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Marga Henseler und das Auswärtige Amt „Eigentlich bin ich ein unpolitischer Mensch“

Zurzeit geht Marga Henseler als Heldin durch die Medien. Ihre Beschwerde führte 2003 dazu, dass eine Fachkommission die NS-Vergangenheit des AA beleuchtete.

Ein Kameramann filmt das Auswärtige Amt (AA) in Berlin. Foto: dpa

"Ich bin eine geborene Rebellin“, sagt Marga Henseler. Wer am 9. November Geburtstag hat, dem „Schicksalstag“ der Deutschen mit Ausrufung der Republik 1918, „Reichskristallnacht“ 1938 und Mauerfall 1989 – der muss sich einen Reim auf dieses Datum machen. Für Marga Henseler gehört dazu, dass sie sich „nichts gefallen lässt“.

Zurzeit geht sie als Heldin durch die Medien. Mit ihrer Courage habe die frühere Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes (AA) Geschichte geschrieben. Amtshistorie zumindest. Ihre Beschwerde führte 2003 dazu, dass eine Fachkommission die NS-Vergangenheit des AA beleuchtete.

Alles ein bisschen viel Rummel, murrt Henseler, die seit 1979 pensioniert ist. In ihrer Bonner Wohnung geben sich die TV-Teams die Klinke in die Hand. „Dabei habe ich gar keinen Fernseher. Da kann ich mich nicht mal bewundern“, sagt sie, lacht aus vollem Hals und setzt hinzu: „Aber ich lasse mir immer die Mitschnitte schicken.“

Auf den Titel „Heldin“ reagiert die fast 92-Jährige allergisch. „Ich? Was habe ich denn schon getan?“ Zweierlei: Sie hat sich aufgeregt über einen ehrenden Nachruf auf den NS-belasteten Ex-Diplomaten Franz Nüßlein. Und sie hat dem damaligen Außenminister geschrieben. „Hätte Joschka Fischer nicht reagiert, wäre das ins Leere gelaufen.“ Er sei der Held dieser Geschichte. Darum findet Henseler auch die Idee lachhaft, ihr das Bundesverdienstkreuz zu verleihen. „Kommt überhaupt nicht infrage.“

Selbstbewusst blickt Henseler zurück auf ein – wie sie sagt – „tolles Leben“: Auslandsaufenthalte in Südafrika und den USA, Reisen, spannende Begegnungen. „Ich habe es genossen.“ Jede Silbe bekommt eine eigene Betonung. „Ich weiß um das Privileg, beim AA gewesen zu sein.“ Statt von „Mitarbeitern“ spricht sie von „Angehörigen“ – wie in einer Familie. Über deren NS-Vergangenheit sei nie gesprochen worden. Aber sie war höchst präsent. Im Historiker-Bericht findet sich etwa Henselers erste Personalchefin, von der sie 1951 eingestellt wurde und die ihr „ein hervorragendes Zeugnis“ schrieb, als sie nach nur vier Monaten kündigte, um aus der Enge der Amtsstuben ans Kap zu fliehen.

Nach ihrer Rückkehr neun Jahre später begann der zweite Teil ihrer AA-Laufbahn. In Bonn traf sie Nüßlein wieder, den sie kurz vor Kriegsende bei Onkel und Tante in Prag kennengelernt hatte. Im „Protektorat Böhmen und Mähren“ lehnte Nüßlein als Staatsanwalt die Gnadengesuche von Hunderten Tschechen ab, die zum Tod verurteilt worden waren.

Aber das wusste Henseler zu dieser Zeit nicht. Ihr war der schlanke, gut aussehende Mann allenfalls unangenehm. „Er hatte etwas Herablassendes, Zynisches“. Vor allem aber fand sie ihn – langweilig. „Sie müssen sich vorstellen: Ich war ein junges, hübsches Mädchen, und Prag war eine tolle Stadt. Also, hören Sie mal, da setze mich doch nicht mit einem Nüßlein hin!“

1960 aber suchte sie ihn in seinem Büro auf, auf Bitten ihres Onkels, wie Henseler betont. Von den Verbrechen des „Hausfreunds der Familie“ erfuhr sie erst vier Jahre später. In Washington bekam sie das Buch „Von Ribbentrop zu Adenauer“ in die Hände, eine mit DDR-Archivalien gespickte Studie über die NS-Vergangenheit westdeutscher Diplomaten. „Ich war entsetzt“, erinnert sich Henseler.

Aber sie reagierte nicht. „Glauben Sie vielleicht, Adenauer hätte auf eine kleine Nummer wie mich gehört? Das ist doch absurd!“ Außerdem hätte sie den Dienstweg einhalten müssen: Schriftliche Eingaben wären über den Tisch des Verwaltungschefs gegangen. „Welches Interesse hätte der haben sollen, so etwas weiterzuleiten? Der stand ja selbst in dem Buch.“

Und überhaupt sei sie eigentlich „ein unpolitischer, vielmehr ein musischer Mensch“. Bei diesem Stichwort erwähnt Henseler von sich aus ihre Mitgliedschaft im „Bund deutscher Mädchen“ (BdM). „Das stimmt, da war ich drin. Aber ich war Geigerin in der Spielgruppe“ – damals eine Art Bundesjugendorchester.

Schon dass jemand sich bemüßigt fühlen könnte, ihr daraus einen Strick zu drehen, will Henseler nicht in den Kopf. Rechtschaffen empören kann sie sich über andere angebliche Details ihrer Biografie, über die sie in der Zeitung lesen musste. Nüßlein habe ihr beim Wiedereintritt ins AA eine Empfehlung geschrieben. Das Dokument sei gerade jetzt bekanntgeworden. Ein „Amtsmirakel“, hieß es. Subtext: Damals brauchte, heute schmäht sie ihn.

Medien suchen nach kompromittierenden Details

Henseler selbst findet den Vorgang weniger wunderlich als beschämend. „Was stöbern da Leute in meiner Personalakte herum?“ Der Gipfel aus ihrer Sicht: „Es gibt gar kein Empfehlungsschreiben. Jedenfalls habe ich nie eines erbeten.“ Möglich sei, dass sie Nüßlein bei ihrer Einstellung als Leumund in einem Formular genannt habe. „Als ich drei Jahre später wieder gefragt wurde, war ich schlauer.“ Da habe sie nur geantwortet: „Außer Verwandten und früheren Chefs kennt mich niemand so gut, als dass ich ihn als Referenz angeben könnte.“ Punktum.

So resolut ist Henseler bis heute. Klagen will sie nicht gegen das unerlaubte Wildern in ihrer Akte. Aber angerufen hat sie schon im Auswärtigen Amt. „Da hat man mich abgewimmelt: ,Ach, Frau Henseler, das müssen Sie nicht so ernst nehmen.‘ Ich nehme es aber ernst.“ Was das heißen kann, haben die Herren im AA mit der geborenen Rebellin schon einmal erlebt.

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