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Mali Freundliche Soldaten, wilde Krieger

Die malische Armee zeigt sich auch weiterhin unfähig, die Tuareg-Sezessionisten im Norden des Landes zu bekämpfen. Eine Intervention der Nachbarstaaten scheint nicht mehr fern.

Siesta in Mali: Ein Mann ruht sich nach einer Anti-Tuareg-Demo in einem Stadion in Bamako aus. Foto: Reuters/Joe Penney

Man kann als Präsident in Afrika auch zu nett sein. Malis bisheriger Staatschef Amadou Touré kam zwar erstmals durch einen Militärputsch an die Macht – 1991 –, gab das Zepter dann aber, wie versprochen, unverzüglich an eine Zivilregierung weiter, legte vorzeitig die Uniform ab und wendete sich mit seiner „Stiftung für Kinder“ den Schwächsten der Gesellschaft zu. Zehn Jahre später ließ sich der populäre Gutmensch zum Staatspräsidenten wählen, gewann vier Jahre später lässig auch die Wiederwahl und wurde in aller Welt als vorbildlicher afrikanischer Führer und „Soldat der Demokratie“ gepriesen.

Als – von seiner Regierung unverschuldet, weil vom Machtwechsel in Libyen provoziert – Anfang dieses Jahres im Norden seines Landes eine Revolte der Tuareg ausbrach, schlug der softe Ex-Offizier den Aufstand nicht wie andere afrikanische Machthaber mit Brachialgewalt nieder, sondern ließ sich in heimischen Fernseh-Talkshows von den Müttern gefallener Soldaten zensurlos als Schlappschwanz beschimpfen. Seine Gutmütigkeit kostete dem 63-Jährigen schließlich das Amt: Ende vergangenen Monats wurde der Soldat der Demokratie selber aus dem Amt geputscht.

Angst vor zweitem Afghanistan

Seitdem fürchten manche, Mali könne zu einem „zweiten Afghanistan“ werden. Die Tuareg-Organisation „Nationale Bewegung für die Befreiung Azawads“ (MNLA) hat die drei Nordprovinzen des Landes, die zusammengenommen größer als Frankreich sind, bereits zum unabhängigen Tuareg-Staat Azawad ausgerufen, während die mit ihr verbündete islamistische Tuareg-Gruppe Ansar Dine, die „Verteidiger des Glaubens“, über ganz Mali die Scharia verhängen will. Ansar Dine verfügt wiederum über Beziehungen zum Al-Kaida-Netzwerk im Magreb (Aqim), das in der Wüste im Norden Malis über Trainingslager verfügen soll. Eine Splittergruppe des Aqim nahm kürzlich schon mal sieben algerische Diplomaten im Norden Malis als Geiseln.

Dabei beschränkt sich das Aufmarschgebiet islamistischer Gotteskämpfer keineswegs nur auf die Tuareg-Region: In der nordmalischen Stadt Gao halten sich offenbar bereits mehr als hundert Mitglieder der berüchtigten Boko-Haram-Sekte auf, die den 150-Millionen-Einwohner-Staat Nigeria derzeit in helle Aufregung versetzt. Genaugenommen zieht sich von Mauretanien über Mali und von Nigeria bis in den Sudan und nach Somalia ein ganzes Band an Brandherden, die die gesamte Sahelzone in Flammen zu setzen drohen: Die von notorischer Armut, den Konsequenzen der Klimaerwärmung und einer akuten Hungersnot gebeutelte Region hat sich als ideales Terrain für Heilige Krieger heraus gestellt.

Noch herrschen in Mali keine Verhältnisse wie am Hindukusch. Dem westafrikanischen Staatenbund Ecowas ist es gelungen, die niederrangigen Offiziere, die Touré aus dem Amt putschten, zur Rückgabe der Macht an Zivilisten zu bewegen: Der bisherige Parlamentssprecher Dioncounda Traoré wurde als Übergangspräsident vereidigt und soll Wahlen vorbereiten. Der Widerstand gegen den Coup und die Sezession der Tuareg hat zumindest die Bevölkerung im Süden eher zusammengeführt. Was mit dem Norden passieren soll, bleibt offen.

Zumindest unter vorgehaltener Hand sind sich politische Analysten einig: Ohne eine militärische Intervention wird sich die Abspaltung des Nordens nicht rückgängig machen lassen – und eine Anerkennung des eigenmächtig ausgerufenen Staats kann sich weder die Regierung in Bamako noch die Afrikanische Union leisten.

Die muss befürchten, dass Sezessionisten Auftrieb erhalten, die noch überall sonst auf dem Kontinent die von den Kolonialisten willkürlich gezogenen Grenzen in Frage stellen. Ecowas scheint bereit, der schwächelnden malischen Armee im Kampf gegen die Sezessionisten zur Seite zu stehen: Der Staatenbund hat bereits die Mobilisierung einer 3000 Mann starken Truppe angeordnet, die auf die Schnelle nach Mali entsendet werden könnte.

Nato in der Verantwortung

Wie langwierig der Krieg gegen die Rebellen werden könnte, lässt sich im Vorhinein kaum sagen. Zwar ist die MNLA mit ihren zum Teil in Gaddafis Libyen ausgebildeten Kämpfern und den nach dem Kollaps des dortigen Regimes nach Mali verfrachteten Waffen eine militärisch nicht zu unterschätzende Kraft – doch werden die Tuareg von tiefen Zerwürfnissen geschwächt. Selbst die alliierten Ansar Dine und MNLA ziehen nicht an einem Strang: Erstere wollen gar keinen eigenen Tuareg-Staat, sondern die Islamisierung von ganz Mali. Auch gibt es viele Tuareg, die sich weder von Ansar Dine noch von MNLA vertreten fühlen: Sie wären mit einer Autonomieregelung und mehr finanzieller Unterstützung aus der Hauptstadt Bamako bereits zufrieden.

Schon heute zeichnet sich ab, dass der Westen seine vornehme Distanz zu dem von der Nato mit der Zerschlagung des Gaddafi-Regimes zumindest mit heraufbeschworenen Problem nicht lange aufrecht erhalten kann. Schon wird im Norden Malis die Forderung nach einer humanitären Intervention laut: „Die Situation hier ist dramatisch“, klagt der Tuareg-Abgeordnete Abdou Sidibe in Gao: „Die internationale Gemeinschaft muss etwas tun.“

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