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Literatur Safranski bekommt Börne-Preis

Der Autor und Philosoph Rüdiger Safranski bekommt in Frankfurt den Börne-Preis überreicht.

Rüdiger Safranski
Der Autor und Philosop Rüdiger Safranski erhält den Ludwig-Börne-Preis. Foto: dpa

Der Vorwurf der Denkfaulheit, wir kennen das noch aus der Schule, befördert das Denken ebenso wenig wie der Vorwurf der Dummheit. Denkfaulheit und Dummheit sind zwar lästig und in Wahrheit sogar eine Pest. Der Vorwurf, denkfaul und dumm zu sein, ersetzt aber trotzdem noch kein Argument gegen das, was sich eben diesem Vorwurf ausgesetzt hat. Es dient lediglich dazu, den anderen mindestens zu verunsichern. Am besten soll er nichts mehr sagen. Überhaupt ist ja generell der andere denkfaul und dumm. Wie es auch generell der andere ist, der sich vom „Zeitgeist“, am Sonntagvormittag: vom „lauen Zeitgeist“ mittreiben lässt. Es geht um Definitionshoheit. Selbst wenn Ludwig Börne – in einer berühmten, an diesem Vormittag gleich zweimal zitierten Wendung – „die Zensur der öffentlichen Meinung“ als besondere Drohung für Geisteswerke definierte, ist immer noch zu klären, wer oder was die öffentliche Meinung ist.

Dass der Schauspieler Christian Berkel sich also mit dem Vorwurf der Denkfaulheit und Dummheit gegen die Kritiker von kritischen Äußerungen Rüdiger Safranskis zur deutschen Flüchtlingspolitik richtete, öffnete der Freiheit des Denkens nicht Tür und Tor. Obwohl die Veranstaltung eigentlich genau dazu da ist. Es machte Safranskis Anmerkungen über das von Flüchtlingen „geflutete“ Land auch nicht klüger oder origineller. Obwohl er ausdrücklich als „standhafter Autor“ apostrophiert wurde, „der politischen Gegenwind gelassen erträgt“.

In der Frankfurter Paulskirche (neben den Römer, auf dem mutig aufgebaute Wurstbuden die Frankfurterin an diesem Morgen melancholisch stimmten) wurde der 23. Ludwig-Börne-Preis überreicht, dotiert mit 20 000 Euro und verliehen wie immer durch einen einzigen Juror in diesem faszinierend interdisziplinär angelegten Unterfangen. Die Wahl des diesmal dafür ausgesuchten Schauspielers Berkel fiel auf den Philosophen und Schriftsteller Safranski. Eine gute Entscheidung, sobald man sich vom Vorwurf der Denkfaulheit und Dummheit wieder etwas aufgerappelt hatte und Safranski beim Entwickeln seiner Gedanken zuhörte.

Das Entwickeln von Gedanken, Berkel hatte das schon geschildert mit Blick auf ein offenbar denkwürdiges gemeinsames Essen am Zürcher See, ist Safranskis Stärke auch in seinen ausgezeichneten Büchern (Biografien könnte man sagen, wenn nicht etwa gerade die Studie über die Romantik so zwingend wäre). Und sie ist immer auch erzählerisch. Selbst wenn die Gedanken nicht neu sind, verknüpfen sie sich wahrhaft fesselnd.

Von der Freiheit, die von einer Errungenschaft zu einer Gegebenheit geworden sei, kam er auf Ludwig Börnes Goethe-Hass zu sprechen. Dieser habe sich gegen den „Fürstenknecht“ wie den „ästhetischen Stabilitätsnarren“ gerichtet. Börne habe nach dem „Freiheitsgeist gefahndet“, nicht nach einer bestimmten politischen Haltung. Wie aber, so Safranski, sei es vor diesem Hintergrund möglich, dass er ausgerechnet Heinrich Heine attackierte? Weil Heine dem Schmetterling der Poesie den Vorzug vor dem politischen Kampf gegeben habe, während Börne nicht eine Politisierung der Poesie, aber doch eine Zurückstellung derselben für die große Sache (für das Ringen um Demokratie) verlangt habe.

Hier, so entwickelte es Safranski nun weiter, habe der gesellschaftspolitische Rechtfertigungsdruck der Kultur seinen Ausgang, das schlechte Gewissen der Ästheten (Hugo von Hofmannsthal, Leo Tolstoi) und, im Verein damit, die andauernde Suche nach dem moralischen Nutzen der Kunst: Eine „Gesinnungsästhetik“. Das Schöne und das Böse habe hinfort nicht zusammengepasst, wie einst Gott und das Böse nicht in Übereinstimmung gebracht worden seien. Wie kannst du an Gott glauben, wenn die Welt so schlecht ist. Wie kannst du Gedichte schreiben, wenn ... Daraus resultierten, so Safranski, Kitschsätze wie „Die schwache Stimme der Literatur zur Stimme der Schwachen machen“. Er selbst empfahl (übrigens wie ein fitter Pastor, da er ja selbst diesen schönen Vergleich ins Spiel gebracht hatte), solche Spannungen nicht aufzulösen, sondern auszuhalten.

Safranski erinnerte ferner an den Börne-Text „Die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden“: Indem man aufschreibe, was man denke („von euern Weibern, von dem Türkenkrieg, von Goethe, von Fonks Kriminalprozess, vom Jüngsten Gerichte, von euern Vorgesetzten“). In einer Zeit, in der nicht nur jeder aufschreiben kann, was er über die genannten Dinge denkt, sondern es auch sofort der Öffentlichkeit zuführen, zeigen sich neue wunderbare Abgründe in Börnes Überlegungen.

Die Frankfurter Kulturdezernentin und Safranski-Leserin Ina Hartwig (SPD) stellte in ihrer Vorrede freundlich klar, dass man mit dem Preisträger nicht politisch übereinstimmen müsse, um Berkels Wahl zu loben.

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