinde Muvumba. Der Ort liegt im Norden an der Grenze zu Uganda. Doch im Frühjahr 1994 lebte der direkt vom Präsidenten ernannte Bürgermeister dort nicht mehr. Nachdem 1990 die Tutsi-Rebellenarmee RPF von Paul Kagame von Uganda aus in Ruanda einmarschiert war, mussten die Hutu aus Muvumba fliehen. 1994 lebten sie in Lagern im Südosten des Landes, wie der Anwalt eines Nebenklägers am Rande des Prozesses erläutert.

Pogrome gegen Tutsi

Dann wurde am 6. April 1994 die Maschine von Ruandas Präsident Juvénal Habyarimana beim Landeanflug auf Kigali abgeschossen. Bis heute ist unklar, ob die Rebellen der Tutsi-Armee RPF den Präsidenten töteten, oder ob radikale Hutu Habyarimana beseitigen wollten, weil der RPF-Leute an der Regierung beteiligen wollte, um den Bürgerkrieg zu beenden. Die Ermordung des Präsidenten wurde zum Startschuss für einen Völkermord: Nach 100 Tagen war nur noch jeder vierte Tutsi in Ruanda am Leben.

Um die Pogrome vorzubreiten soll R. laut der am Dienstag verlesenen Anklageschrift sechs Gewehre an Kämpfer der Interahamwe-Miliz übergeben haben. Die Waffen seien dafür gemacht, Tutsi zu töten, habe R. gesagt. Am 7. April soll er mit anderen Hutu-Funktionären den Genozid abgesprochen haben. Bei einer Versammlung habe er die Einwohner seiner Gemeinde dazu aufgefordert, selbst aktiv zu werden und ihnen dafür einen höheren Lebensstandard versprochen.

Mindestens 3700 Tote

In der Kirche von Kiziguru versteckten sich am 11. April etwa 1500 Tutsi. Gegen 8 Uhr soll ein R. unterstellter Gemeindepolizist in die Menge geschossen haben. Dann habe R. die übrigen Polizisten sowie die Kämpfer der Interahamwe-Miliz aufgefordert, mit ihrer Arbeit zu beginnen. Im Laufe des Tages wurden mindestens 1200 Menschen ermordet – auch die Mutter des Nebenklägers.

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Zwei Tage später umstellten 60 Polizisten und Milizionäre die Kirche in Kabarondo, in der 1700 Tutsi Schutz suchten. Unter dem Vorwand, an einer Versammlung teilnehmen zu müssen, seien dann, so die Anklage, die männlichen Flüchtlinge auf den Kirchhof gelockt und getötet worden. Anschließend seien Granaten auf die Kirche gefeuert worden. R. habe das Massaker überwacht und seine Leute angefeuert: Keiner solle übrig bleiben. Mindestens 1360 Menschen starben. Am 15. April soll R. dann das Massaker in Kibungo angeordnet haben, bei dem etwa 1170 Tutsi getötet wurden.

R., der seit 2002 im Rhein-Main-Gebiet lebt, äußert sich vor Gericht nicht zu den Vorwürfen. Seine Anwältin Natalie von Wistinghausen stellt aber den Antrag, neben den bereits 25 vorgelegten Aktenordnern weitere Akten einsehen zu dürfen, die zeigen, dass auch anderen Spuren nachgegangen wurde. Die Ermittler haben auch Zeugen in Ruanda befragt. Einige von ihnen sollen im Mai vernommen werden. Der letzte Prozesstag ist derzeit für den 26. Oktober angesetzt.

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