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Martin Schulz "Einer, der sich gegen Populisten stellt"

Bücher und Fußball - wer Martin Schulz' Heimatstadt Würselen besucht, bekommt einen Eindruck, wie der Kanzlerkandidat der SPD aufgewachsen ist. Was sagen alte Weggefährten über ihn?

26.01.2017 16:52
Kanzlerkandidat Martin Schulz: Kann der das? Foto: dpa

Die Buchhandlung "Martina Schillings", direkt neben einem Brillengeschäft, liegt sich im Zentrum der Stadt Würselen. Die Einbahnstraße vor dem Eingang wird durch kleine Parkbuchten und breite Bürgersteige begrenzt, von denen aus Passanten in die Schaufenster der kleinen Läden gucken können. In der Auslage der Buchhandlung, direkt neben der typischen Pixibuch-Figur, liegt eine Biografie. Das Buch "Martin Schulz - Vom Buchhändler zum Mann für Europa" erinnert an die Bedeutung des kleinen Geschäfts.

Die Buchhandlung wurde 1982 vom designierten neuen SPD-Vorsitzenden gegründet, der nun für die Sozialdemokraten als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf zieht. In der nordrhein-westfälischen Stadt Würselen bei Aachen geboren, machte er dort 1974 die Fachhochschulreife und anschließend eine Ausbildung zum Buchhändler. 1987 wurde er der damals jüngste Bürgermeister Nordrhein-Westfalens und zog für die SPD ins Rathaus ein. Von der Kommunalpolitik wechselte er danach in die Europapolitik, 2014 wurde Schulz zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt. Am Dienstag dann der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere: Parteichef Sigmar Gabriel überlässt Schulz den Vorsitz und die Kanzlerkandidatur.

"Ich habe mich sehr gefreut für den Martin. Ich denke, das ist eine sehr gute Entscheidung", sagt Franz-Josef Hansen. Der langjährige Freund des neuen Parteichefs kickte mit Schulz in seiner Jugend für den S.V. Rhenania 05 und erzählt in rheinischem Dialekt Anekdoten aus der alten Zeit: "Wir hatten den Tag vorher Fußball gespielt, keine Hausaufgaben gemacht, und wir sollten irgendeinen Aufsatz schreiben." Am nächsten Tag habe dann die Lehrerin Schulz aufgefordert, die Hausaufgaben zu präsentieren "und dann hat er dann ... aus einem leeren Heft einen Aufsatz vorgelesen".

"Einer, der sich gegen Populisten stellt"

Als Linksverteidiger spielte Schulz leidenschaftlich für den S.V. Rhenania, auch erfolglos gegen den Bundesligisten Schalke 04. Nur sieben Fußminuten von seinem ehemaligen Buchladen entfernt liegt der Fußballplatz. Der Eingang ist gesäumt mit dem Vereinsemblem und Bier-Werbung, von der Bar aus kann man die Spieler auf dem Platz beobachten. Dort erzählt Hansen, dass Schulz der richtige Mann für Deutschland sei: "Ich glaube, in der jetzigen Situation tut es Deutschland gut, jemanden zu haben, der sich gegen die Populisten stellt." Schulz sei pflichtbewusst und werde die Politik nicht loslassen. "Ich habe großes Vertrauen in ihn..., dass er die Menschen in den Mittelpunkt stellt."

Das hofft auch seine zukünftige Bundestagsfraktion, die den 61-Jährigen am Mittwoch mit minutenlangem Applaus in Empfang nahm. Fraktionschef Thomas Oppermann sprach anschließend von "Aufbruchsstimmung" und sein Vize Hubertus Heil stellte fest: "Der kann das!" Auch Umfragen honorieren die Entscheidung Gabriels. Laut ARD- Deutschland Trend bezeichnen 40 Prozent aller Befragten Gabriel als glaubwürdig und 65 Prozent sagen das über Schulz. Bei der Direktwahl des Bundeskanzlers läge Schulz mit Amtsinhaberin Angela Merkel bei 41 Prozent gleichauf.

Im Rathaus seiner Heimatstadt erklärt der SPD-Stadtverbandsvorsitzende Andreas Dumke, warum die Leute hier für Schulz stimmen: "Die Menschen auf der Straße von Würselen sagen: Das ist unser Martin. Also, er ist einer von uns. Und er möchte ... auch so verstanden werden." Dumke steht symbolisch vor einer Europafahne, im Flur erinnert ein eingerahmtes Foto an den ehemaligen Bürgermeister. Hier, im Rathaus der Stadt mit 34.000 Einwohnern, begann Schulz 1987 seine Karriere. Dass er einmal Kanzlerkandidat werde, hätte Dumke aber nicht gedacht. Bis Dienstagmorgen war er eigentlich noch davon ausgegangen, dass sich Gabriel dem Wahlkampf stelle.

Auf der Straße vor dem Buchladen "Martina Schillings" bewerten die vorbeigehenden Passanten die Nominierung von Schulz als taktischen Zug. "Für die SPD ist es halt wichtig, Stimmen zu fangen, und das konnte man mit Gabriel nicht", sagte ein Würselener im Vorbeigehen. (rtr)

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