Lade Inhalte...

Lula da Silva Kämpferisch in den Knast

Brasiliens Ex-Präsident Lula da Silva tritt die Haftstrafe wegen angeblicher Vorteilsnahme an - und macht in seinen letzten Momenten in Freiheit, was er am besten kann.

Lula da Silva
Darauf wird er erst einmal verzichten müssen: Lula badet in der Menge seiner treuen Fans. Foto: afp

Luiz Inácio da Silva machte in diesem vorerst letzten Moment in Freiheit das, was er am besten kann: sich in Rage reden, Zuhörer mitreißen und Siegeswillen vermitteln. Dem brasilianischen Ex-Präsidenten ist es am Samstag gelungen, vor dem Sitz der Metallarbeitergewerkschaft in São Bernardo do Campo eine der bittersten Stunden seines Lebens in einen gefühlten Sieg zu verwandeln. „Ich werde mich nicht verstecken, ich stelle mich und werde meine Unschuld beweisen“, versprach der 72-Jährige vor Hunderten Anhängern seiner Arbeiterpartei PT: „Ich glaube an die Gesetze, sonst wäre ich nicht Politiker geworden, sondern Revolutionär.“ 
Knapp eine Stunde dauerte diese Mischung aus Abrechnung mit der Justiz und politischem Manifest. „Ihr alle seid Lula und werdet durch dieses Land gehen und tun, was zu tun ist“, schloss er. Dann trugen ihn seine Anhänger auf Schultern. 

Kurz danach bestieg Lula ein Auto der Bundespolizei, das ihn zum Flughafen von São Paulo brachte, von wo er nach Curitiba im Süden des Landes geflogen wurde. Im dortigen Gefängnis tritt er seine zwölfjährige Haftstrafe an, zu der er wegen angeblicher Vorteilsnahme und Geldwäsche verurteilt worden war. Zuvor hatte er eine von Antikorruptionsrichter Sérgio Moro gesetzte Frist verstreichen lassen, sich bis zum Freitagnachmittag um 17 Uhr Ortszeit zu stellen.  Es ist das zweite Mal, dass Lula eingesperrt wird. 1980 verbrachte er 31 Tage im Gefängnis, weil er den Streik der Metallarbeiter angeführt hatte. So schnell wie damals wird er dieses Mal vermutlich nicht wieder auf freien Fuß kommen, auch wenn es kaum jemand in Brasilien für wahrscheinlich hält, dass er die komplette Haftstrafe absitzen muss. 

Dabei hatte Lula große Pläne für diesen Herbst. Am 7. Oktober wollte er erneut die Präsidentenwahl gewinnen. Vom Präsidentensitz in Brasilia hat der PT-Politiker zwischen 2003 und Anfang 2011 das größte Land Lateinamerikas mit großem Charisma regiert und dabei die halbe Welt verzaubert. Millionen Brasilianer stiegen in dieser Zeit aus der Armut in die Mittelklasse auf. Barack Obama bezeichnete Lula in diesen Jahren mal als den „beliebtesten Präsidenten des Planeten“.

15 Jahre nach Beginn seines steilen Aufstiegs ist der Mann, der in eine mittellose Bauernfamilie geboren und ein Politpopstar wurde, wieder ganz unten angelangt. Lula ist der erste Ex-Präsident Brasiliens, der wegen Vorteilsnahme verurteilt wurde. Aus dem Gefängnis in Curitiba kann er vorerst zwar auch seinen Wahlkampf weiterführen. Aber realistisch ist die Kandidatur für die Wahl im Herbst nicht. Das Wahlgericht wird seine Einschreibung für Oktober als verurteiltem Täter ablehnen. 

Lula erhält Vorzugsbehandlung

Lula hält den Prozess für ein politisches Verfahren. Tatsächlich sind die Beweise eher Indizien, die belegen sollen, dass er sich hat bestechen lassen. Und die Strafe von zwölf Jahren ist absurd hoch: Richter Moro geht besonders hart gegen die Ikone der Linken vor, während er Politiker mit weniger Eifer verfolgt, gegen die schwere Anschuldigungen vorliegen. 

Aber Lula stilisiert sich auch als Opfer, wenn er sich beispielsweise mit dem südafrikanischen Freiheitskämpfer Nelson Mandela vergleicht. Mit seinen 72 Jahren ist er dabei, seine Verdienste um Brasilien und Lateinamerika und um die Themen Armut und soziale Ungleichheit zu verspielen. Und er verkennt auch, dass an den Vorwürfen ein Kern Wahrheit ist. Selbst wenn er nicht bewusst Bestechungsgelder angenommen hat, wusste er aber von den Korruptionsfällen um den Erdölkonzern Petrobras und die Baufirma Odebrecht. 

Im Gefängnis von Curitiba bekommt Lula „aus Respekt vor dem Amt, das er innehatte“, eine Vorzugsbehandlung. Ihm steht eine 15 Quadratmeter große Einzelzelle mit eigenem Bad zu. Auch die Freigangs- und Besuchszeiten sind großzügiger geregelt als bei den anderen Insassen. Zudem wird Luiz Inácio da Silva von der entwürdigen Praxis befreit, jedem neuen Insassen den Schädel kahl zu rasieren. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Brasilien

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen