Lade Inhalte...

Litauen Kein Platz im Dom für den Toten

Ex-Präsident Brazauskas lebte in Sünde - die mächtige katholische Kirche verweigerte ihm den Ehrenplatz, was aus dem Staatsakt eine Staatsaffäre machte. Von Hannes Gamillscheg

Die Aufbahrung im Dom von Vilnius: Das war der letzte Wunsch von Litauens verstorbenem Ex-Präsidenten Algirdas Brazauskas. Doch die mächtige katholische Kirche verweigerte ihm den Ehrenplatz, was aus dem Staatsakt eine Staatsaffäre machte. Nun hagelt Kritik auf die Kirchenfürsten nieder, war der 77-Jährige doch bis seinem Tod einer der populärsten Litauer.

Erzbischof Sigitas Tamkeviius verteidigt den Beschluss: Wer den Wegen der Kirche nicht folge, könne im Tod keine Belohnung erwarten. Es gehe nicht an, dass "Leute, die reich und machtvoll sterben", glaubten, sie könnten "im Konkubinat leben, Kommunisten sein und keine Reue zeigen, und die Kirche werde sie dennoch bedienen". Brazauskas hatte nach einer Scheidung erneut geheiratet, was die Kirche nicht anerkennt, und stets erklärt, er sei "zuerst Litauer und dann erst Kommunist" gewesen.

Das besänftigt Tamkeviius nicht: "Während manche von uns Karriere in den Lagern des Gulag machten, machte er sie in der Kommunistischen Partei." Dabei hat es die Kirche Brazauskas zu verdanken, dass die Kathedrale, in der er aufgebahrt werden wollte, wieder ihr Eigentum ist. Die Rückgabe des im Sowjetregime als Kulturhalle benutzten Gebäudes zählte zu seinen ersten Amtshandlungen, als er 1988 im Zuge von Michail Gorbatschows Reformpolitik die Hardliner an der Parteispitze ablöste.

Er war der Mann, der die litauische KP von Moskau löste, das Machtmonopol der KPdSU brach und so zum Zerfall der Sowjetunion beitrug. Das machte ihn so populär, dass ihn die Litauer trotz seiner KP-Vergangenheit nach der Unabhängigkeit mit großer Mehrheit zu ihrem ersten Präsidenten wählten. Für einen Platz im Dom aber reicht das nicht. Während Kardinal Audrys Bakis dort die Seelenmesse las, musste der Sarg im Präsidentenpalast bleiben.

Bakis pries in seiner Predigt Brazauskas als Mann, der versuchte, die Wunden der Vergangenheit zu heilen. Dass der Oberste der Kirchenhierarchie den Trauergottesdienst hielt und ein Bischof den Sarg bis zum Grab geleitete, will Tamkeviius als Zeichen des Respekts sehen - "nicht allen wird solche Ehre zuteil". Die Kritik am Vorgehen der Kirche milderte dies nicht.

Brazauskas´ Witwe und seine Parteikameraden boykottierten den Akt im Dom, besuchten stattdessen eine Messe in seiner Kindheitsstadt Kaiiadorys. Staatspräsidentin Dalia Grybauskait blieb den kirchlichen Zeremonien ganz fern. Am Grab nannte sie den Verstorbenen ihren Lehrmeister und einen Ehrenmann, dem Litauen viel zu verdanken habe.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen