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Luftschlag von Kundus Geheimnisvolle Unbekannte

Oberst Klein sagt aus, er sei vor dem Befehl zum Luftschlag von Kundus "beraten" worden. Im Ausschuss wird auch bekannt, dass die KSK schon vor der Entführung der Tanklaster über die Pläne der Aufständischen informiert gewesen sein soll. Von Steffen Hebestreit

Deutsche Fallschirmjäger im Feuergefecht mit Aufständischen. Foto: rtr

Berlin. Aufklärung sieht anders aus: Nach der Befragung von Oberst Georg Klein am Mittwoch vor dem Untersuchungsausschuss in Berlin erscheint der verheerende Luftschlag vom 4. September 2009 im nordafganischen Kundus noch mysteriöser. Bundestagsabgeordnete äußerten den Verdacht, dass der Angriff maßgeblich vom Kommando Spezialkräfte (KSK) geführt wurde.

Klein soll in der geheimen Sitzung ausgesagt haben, dass er vor seiner Entscheidung im Gefechtsstand "beraten" worden sei. Dabei hätten sich auch Personen in dem Gefechtsstand gefunden, deren Identität ihm ebenso unbekannt gewesen sei wie ihre genaue Aufgabe. Es soll sich um insgesamt sechs Männer handeln, deren Präsenz im Gefechtsstand in der besagten Nacht bislang nicht bekannt war. Offenbar gehörten sie der Task Force 47 an, einer geheimen Einheit von KSK-Soldaten und Aufklärern.

Oberst Klein übernahm in seiner knapp fünfstündigen Befragung aber die volle Verantwortung für seinen Einsatzbefehl. Auf Grundlage der ihm damals vorliegenden Informationen und des allgemeinen Lagebildes sei der Luftangriff angemessen gewesen. "Hätte ich gewusst, dass Kinder vor Ort sind, hätte ich den Angriff nicht befohlen", gestand Klein nach Angaben von Sitzungsteilnehmern in seiner Befragung ein: "Ich trauere um die Menschen."

Der Oberst verwahrte sich gegen die Unterstellung, er habe vor allen Dingen töten wollen. "Ich wollte das nicht", sagte Klein. Ihm sei es darum gegangen, eine akute Gefährdung zu entschärfen. Auf die Frage, weshalb er sich nicht bei seinen Vorgesetzten vor dem Befehl rückversichert habe, antwortete er: "Ich war der taktische Führer vor Ort. Niemand hatte ein besseres Lagebild als ich."

Klein nicht immer Herr der Lage

In der Befragung, bei der Klein einen selbstbewussten und gefestigten Eindruck machte, wurde deutlich, dass der Oberst nicht jeden Schritt auf dem Weg zum Angriffsbefehl verfolgen konnte. So habe er etwa den Funkverkehr zwischen seinem Fliegerleitoffizier Markus W., Codename "Red Baron 20", und den F15-Kampfflugzeugen nicht hören können.

Die Piloten der US-Kampfjets hatten fünf Mal angeboten, durch einen Tiefflug über die Sandbank, auf der die entführten Tanklaster feststeckten, die Anwesenden zu warnen. "Red Baron 20" lehnte dieses Angebot jedes Mal ab und ordnete an, dass sich die Kampfjets außerhalb der Hörweite der Sandbank halten sollten.

Die Task Force 47 soll, so wurde in der Sitzung ebenso bekannt, bereits sechs Stunden vor der Entführung der Tanklaster über die Pläne der Aufständischen informiert gewesen sein. Ein Informant habe nicht nur das Ziel, sondern auch die drei Orte genannt, an denen je ein Hinterhalt aufgebaut worden sei. Tatsächlich wurden am Nachmittag an einem der Orte, dem Dorf Angor Boch, die beiden Treibstofflaster entführt. Die Task Force will davon aber erst am Abend gegen 19.30 Uhr erfahren haben.

Abgeordnete aller Parteien zollten Oberst Klein Respekt dafür, dass er vor dem Untersuchungsgremium erschienen sei und umfassend ausgesagt habe, obwohl er von seinem Zeugnisverweigerungsrecht hätte Gebrauch machen können. Der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold sagte, er bleibe aber bei seinem Urteil, dass der Einsatz "nicht verhältnismäßig" gewesen sei. Nun gelte es, die "mysteriösen Dinge" aufzuklären, die diesen Angriff begleiteten. Paul Schäfer (Linke) äußerte sich schockiert über die "völlige Verwischung" der Zuständigkeiten des normalen Bundeswehrkontingents in Kundus und der Task Force 47.

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