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LKA Baden-Württemberg spähte Studenten aus Der Vorbeuge-Spitzel

Baden-Württembergs Innenminister Rech rechtfertigt die Ausspähung von Studenten: Der Einsatz eines getarnten LKA-Ermittlers sei gegen "konkrete Zielpersonen der anarchistischen Szene" gerichtet gewesen. Der Enttarnte aber erzählt etwas anderes.

17.01.2011 18:25
Von Felix Helbig
Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech Foto: dapd

Baden-Württembergs Innenminister Rech rechtfertigt die Ausspähung von Studenten: Der Einsatz eines getarnten LKA-Ermittlers sei gegen "konkrete Zielpersonen der anarchistischen Szene" gerichtet gewesen. Der Enttarnte aber erzählt etwas anderes.

Eigentlich könnte Heribert Rech einigermaßen beruhigt sein, immerhin ist die Zahl der politisch motivierten Straftaten in seinem Land deutlich gesunken im vergangenen Jahr. Nur noch 1115 Delikte wurden 2010 „aus dem linken und rechten Spektrum“ registriert, berichtete der baden-württembergische CDU-Innenminister zu Jahresbeginn, im Jahr zuvor waren es noch 1700 gewesen. Eine Erklärung dafür könnte natürlich sein, dass die Studenten der Heidelberger Universität zuletzt ziemlich gut bewacht wurden. Es wäre eine für Rech sehr günstige Erklärung.

Dennoch hat das Innenministerium vier Wochen lang beharrlich geschwiegen, bis es jetzt einräumte, die Studentenszene in Heidelberg für neun Monate durch einen verdeckten Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) beobachtet zu haben.

Auf Party enttarnt

Der 24-Jährige war im Frühjahr 2010 unter dem Decknamen Simon Brenner an der Universität aufgetaucht und hatte sich an Aktionen von Castor-Gegnern und Friedensbewegten beteiligt, bis er im Dezember auf einer Party von einer zufällig getroffenen Urlaubsliebschaft enttarnt worden war. Das alles bestätigt Rechs Ministerium nun in einer Stellungnahme auf Antrag der Grünen-Landtagsfraktion, die der FR vorliegt. Das vierseitige Papier allerdings wirft neue Fragen auf.

Nach Angaben des Innenministeriums richtete sich der Einsatz in Heidelberg „gegen konkrete Zielpersonen der antifaschistischen/anarchistischen Szene und einzelne Kontaktpersonen dieser Zielpersonen“ und erfolgte „zur Gefahrenabwehr bzw. zur vorbeugenden Bekämpfung von Straftaten mit erheblicher Bedeutung“. Das Ministerium beruft sich damit auf die Paragrafen 22 und 24 des Polizeigesetzes, die einzige Möglichkeit, den Einsatz zu rechtfertigen. Rechtswidrig wäre der Einsatz indessen, träfe die Erklärung des Ermittlers selbst zu. Der hatte nach seiner Enttarnung, von mehreren Studenten zur Rede gestellt, eingeräumt, sein Einsatz richte sich allgemein gegen die Antifaschistische Initiative Heidelberg. So berichten Beteiligte von jenem Abend des 12. Dezember, der mit einem klärenden Gespräch in einer Kneipe endete und zugleich das letzte Mal markiert, dass „Simon Brenner“ in Heidelberg gesehen wurde.

Das Ministerium wiederum schließt diese Sichtweise explizit aus. Doch die Grünen im Landtag geben sich mit Rechs Erklärung nicht zufrieden. Damit droht dem Innenminister weiteres Ungemach – neben dem vor der Landtagswahl im März ohnehin schon unangenehmen Untersuchungsausschuss zum Polizeieinsatz gegen S-21-Gegner. „Die Antwort klärt nicht auf und beweist nichts“, sagt Uli Sckerl, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Landtag. „Nimmt man sie ernst, dann müssten Heidelberger Studenten einen Anschlag geplant haben oder eine erhebliche Störung der öffentlichen Ordnung. Das wollen wir dann aber genauer wissen.“ Sckerl will das Thema vor den Innenausschuss bringen. Dort müsste der Minister unter Ausschluss der Öffentlichkeit auch Antworten geben, die er in der Stellungnahme „aus Gründen der Geheimhaltung“ verweigert. Und er müsste erklären, was es genau auf sich hat mit jenen Zielpersonen, „bei denen tatsächliche Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie künftig Straftaten begehen“, wie der Minister schreibt.

„Ganz pauschaler Auftrag“

Die Grünen befürchten gar, selbst betroffen zu sein von der Spitzelaktion. So sei ein Bus der Fraktion auf dem Weg zur Castor-Demo im pfälzischen Berg am 6. November von der Polizei angehalten und durchsucht worden, wie Sckerl berichtet. Im Schreiben des Ministers heißt es, „einsatztaktische Informationen“ seien „erhoben und an verschiedene Dienststellen der Polizei weitergeleitet“ worden.

„Diese pauschalen Erklärungen genügen nicht“, sagt Sckerl. „Der Einsatz von verdeckten Ermittlern ist an sehr enge Voraussetzungen geknüpft.“ Theresia Bauer, Grünen-Fraktionsvize im Landtag, glaubt, „dass der verdeckte Ermittler einen ganz pauschalen Auftrag hatte, die linke Szene vorsorglich auszuspähen“. Insbesondere die Studenten hätten nun das Recht auf Aufklärung.

In der politischen Kriminalstatistik des Landes werden Studenten übrigens nicht eigens aufgeführt. Rechtsextreme liegen dort mit 687 Straftaten deutlich vor Linksextremen mit 428 Delikten. Rech aber nennt es „besorgniserregend“, dass „das Aggressionsniveau und die Bereitschaft zur Gewalt in der linksextremistischen Szene weiter zunehmen“. Grund zur Entwarnung gebe es nicht.

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