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Mads Gilbert Der umstrittene Samariter

Der norwegische Arzt half in Gaza, gab viele Interviews über das Elend der Zivilbevölkerung - und rechtfertigte Terrorakte.

Mads Gilbert, politisch motivierter Mediziner, hat sein Ansehen als neutraler Zeuge verloren. Foto: Getty Images

Das Stethoskop hängt um seinen Hals. An seinem grünen Chirurgenkittel kleben noch zwei Streifen Heftpflaster, als der norwegische Arzt Mads Gilbert am späten Samstagnachmittag in einem palästinensischen Krankenwagen an der Grenze in Rafah ankommt. Erst hilft er, den schwer verletzten Jungen, den er begleitet hat, in den ägyptischen Rettungswagen zu schieben, dann bestürmten ihn Journalisten. Seit Neujahr arbeiteten Gilbert und sein Kollege Erik Fosse als einzige westliche Chirurgen im Schifa-Hospital in Gazastadt.

In Telefoninterviews beschrieben die beiden Ärzte in den vergangenen Wochen Fernsehstationen und Zeitungen - unter anderen der FR - die katastrophalen Zustände im Krankenhaus. Damit durchkreuzten sie Israels Strategie, den Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen ohne westliche Augenzeugen zu führen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Fox News, der Hauskanal der republikanischen Rechten in den USA, denunzierte Gilbert als "Hamas-Doktor".

Mitglied der "Roten Liste"

Gilbert ist kein unbeschriebenes Blatt. In Norwegen gilt er als erfahrener Kriegschirurg, ist aber auch für seine radikalen Ansichten bekannt. Er operierte nicht nur in den palästinensischen Gebieten, sondern auch Minenopfer in Birma, Angola, Kambodscha und Kurdistan. 16 Jahre lang saß der Vater zweier erwachsener Töchter als Abgeordneter für die kommunistische "Rote Liste" im Kommunalparlament der Stadt Tromso, an deren Universität er Professor ist.

In einem Interview mit der Zeitung Dagbladet rechtfertigte er den Terroranschlag vom 11. September 2001 in New York: Die Angriffe auf New York seien keine Überraschung nach der Politik des Westens in den letzten Jahrzehnten. Die Unterdrückten hätten auch ein moralisches Recht, die USA mit allen Waffen anzugreifen, derer sie habhaft werden könnten. Ob amerikanische, irakische, afghanische oder palästinensische Zivilisten stürben, mache keinen Unterschied. Auf die Frage, ob er einen Terroranschlag gegen die USA unterstützen würde, antwortete er: "Terror ist eine schlechte Waffe, aber im erwähnten Kontext ist die Antwort ja."

An seinen Ansichten zum Krieg im Gazastreifen lässt er keinen Zweifel. "Nichts ist so feige, wie Menschen zu bombardieren, die nirgendwohin fliehen können", sagt er, während ihn im Ankunftsterminal von Rafah zwei Dutzend ägyptische Ärzte umringen, die seit Tagen auf die Erlaubnis aus Kairo zur Einreise nach Gaza warten. Dass er die Hamas unterstützt, weist er von sich. "Ich unterstütze keine politische Gruppierung. Ich unterstütze das Recht des palästinensischen Volkes, in Frieden und ohne Besetzung zu leben", sagt er - genauso "wie ich das Recht des israelischen Volkes unterstütze, in Frieden zu leben".

"Sein medizinisches Urteil ist über jeden Zweifel erhaben", sagt Meret Taksdal von der Hilfsorganisation Norwac, in deren Auftrag Gilbert und Fosse in Gaza waren. Ebenfalls im Dagblatt machte der Arzt aber auch sein Berufsverständnis deutlich: "Es gibt wenig in der Medizin, das nicht politisch ist."

Ägypten ziert sich

In Ägypten sind die norwegischen Mediziner nicht willkommen. Die Behörden ließen die beiden total erschöpften Chirurgen im eiskalten Ankunftsterminal warten. Als nach Mitternacht die israelischen Raketenangriffe so heftig wurden, dass Teile der Decke einzustürzen drohten, wurden sie in ein Wachhaus verlegt.

Der norwegische Botschafter in Kairo schlief aus Solidarität mit ihnen auf dem Fußboden . Erst am Sonntagmorgen durften die beiden Ärzte einreisen.

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