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Martin Sonneborn DIE PARTEI „Wir bieten seriösen Populismus“

Der Satiriker und Europaabgeordnete Martin Sonneborn spricht im Interview über Unsympathen wie die AfD, Grenzen der Spaßpolitik und Abstimmungen am Fließband.

04.01.2017 15:15
Thorsten Keller
Ob's irgendwann mal reichen wird für die Macht? Martin Sonneborn wirkt fast so, als träumte er von Höherem. Foto: imago stock&people

Herr Sonneborn, lassen Sie uns über Spaßpolitik in diesen ernsten Zeiten sprechen. 2016 wurde Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt und Boris Johnson britischer Außenminister. Graben diese Figuren nicht richtigen Spaßpolitikern wie Ihnen das Wasser ab, auch in der öffentlichen Wahrnehmung?
Das verbittert mich natürlich, weil wir seriösen Populismus anbieten seit 2004. Wir sind zwar populistisch und arbeiten mit satirischen Mitteln, haben aber einen moralischen Standpunkt. Jetzt kommen dahergelaufene Gangster wie in den USA und Unsympathen wie die AfD, arbeiten mit unseren Methoden und ziehen auf dem Weg zur Machtübernahme an uns vorbei. Dass das Zeitalter der grotesken Politclowns angebrochen ist, wissen wir aber nicht erst, seit Trump gewählt wurde. Das war mir klar, als Sigmar Gabriel SPD-Vorsitzender wurde. Wir konnten uns also darauf einstellen.

Denken Sie denn darüber nach, Ihre Methoden künftig zu verfeinern?
(lacht) Auf keinen Fall, niemals. Wir haben eine aufsteigende Tendenz. Wir haben im September bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus zwei Prozent geholt. Die Zeit ist auf unserer Seite. Wenn Sie Schülerwahlen oder U-18-Wahlen betrachten, dann liegen wir da bundesweit bei fünf bis sechs Prozent. Ich glaube, dass viele „Partei“-Wähler nachwachsen, während viele CDU-Wähler und AfD-Wähler aus biologischen Gründen das Feld räumen. Solange wir keine rückläufigen Wahlergebnisse haben, sehe ich nicht, dass wir unsere Methoden ändern müssten. Die fähigsten Mathematiker der Partei haben ausgerechnet, dass wir noch 64 weitere Bundestagswahlen brauchen, bis wir an der Macht sind

Die innerdeutsche Mauer, die Sie wieder aufbauen wollen, ist ein Running Gag im „Partei“-Programm. Waren Sie überrascht, dass Trump den Mauerbau – nun zwischen den USA und Mexiko – als Wahlkampfschlager wiederbelebt hat?
Nicht nur in den USA. Es macht uns sowohl stolz als auch betroffen, dass diese Idee inzwischen mehrheitsfähig in Europa wird. Wenn Sie die Ungarn anschauen, oder die Österreicher, die eine Mauer auf dem Brenner errichten wollten. Und es gibt die große, übergeordnete Entscheidung, ob wir entweder diese Welt etwas fairer gestalten, oder ob wir eine Mauer um Europa bauen, um unseren Wohlstand zu verteidigen. Es ist in Ordnung, wenn wir das fordern. Aber es ist nicht die Lösung, die ich empfehlen würde.

Sie haben eingangs des Interviews über Sigmar Gabriel gelästert. Hat er als Lieblingszielscheibe jene Rolle übernommen, die bis 2013 FDP-Leute wie Rainer Brüderle hatten?
Gabriel ist für mich ein standpunktloser Opportunist und Populist. Das verärgert mich fast mehr als die Konservativen. Es ärgert mich, dass es kaum noch sozialdemokratische Politik in Deutschland gibt. Der alte Spaß von der „sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft innerhalb der SPD“ ist ja bezeichnend. Ganz Europa krankt daran, dass es kein Konkurrenzsystem mehr gibt und dass der Kapitalismus ungezügelt wirkt. Wir brauchen eine funktionierende, sozial engagierte Partei, die sich für Menschengruppen starkmacht, für die jetzt niemand mehr eintritt.

In der CDU gibt es viele, die mit der Kanzlerin hadern und genau das Gegenteil behaupten: Angela Merkel habe die CDU nach links gerückt und sozialdemokratisiert ...
Aber im Europaparlament gab es in dieser Legislaturperiode eine Koalition aus Konservativen und noch Konservativeren. Es wird eine industrie- und wirtschaftsfreundliche Politik gemacht, führend gestaltet von Elmar Brocken (gemeint ist Elmar Brok, CDU, Anm. d. Red.) und Manfred Weber, die Merkels Politik in Europa umsetzen. Und die ist wesentlich konservativer, wesentlich wirtschaftsfreundlicher als das Bild, das die CDU in Deutschland abgibt. Das öffentliche Bild der CDU ist bestimmt weiter in der Mitte angesiedelt als noch vor einigen Jahren. Aber europaweit und hinter den Kulissen sieht das anders aus.

Als Sie ins Europaparlament einzogen, wollten Sie eigentlich nur kurz bleiben, monatlich sollte ein Parteikollege nachrücken. Daraus sind zweieinhalb Jahre geworden.
Der Staatsrechtler von Arnim hat uns gesagt, dass es ein paar schwammig formulierte Gesetze gibt, und dass der Verdacht ausreichen würde, dass wir gegen den Geist der Lissabon-Vertrags verstoßen mit dieser Rotation. Auf dieser Grundlage hätte uns das Parlament das Mandat entziehen können mit einfacher Mehrheit.

Sind Sie nun der Azubi im Politbetrieb oder der Klassenclown? Was ist Ihr Selbstverständnis als Europaparlamentarier?
Das ist einfach eine sehr lange „heute show“-Aktion. Ich habe ja nichts anderes gelernt bei „Titanic“, als mit satirischen Mitteln zu arbeiten. Ich dokumentierte die unseriösen Seiten des Europaparlaments, etwa in Berichten für „Titanic“ und „Spiegel TV“. Meine zweite Aufgabe ist, dass ich Leute ärgere. Ich bin ja schnell an Elmar Brocken geraten, den Mann, der über 30 Jahre schon im Parlament sitzt, 172 Kilogramm konzentrierte CDU, der früher Kohls Willen in Europa umgesetzt hat. Da hat sich eine schöne Feindschaft entwickelt. Ebenso zu Jo Leinen, SPD, 183 Jahre alt, der gerade versucht, europaweit das Wahlrecht ändern zu lassen, damit Parteien wie wir wieder rausfliegen. Die dritte Aufgabe ist moderne Turbopolitik.

Das bedeutet?
Ich habe die Möglichkeit, eine Minute im Plenum zu reden. Ich lasse da politische Standpunkte durchblicken, versuche aber, die mit einem Witz zu versehen, so dass sie sich besser transportieren als die Reden meiner Kollegen. Nehmen Sie meine Rede gegen Erdogan („Der Irre vom Bosporus“, Anm. d. Red.) im April 2016. Sie ist auf verschiedenen Portalen insgesamt fünf Millionen Mal abgerufen worden. Zum Vergleich: Der Videoblog „Mit Herbert Reul durch die Woche“ wird im Schnitt 35mal abgerufen.

Vielleicht war der Brexit erst der Anfang. Sollte es bei den Wahlen 2017 Mehrheiten für Geert Wilders und Marine Le Pen geben, dann drohen Nexit und Froxit. Sind Sie nicht ein Teil der Kraft, die das Gute will und das Böse schafft, weil Sie vor allem die seltsamen und bizarren Seiten des Europaparlaments vorführen?
Ich bin ja nicht komplett gegen die EU. Ich bin dafür, dass diese EU eine Ausformung bekommt, die sozialere Belange auf die Tagesordnung setzt und nicht dieses Wirtschaftssystem als Absolutes sieht und weiter befördert ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist es, was die EU kaputt macht.

Sie machen gerne Witze über Martin Schulz, den Sie Chulz nennen, weil er als Rheinländer kein „Sch“ sprechen kann. Halten Sie Schulz beziehungsweise Chulz im Gegensatz zu Gabriel für integer?
Schulz ist, glaube ich, schon ein Sozialdemokrat mit einem sehr fundierten Standpunkt. Schulz ist ein brillanter Taktiker und Machiavellist und hat – auch mit juristischen Grenzüberschreitungen – das Europaparlament so geführt, dass diese große Koalition funktionieren konnte. Das hat er, im Zusammenspiel mit Juncker, schon sehr geschickt angestellt. Aber er hat dem Europaparlament eine Stimme gegeben, die es nicht mehr haben wird. Es ist sehr schade, dass der Mann geht. Das Parlament wird wesentlich an Bedeutung verlieren. Ich glaube schon, dass Schulz Merkel gefährlich werden kann und dass er eine verantwortlichere Politik betreiben würde.

Jenseits der politischen Agenda: Wie läuft das menschlich im Europaparlament, wo Sie inmitten der Fraktionslosen Ihren Platz haben?
Ich sitze in einer extrem interessanten Umgebung. Neben mir sitzt ein polnischer Monarchist, Janusz Korwin-Mikke. Der will dass Frauenwahlrecht abschaffen, und hat neulich einen Kollegen geohrfeigt, der ihn als meschugge bezeichnet hatte. Wenn Korwin-Mikke von rechts kommt, ist es ein guter Tag. Dann bin ich der Erste, dem er die Hand gibt. Wenn er von links kommt, begrüßt er erst Krisztina Morvai von der antisemitischen ungarischen Jobbik-Partei. Danach gibt er Jean-Marie Le Pen die Hand, danach Udo Voigt von der NPD und danach mir. Das sind echt harte Momente, in denen ich mir eine Flasche Sagrotan ins Fach wünsche.

Ebenfalls in Ihrem Block sitzt Alessandra Mussolini, die attraktive Enkelin des „Duce“ ...
Die Frau war immerhin Nummer fünf auf der legendären Po-Liste in der Berlusconi-Partei Forza Italia!

Da wurde das Gesäß von Frauen quasi fachmännisch bewertet?
Ja. Mussolini hat hinterher Krawall gemacht, weil sie sich unterbewertet fühlte und hat gedroht, dass sie über die geringe Größe der Geschlechtsteile ihrer Fraktionskollegen auspacken würde. Einen dieser Herren, Antonio Tajani, haben die Christdemokraten im Europarlament jetzt für die Chulz-Nachfolge nominiert. Eine illustre Persönlichkeit.

Sie stimmen im Europaparlament immer abwechselnd mit Ja und Nein ab. Was steckt hinter diesem Zufallsprinzip?
Das ist kein Zufall. Ich stimme immer abwechselnd, weil ich sonst gucken müsste, worüber ich abstimme. So viel Zeit habe ich nicht. Ich betreibe ja keine normale Politik. Kaputtmachen kann ich die EU aber nicht, ich bin einflusslos, als Fraktionsloser in einem Parlament, das von einer großen Koalition gesteuert wird. Die meisten Abstimmungen gehen mit 200 Stimmen Unterschied aus, vieles ist vorher festgelegt und abgesprochen. Es geht auch relativ fix. Wir haben mal in 40 Minuten 240 Abstimmungen gehabt. Selbst die Abgeordneten der britischen Ukip, deren rechten Oberarme viel besser trainiert sind, haben beim Abstimmen gestöhnt, das ginge nicht mehr.

Man muss sich die Abstimmung wie einen Fließbandbetrieb vorstellen?
Es gibt kein Fließband mit dieser Geschwindigkeit.

Am 20. Januar gibt es den Machtwechsel im Weißen Haus. Wird Trump weiter Krawall machen – oder mäßigt das Amt den Mann?
Ich habe auch nur einen Eindruck, der durch mediale Vermittlung entstanden ist. Aber ich glaube, das ist eine Charaktersache bei ihm. Trump ist nicht gebremst durch irgendein Verantwortungsgefühl oder moralische Werte. Deswegen wird der nach der Inthronisierung genauso arbeiten, wie er es vorher getan hat.

Haben Sie als Europapolitiker Pläne über 2019 hinaus? Noch einmal fünf Jahre?
Ich habe gesagt, ich mache das, solange ich überwiegend Spaß daran habe. Ich muss Rücksicht nehmen, weil ich meine Frau und meine Kinder mit nach Brüssel genommen habe. Meiner Familie mute ich im Moment einiges zu. Der Plan war eigentlich, mit 50 kürzer zu treten, mehr im Kaffeehaus zu sitzen, Zeitung zu lesen und zu schreiben. Das ist genau in die andere Richtung umgeschlagen. Mein Leben ist von mehr Terminen geprägt als je zuvor, und das möchte ich nur eine begrenzte Zeit machen.

Interview: Thorsten Keller

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