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Malta „Da läuft ein Killer frei herum“

Ein Jahr nach dem Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia kommt auf Malta die Aufklärung nicht voran – im Gegenteil.

Gedenken an Daphne Caruana Galizia
Aktivistinnen fordern „Gerechtigkeit“: Für die Zivilgesellschaft war das Attentat ein Weckruf. Foto: rtr

Ein Jahr nach der Ermordung von Daphne Caruana Galizia durch eine Autobombe gibt es keine Spur von den Auftraggebern der Tat. Verhaftet wurden im Dezember letzten Jahres drei Männer im Hafen von Marsa, die den Mord wahrscheinlich ausgeführt haben, die Beweise sind schwerwiegend. David Lindsay, Chefredakteur des „Malta Independent on Sunday“, beschreibt sie als landesweit bekannte Berufskriminelle, „die aber nie in Haft gewesen sind. Sie waren arbeitslos gemeldet, kassierten seit 20 Jahren Unterstützung. Gleichzeitig fuhren sie Luxusautos, hatten Yachten, Appartements. Das ist angeblich nie jemandem aufgefallen, obwohl die Insel nur so groß wie München ist“. 

Das Trio, die Brüder George und Alfred Degiorgio sowie Vince Muskat, erklärte sich für unschuldig und schweigt seither. Die Anwälte der Männer verzögern das Verfahren durch Befangenheitsanträge, kombiniert mit vielfältigen, zum Teil absurden Beschwerden. Manche Beobachter sagen, sie wollen das Beweisaufnahmeverfahren so lange hinausziehen, bis die Verdächtigen nach zwei Jahren freigelassen werden müssten – so lautet das Gesetz. 

Wer steckt hinter dem Mord?

Aber wer steckt hinter dem Mord? Die Journalistin Daphne Caruana Galizia hatte in ihrer 30 Jahre langen Karriere immer wieder aufgedeckt, wie stark Korruption in Malta verwurzelt ist. Allein in den letzten Jahren hatte sie ein gutes Dutzend Skandale enthüllt, von denen jeder für sich eine Regierung stürzen könnte. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass im Zuge der Ermittlungen Politiker oder Geschäftsleute vernommen werden, die ein Motiv gehabt haben könnten. In diesem Zusammenhang wird beispielsweise Minister Chris Cardona genannt, der mit einem der Mörder mehrfach gesehen worden sein soll, vor und nach der Tat. Die Familie der Ermordeten fordert inzwischen unabhängige Ermittlungen, die vor allem zwei Fragen klären sollen: Hätte der Mord verhindert werden können? Und: Gibt es eine Verwicklung der maltesischen Regierung in die Tat?

Premier Joseph Muscat lehnte diese Forderungen erst Ende September in einem Gespräch mit dem Sender BBC ab. „Ich bin nicht sicher, ob eine weitere Untersuchung zu einem besseren Ergebnis führen könnte als die bisherigen Ermittlungen“, sagte er. Muscat verwies auf die verhafteten Verdächtigen – dies sei ein größerer Erfolg, als viele Ländern nach Journalistenmorden vorweisen könnten. 

„Ich habe große Zweifel daran, dass wir je die Wahrheit erfahren werden“, sagt David Lindsay vom „Independent“. „Es ist ja auch absurd, dass ausgerechnet die Politiker, gegen die sie geschrieben hat, jetzt herausfinden sollen, wer sie tot sehen wollte.“ 

Die international ausgezeichnete Journalistin war und ist in ihrem Heimatland für viele die einzige, die unerschrocken gegen eine korrupte Politikerelite und deren Businesspartner kämpfte; für die Mehrheit der Regierungsanhänger ist sie jedoch eine Lügnerin und Hassbloggerin, die „Hexe von Bidnija“. Dieses Narrativ habe die Labour-Partei jahrelang in gezielten Medienkampagnen fixiert, die am Ende Caruana Galizias Reputation erfolgreich beschädigten, sagt Tim Diacono, politischer Redakteur beim Onlineportal „Lovin Malta“: „Wenn man sich also wundert, dass nichts passiert ist, nachdem sie all diese Skandale enthüllt hat – weil die Strategie von Labour sehr erfolgreich war.“ 

Der Hass gegen die Journalistin bricht sich ungefiltert auch in geschlossenen Facebook-Grup-pen von Anhängern der Regierungspartei Bahn. Das fand das Online-Portal „The Shift News“ heraus, das sich über die Accounts von Whistleblowern Zugang verschaffte. Während Premier Muscat vor laufenden Kameras versprach, „jeden Stein umzudrehen“, um den Mord aufzuklären, fanden die Journalisten im Netz eine erschreckende Parallelwelt: „Ihr Tod wurde gefeiert,“ sagt Caroline Muscat vom „Shift“-Team: „Hunderte von Kommentatoren waren sich darin einig, dass sie bekommen hätte, was sie verdiente. Eine entsetzliche Sprache gab es dort.“ Die Administratoren der Gruppen sind Regierungsangestellte, teilweise Minister. Sie greifen nicht ein. Eine Bitte um Stellungnahme zu den Enthüllungen und dem Stand der Aufklärung wurde von der maltesischen Regierung nicht beantwortet.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Malta

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