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Malala Angst vor einem Teenager

In Pakistan versuchen viele, die Anti-Taliban-Ikone Malala zu diskreditieren. Sie wird als williges Werkzeug des Westens beschimpft.

Nicht überall beliebt: Malala. Foto: dpa

Die englischsprachige Islamabader Tageszeitung „Dawn“, die über Jahrzehnte hinweg ihren liberalen Ideen trotz aller Schwierigkeiten treu geblieben ist, wagte eine Satire. Malala Yousufzai, die mittlerweile weltberühmte pakistanische Schülerin, die im Oktober 2012 mit knapper Not ein Attentat der radikalislamischen Taliban überlebte, sei in Wirklichkeit die Tochter ungarischer Missionare – und als Geschenk an eine Familie übergeben worden, die sich habe bekehren lassen.

Man kann über die Qualität der abstrusen Satire streiten. Aber die Wirkung gab den Autoren recht, die für die Persiflage auf die pakistanische Besessenheit für unwahrscheinlichste Verschwörungstheorien verantwortlich waren. Obwohl deutlich als Satire gekennzeichnet, wollten manche Leser nicht nur den Unsinn glauben. Sie feierten „Dawn“ auch gleich noch dafür, „endlich mal die Wahrheit“ veröffentlicht zu haben.

Überall in der Welt mag die 16-jährige Malala Yousufzai als eine der wenigen mutigen und aufrechten Stimmen zählen, die noch Front gegen die allgegenwärtige Einschüchterung durch Extremisten machen. Aber das pakistanische Mädchen, das dank einem Vater mit sicherem Gespür für Öffentlichkeitswirksamkeit zu einer Ikone des Widerstands im Ausland wurde, wird in ihrem Heimatland zunehmend als williges Werkzeug des Westens beschimpft.

Immer seltener melden sich Landsleute wie die elfjährige Atiya Arshad. „Ich bin so froh, dass wir Malala im Fernsehen sehen können“, sagt die Tochter eines Textilarbeiters. „Ich weiß nicht, warum diese Leute nicht wollen, dass wir zur Schule gehen.“ Atiya meint die Taliban, die ihr vor Monaten in Ittehad Town, einem Viertel Karachis, zweimal in den Magen schossen, als sie gerade einen Schulpreis entgegennehmen wollte.

Lehre für Pakistaner

Inzwischen aber versuchen viele Pakistaner lieber, die Glaubwürdigkeit Malalas zu untergraben. „Das ist doch nur Drama“, behauptet ein Student in der Hauptstadt Islamabad, „wie kann jemand einen Kopfschuss überleben?“ Malala kämpfte wochenlang um ihr Leben und verdankt ihre weitgehende Genesung vor allem den Spezialisten in dem britischen Hospital für Kriegsverletzungen, in dem sie behandelt wurde.

Vielen Pakistanern fällt es schwer zu glauben, dass Malala tatsächlich mit nur elf Jahren anonym für die britische BBC aus dem Swat-Tal über die dortige Schreckensherrschaft der Gotteskrieger bloggte. Als sie sich nach der Vertreibung der Milizen durch die Armee outete, wurde Malala zum Symbol des Widerstands, bevor sie den Mordversuch der Extremisten im vergangenen Jahr überlebte. „Sie ist nicht das einzige Rollenmodell“, sagt heute in Mingora, der Hauptstadt des Swat-Tals, eine 16-jährige Schülerin, die in der Burka zur Schule kommt.

Aber Malala stellt mit Sicherheit eine Lehre für alle Pakistaner dar, die seit Jahren versuchen, mit dem Terror zu überleben. „Mehr Ruhm bringt mehr Gefahr“, sagt Farrukh Atiq, ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung in Mingora, „die Gefahr ist größer denn je.“

Die Taliban mögen laut offizieller Darstellung aus weiten Teilen des Swat-Tals vertrieben sein. Doch wie allgegenwärtig die Gefahr ist, macht selbst die Polizei deutlich. An jeder Straßenkontrolle im Swat-Tal steht ein großes Schild mit den Fotos gesuchter Gewalttäter.

„Wir alle tragen die Furcht in unseren Herzen“, sagt Selma Naz, Leiterin der Schule, die Malala bis vor einem Jahr besuchte, „wir haben Drohungen erhalten. Die Taliban sind sehr gefährlich.“ Auf Druck der Eltern wurde der Regierungsversuch, die Lehranstalt in „Malala-Schule“ umzubenennen, schnell aufgegeben. Ein großes Poster der Schülerin, das einmal in der Aula hing, ist weg.

Wie weit die Furcht reicht, verdeutlicht der Rechtsanwalt Aftab Alam: „Niemand wagt es, vor Gericht mit einer Anklage gegen Taliban zu erscheinen. Nicht mal die Polizei besitzt den Mut, Untersuchungen aufzunehmen.“ Die Akte zum Mordversuch an Malala wurde von der Polizei längst geschlossen – angesichts solcher Umstände kaum verwunderlich. Der Täter, ein Mann namens Attaullah, ist seit der Tat nicht mehr gesehen worden. Er versteckt sich irgendwo in den Bergen, vielleicht auch in Afghanistan.

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