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Lobbyismus in Schulen Wenn der silberne Stern im Physikheft prangt

Mit frei zugänglichen Arbeitsblättern, Themenbroschüren und Lehrmaterialien erobern Unternehmen und Wirtschaftsverbände deutsche Klassenzimmer.

10.04.2016 09:33
Von Anna Driftschroer
In den Unterrichtsmaterialen, die Firmen kostenlos an Schulen vergeben, versteckt sich Werbung - mal mehr, mal weniger (Symbolbild). Foto: dpa

Unternehmen und Wirtschaftsverbände engagieren sich gern in deutschen Schulen. Manchmal vielleicht etwas zu gern. Auf den ersten Blick scheinen ihre Schulmaterialien anschaulich, verständlich und genau auf die Bedürfnisse der Schüler zugeschnitten zu sein. Auf den zweiten entpuppen sie sich als einseitige Inhalte, versteckte Werbung, Lobbyismus. Die Energiebranche schickt ihre Experten in die Klassen, die örtlichen Banken veranstalten einen Schulwettbewerb und international tätige Pharmaunternehmen publizieren kostenlose Arbeitshefte für den Chemieunterricht.

„Es ist eine Überflutung von Materialien, unentgeltlich oder subventioniert, die die Unternehmen heutzutage an Schulen geben“, meint Heinz Jacobs. Der pensionierte Lehrer ist Vorsitzender des Vereins „Ökonomie im Unterricht“, der sich in erster Linie an Lehrkräfte richtet und sich zum Ziel gesetzt hat, die wirtschaftliche Bildung im Unterricht zu fördern. Jedes Jahr veranstaltet der gemeinnützige Verein eine Sommerakademie im rheinländischen Bad Honnef, wo etwa 50 Ausbilder der Studienseminare referieren und gemeinsam mit Lehrerinnen und Lehrern Unterrichtskonzepte diskutieren. Für den Wirtschaftsunterricht stellt der Verein in Kooperation mit der Hans-Trappen-Stiftung ausgearbeitetes Material zur Verfügung.

„Die Trappen-Texte sind interessenneutral und fordern die Schüler dazu auf, kritisch zu reflektieren“, erklärt Jacobs. Das Schulmaterial, das von Unternehmen herausgegeben wird, sei meist stark zu Gunsten des Unternehmens geschrieben. „Gerade in der Finanzbranche wird der Bänker gern mal zum Berater“, sagt Jacobs.

Nicht selten spendieren Unternehmen und Wirtschaftsverbände Schulen kostenloses Material, das von den Schulen gern angenommen wird. In einer Studie der Universität Augsburg zählten Forscher 2012 allein im Internet 882.540 frei zugängliche Arbeitsblätter, Themenhefte und Unterrichtsbroschüren. Auffällig schien bei einem Blick auf die Herausgeber auch, dass nur vier der 20 umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands derzeit kein kostenloses Lehrmaterial anboten.

Ein Grund zur Beunruhigung, findet Felix Kamella vom Verein LobbyControl. „Dabei geht es nicht mehr um Bildung und Erkenntnis, sondern um Meinungsmache und Manipulation“, erklärt Kamella. In seinem Diskussionspapier zeigt er auf, wie Wirtschaftsverbände und Unternehmen Lehr- und Lerninhalte einseitig darstellen, ihre Mitarbeiter als Experten in die Klassen schicken oder Wettbewerbe und Spiele an Schulen veranstalten.

Imageförderung im Klassenzimmer

Die Gründe liegen auf der Hand: Imageförderung der eigenen Marke oder Branche, Rekrutierung des Nachwuchs oder gar einfache zielgruppenorientierte Reklame. Dabei ist Werbung an Schulen verboten. Eine gewisse Interpretationsfreiheit bietet jedoch das Schulgesetz: „Werbung, die nicht schulischen Zwecken dient, [ist] in der Schule grundsätzlich unzulässig.“ Sponsoring ist gestattet, sofern die „Werbewirkung deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt“, heißt es beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Hier und da mal ein silberglänzender Mercedes-Stern, wie der Automobilkonzern Daimler sie in seinem Arbeitsheft über Aerodynamik für den Physikunterricht abbildet, ist also durchaus vertretbar.

Die deutschen Erdölunternehmen im Verbund des Wirtschaftsverbands Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) warben ihren Nachwuchs über Schulkooperationen an, in denen Schüler in die Betriebe gingen und dort ihre Facharbeiten schreiben durften. In ihrer Broschüre „10 Argumente für die Erdöl- und Erdgasproduktion in Deutschland“ plädiert der WEG für alles andere als Erneuerbare Energien. „Mit mehreren Schulen bestehen (…) Kooperationsprojekte, um junge Menschen für ein technisches Studium oder einen Ausbildungsplatz in der E&P-Industrie [Erdöl- und Erdgasproduktion] zu interessieren“, heißt es in der Broschüre des Wirtschaftsverbands.

Niedersachsens Kultusministerin erklärte im vorigen Jahr das Ende der Kooperationen zwischen fünf Gymnasien und dem Erdöl-Verband, da sie gegen die heute gültigen Antikorruptionsrichtlinien des Landes verstoßen würden. Der WEG weist die Lobbyismus-Vorwürfe von sich, die Mitteilung über die Beendigung sei für den Verband „nicht nachvollziehbar“ gewesen, teilte der Verband der FR mit.

„Die Aktivitäten von Unternehmen an Schulen haben sich in den letzten Jahren stark ausgeweitet und professionalisiert“, sagt der Sprecher von LobbyControl Timo Lange. „Es gibt mittlerweile ganze Agenturen, die diese Form von Marketing als Dienstleistung anbieten.“

Ein Beispiel ist die Deutsche Schulmarketing Agentur, die Schulmaterial kostenlos anbietet und auch die AOK, LBS oder Nike zu ihren Partnern zählt. Auf ihrer Website erklärt die Agentur offen, dass der „pädagogische Bildungsauftrag (…) sehr gut mit den Interessen privatwirtschaftlicher Partnerunternehmen verbunden werden“ kann. Ob hier wirklich noch die Bildung der Schüler im Vordergrund steht, ist fraglich.

Skeptisch sehen die Gewerkschaften Pläne für ein Unterrichtsfach Ökonomie, wie es beispielsweise im Herbst in Baden-Württemberg anläuft. Sie befürchten, dass die Wirtschaft sich dadurch direkten Einfluss auf den Schulunterricht verschaffen könnte. „Die Gefahr ist, dass Unternehmen versuchen ihre Partikularinteressen miteinfließen zu lassen und somit Unterrichtsinhalte manipulieren“, erklärt Roman George von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen. Eine Monitoringstelle als eine Art Gütesiegel müsste her, wie der hessische SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Degen sie 2015 in einem Antrag an das Kultusministerium forderte. Sie könne die Unterrichtsmaterialien prüfen und absegnen. Zwar sind Schulbücher bislang genehmigungspflichtig, „für Textausgaben, Formelsammlungen u.ä. kann von einer Genehmigung abgesehen werden“, sagen die Richtlinien. Was letztlich unter „Textausgaben und ähnliches“ fällt, scheint letztlich Auslegungssache zu sein und bietet Spielraum für die Wirtschaft.

Das Kultusministerium verwies damals auf eine Arbeitsgruppe auf Bundesebene, die sich mit dem Thema beschäftige, und betonte, dass die Auswahl und Verwendung von Materialien in der Verantwortung der Lehrkräfte liege. Auch auf Anfrage der FR zeigte sich die Kultusministerkonferenz (KMK) gelassen. Sie fürchte nicht, dass Lobbyisten die Klassenzimmer stürmen. „Die Lehrkräfte sind kritisch genug und können die Materialien einschätzen“, sagt Tobias Funk vom Sekretariat der KMK.

Doch Fakt ist: Wirtschaftsnahe Publikationen schneiden in der Qualität signifikant schlechter ab als Materialien aus öffentlicher Hand oder nicht kommerziellen Interessenverbänden, belegte eine Studie des Verbraucherzentrale Bundesverbands 2014. Steht und fällt also alles mit dem kritischen Blick der Lehrkräfte? Für LobbyControl ist das zukünftig keine Lösung. Der Verein fordert die Offenlegung der Finanzierungen, ein eindeutiges Verbot von Werbung und Sponsoring an Schulen sowie eine staatliche Monitoringstelle im Sinne eines Korrektivs. Nur so lasse sich der Einfluss der Wirtschaft an deutschen Schulen eindämmen und Lobbyisten in die Schranken weisen.

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