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Marokko Nach dem Fastenbrechen ist vor dem Protest

Der inhaftierte Nasser Zefzafi gilt als das Gesicht der Protestbewegung Hirak, die seit Monaten die soziale Not im Norden Marokkos anprangert. Frustrierte Aktivisten fordern seit Tagen die Freilassung ihres Anführers.

Hoceima
In Hoceima verlangen Tausende Freiheit für Nasser Zefzafi. Foto: afp

In seiner letzten Nachricht auf Facebook rief er seine Gefolgsleute auf, weiter friedlich zu bleiben und sich nicht einschüchtern zu lassen. Wenig später wurde Nasser Zefzafi von der Polizei in seinem Versteck aufgespürt. Seitdem sitzt der wortgewaltige Volkstribun in Casablanca in Haft. Der 39-Jährige gilt als das Gesicht der Protestbewegung Hirak, die seit Monaten die soziale Not im Norden Marokkos anprangert.

Ausgelöst wurden die Unruhen im letzten Oktober durch den Tod von Mouhcine Fikri, der in einem Müll-Lastwagen zu Tode gequetscht wurde, als er versuchte, seinen beschlagnahmten Fischfang vor der Vernichtung zu retten. Ein Passant filmte das tödliche Drama in dem Hafenort Hoceima mit dem Handy. Seitdem kommt die vernachlässigte Region Rif am Mittelmeer nicht mehr zur Ruhe; dort leben überwiegend Berber. Woche für Woche protestierten die Bewohner gegen Korruption, Repression und Polizeiwillkür und forderten mehr staatliche Investitionen und Arbeitsplätze.

Ihre karge Heimat, die von 1921 bis 1926 für kurze Zeit als unabhängige Republik Rif existierte, gilt als Armenhaus des Landes. Mitte April reiste eine große Regierungsdelegation aus Rabat in das Krisengebiet und sagte Entwicklungsprojekte von rund einer Milliarde Euro zu. Doch Nasser Zefzafi, der seit Jahren arbeitslos ist und wieder bei seinen Eltern wohnt, ließ nicht mit sich reden. In Hoceima, wo er aufwuchs, arbeitete er unter anderem als Türsteher und als Verkäufer in einem Handy-Shop.

„Hirak war wie ein Kick für mich, ich wurde von einem virtuellen Internet-Aktivisten zu einem realen Aktivisten auf der Straße“, sagte er, der praktisch täglich langatmige Tiraden „gegen das diktatorische Regime“ ins Netz stellte. Seine ausufernden Pressekonferenzen hielt er in einem Schnellimbiss um die Ecke. Auf der Straße feuerte er den Volkszorn in lokaler Berbersprache schon mal von einem Autodach herunter an. Jetzt wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, „die Sicherheit des Staates zu gefährden“.

Als Vorwand für seine Verhaftung diente ein lautstarker Zwischenfall beim letzten Freitagsgebet in Hoceima, als Zefzafi dem Imam während der Predigt ins Wort fiel, ihn als Lügner beschimpfte und ihm vorwarf, ein Sprachrohr der Mächtigen zu sein. Der Gottesdienst wurde abgebrochen, der Geistliche erstattete Anzeige.

Mit der Festnahme von Zefzafi und 50 seiner Mitstreiter jedoch beruhigte sich die Lage nicht – im Gegenteil. In Hoceima und anderen Orten der Rif-Provinz gehen seitdem jeden Abend nach dem Ramadan-Fastenbrechen Abertausende auf die Straße. Auch vor dem Parlament in der Hauptstadt Rabat und in Casablanca kam es zu Kundgebungen, die von der Polizei sofort mit Gewalt aufgelöst wurden. „Wir sind alle Zefzafi“ skandierte die Menge und „Lasst die Gefangenen frei oder sperrt uns alle ein“. Am Mittwochabend, dem sechsten Protesttag in Folge, gingen in Hoceima rund 2000 Menschen auf die Straße.

Dort waren sich die lokalen Politiker aller drei Regierungsparteien einig, sprachen von einer „brisanten Lage“ und kritisierten das harte Vorgehen des Staates. „Die Marokkaner heute wollen zwar keinen arabischen Frühling, weil sie die Folgen in Libyen und Tunesien gesehen haben“, kommentierte die Zeitung „Liberation“. Gleichzeitig aber sei absolut klar, „die Marokkaner brauchen mehr Gerechtigkeit, mehr Freiheit und mehr Transparenz in den Staatsgeschäften“.

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