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Linkspartei Nur einer hält zu Wagenknecht

Sahra Wagenknecht ist unter den Spitzenpolitikern der Linkspartei isoliert. Nur ihr Ehemann Oskar Lafontaine hält zu ihr.

Wagenknecht
Sind sich einig: Oskar Lafontaine applaudiert Sahra Wagenknecht. Foto: reuters

Kürzlich betraten sie zu zweit die Berliner Bühne. Er trug einen gedeckten Anzug und sie eines ihrer engen unifarbenen Kleider. Während er mit den Augen den Saal abtastete, um zu sehen, wer wo steht, wohin sich die beiden nun bewegen sollten und wohin besser nicht, wirkte sie glücklich und auch stolz. Die Beziehung zu ihm macht sie erkennbar stärker – noch stärker als sie ohnehin schon ist.

 

Oskar Lafontaine, Vorsitzender der Linksfraktion im saarländischen Landtag, und Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Bundestagsfraktion, entschlossen sich beim Jahresauftakt der Linken im Palais der Berliner Kulturbrauerei, in Richtung der Bühne zu laufen – zu einem der Stehtische. Bald näherte sich Parteichef Bernd Riexinger, später seine Co-Vorsitzende Katja Kipping. Getränke wurden gereicht. Und tatsächlich: Die vier unterhielten sich, wenn auch mühsam.

 

Tags darauf stellten Kipping und Riexinger mit Wagenknecht und ihrem Co-Vorsitzenden Dietmar Bartsch das Wahlprogramm vor. Lafontaine nahm unter den Journalisten Platz. Allerdings war die Harmonie da ebenfalls brüchig. Denn die Parteivorsitzenden redeten demonstrativ lange. Wagenknecht und Bartsch mussten warten. Und als sie an der Reihe waren, entstand der Eindruck, eigentlich sei schon alles gesagt. Es war die Rache der Parteivorsitzenden dafür, dass die Fraktionsvorsitzenden die Spitzenkandidatur im Dezember an sich gerissen und sie dabei zur Seite gedrängt hatten. Schließlich hatte Kipping nach der Kandidatenkür vor dem Redaktionsgebäude des „Neuen Deutschland“ gestanden und getan, was sie selten tut: Sie rauchte. Das hatte Nerven gekostet.

 

Szenen wie diese gibt es zuhauf in der Linken. Ihre Geschichte ist mehr noch als die anderer Parteien eine der Gegner- und der Feindschaften: Lafontaine gegen Bartsch, Gysi gegen Lafontaine, Wagenknecht gegen Gysi, Kipping gegen Wagenknecht, Bartsch gegen Riexinger. Doch spätestens als Wagenknecht im Oktober 2015 gemeinsam mit Bartsch den Fraktionsvorsitz übernahm, ordnen sich die Lager vor allem entlang einer Frage: Wie hältst du es mit Wagenknecht? Hinter ihr steht wiederum Lafontaine, dem ein maßgeblicher Einfluss auf seine Frau zugeschrieben wird.

 

Das alles war, als es um den Euro oder die Möglichkeit einer rot-rot-grünen Koalition ging, noch beherrschbar. Aber seitdem das Paar in der Flüchtlingsfrage eine Haltung einnimmt, die jener der CSU zum Verwechseln ähnelt, scheint der ultimative Aufstand denkbar. Dass manche Parallelen zur AfD ziehen und deren Vertreter dies durch kalkuliertes Wagenknecht-Lob noch befeuern, erzürnt hingegen die Liebenden aus Merzig an der deutsch-französischen Grenze.

 

Lafontaine redet mit

 

Lafontaine, darüber herrscht parteiintern Einigkeit, redet vom Saarland aus unverändert ein gewichtiges Wörtchen mit in der Linken, die nicht zuletzt sein Baby ist – selbst wenn er 2012 nicht erneut nach dem Parteivorsitz griff und Riexinger ins Rennen schickte, der sich längst von ihm emanzipiert hat. Der 73-Jährige sitzt regelmäßig in Talkshows; das bringt Quote. Er zieht gegen den Euro oder die USA zu Felde. Und im März tritt er ein letztes Mal als Spitzenkandidat bei der Landtagswahl an. Dazwischen sagt „Lafo“ zur Flüchtlingsfrage Sätze wie: „Wer illegal über die Grenze gekommen ist, der sollte ein Angebot bekommen, freiwillig zurückzugehen. Wenn er dieses Angebot nicht annimmt, bleibt nur die Abschiebung.“ In der Partei erinnern sie bei solchen Gelegenheiten daran, dass die Linke für offene Grenzen plädiere und Lafontaine deshalb einmal mehr, wie der Außenpolitiker Stefan Liebich anmerkt, eine „Einzelmeinung“ vertrete.

 

Wagenknecht ihrerseits kann so oder so sein. Zumindest ihre Gegner haben aber das Gefühl, dass Lafontaine oft durch sie hindurch spricht. Zuweilen wirken sogar Formulierungen identisch – etwa wenn beide Russland und die USA als „Oligarchensysteme“ charakterisieren.

 

Kürzlich lud Wagenknecht zu einem jener Pressefrühstücke in den Goldenen Saal des Jakob-Kaiser-Hauses ein, zu denen Bartsch und sie regelmäßig bitten. Der Stuck in dem Saal ist tatsächlich golden. Die 47-Jährige trug ein rotes Kostüm und sagte fröhlich: „Guten Morgen und guten Appetit!“ Überhaupt zeigte sich an diesem Vormittag die moderate Wagenknecht. Beim SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz müsse man „abwarten, ob sich an der Politik der SPD erkennbar etwas ändert“, sagte seine Konkurrentin. Auch habe sie die Inaugurationsrede von US-Präsident Donald Trump „gruselig“ gefunden. Selbstverständlich ist das nicht. Nach dessen Wahl wurde Wagenknecht mit der Bemerkung zitiert: „Ich kann beim besten Willen nicht sagen, dass das jetzt eine Totalkatastrophe ist.“ Und das in einem Augenblick, in dem große Teile der westlichen Welt schockiert waren.

Hinterher kam das Pressegespräch im Goldenen Saal auf Schulz zurück. Und Wagenknecht konstatierte, dass die Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl 1998 „das beste Ergebnis ihrer Geschichte“ eingefahren hätten. Denn seinerzeit sei das Programm „relativ links“ gewesen und der Parteivorsitzende habe Lafontaine geheißen.

 

Wagenknecht redet rechtspopulistisch

 

Wenige Tage zuvor hatte sich noch eine andere Wagenknecht präsentiert, und zwar beim Jahresauftakt der Europäischen Linken im ehemaligen Kosmos-Kino. Da zog sie gegen die angeblichen „Mainstreammedien“ zu Felde – in denen sie in Wahrheit sehr viel häufiger zu Wort kommt als Kipping – und sehr viel häufiger als Riexinger erst recht. Regelmäßig greift Wagenknecht auch das vermeintliche Establishment an. Auf ihrer Homepage mit dem Titel „Team Sahra“ steht: „Wenn ein Land sich von einer Minderheit – den Eignern und Dirigenten des großen Kapitals – vorschreiben lässt, welche Prioritäten es setzt, dann hat das mit Demokratie nichts zu tun.“ Dabei sind Medien- und Elitenverachtung Versatzstücke aus dem Baukasten des Rechtspopulismus. Die Linke akzeptiert das. Mindestens im Streit um den Umgang mit politisch Verfolgten und Menschen indes, die vor Krieg fliehen, sind die Fronten verhärtet. „Man muss auch in den Spiegel schauen, bei dem was man tut“, sagt einer der Wagenknecht-Kritiker. „Da ist eine Grenze erreicht.“

 

Zwar ist der Eindruck verbreitet, dass es ohne Wagenknecht nicht geht. Das hat mit ihrer unbestreitbaren Expertise in wirtschaftlichen Fragen zu tun sowie mit ihrer Fähigkeit, Aussagen so zuzuspitzen, dass darüber die ganze Republik debattiert. Die Aussage im Interview des „Stern“, Kanzlerin Angela Merkel trage wegen ihrer Flüchtlingspolitik „Mitverantwortung“ für den Terroranschlag am Breitscheidplatz, war so eine Zuspitzung. Da beginnen aber auch schon die Probleme. Der linke Schatzmeister Thomas Nord befand, Verantwortung trage zuerst der Attentäter. Überdies stellte der Satz die flüchtlingsfreundliche Haltung der Partei auf den Kopf. Dass es an der Stelle den größten Bruch zwischen Außenwahrnehmung und Binnenwahrnehmung gibt, ist ohnehin kein Zufall. Die Außenwahrnehmung vieler Bürger besagt: Das mit der „Mitverantwortung“ mag zugespitzt formuliert sein, ist jedoch nicht ganz falsch. Die Binnenwahrnehmung ist die einer Partei, die Humanismus und Internationalismus zu ihren besten Tugenden zählt und die die Sorge beschleicht, Wagenknecht beraube sie des Vornehmsten, was sie habe. Nur so auch sind Wutausbrüche wie jener von Berlins Landesvorsitzender Katina Schubert zu erklären, die beklagte, Wagenknecht werde immer wieder „die gleiche Scheiße“ erzählen.

 

Aus der Bundestagsfraktion verlautet zudem, als Vorsitzende müsse sie eben alle Abgeordneten vertreten und dürfe nicht nur für sich allein sprechen. „Entweder sie reißt sich zusammen“, sagt ein prominenter Linker, „oder sie wird woanders eine politische Heimat finden.“ Dabei wird er auch persönlich. Wagenknecht sei ja mit ihrem iranischen Vater und dem dunklen Teint in der DDR doch selbst eine „Fremde“ gewesen. Soll heißen: Wo bleibt die Empathie? Empathie ist eine Charaktereigenschaft, die einige an Wagenknecht vermissen, ohne es offen zu sagen.

 

Kipping und Riexinger versuchten mehrfach, Wagenknecht zu bremsen. Kipping sprach im Zusammenhang mit ihr von „AfD light“. Daraufhin warf Lafontaine ihr „schlechten Stil“ vor. Exakt dasselbe Wort vom „schlechten Stil“ benutzte Wagenknecht übrigens, nachdem Riexinger kundgetan hatte, die Linke habe gegenüber Flüchtlingen eine klare Position, „an die sich auch Frau Wagenknecht halten muss“. Um des lieben Friedens willen halten sich die Beteiligten jetzt zurück. Dafür richten sich mehr Augen auf Bartsch. Der indes ließ bei der Vorstellung des Wahlprogramms wissen: „Sie werden von mir in keiner Hinsicht eine Schiedsrichterleistung erwarten können.“

 

Was Wagenknecht, die keineswegs allein ist, an Unterstützung fehlt, versucht Lafontaine ihr zu geben. Das macht die Sache freilich nicht weniger kompliziert. Ein Insider sagt, viele der Konflikte in der Linken ließen sich leicht lösen – mit Hilfe dessen, was man in der Politik „Kompromisse“ nennt. Der langjährige SPD- und spätere Linken-Chef neige aber zu Kompromisslosigkeit. Und Wagenknecht mache sich dies zu eigen. So wollte er den Parteivorsitz der Linken im Jahr 2012 bloß unter Bedingungen wieder übernehmen; gleiches galt zuletzt für die Spitzenkandidatur im Saarland. Sie sagte, als Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl stehe sie lediglich im Duett mit Bartsch zur Verfügung – oder gar nicht.

 

Immerhin: Am Sonntagabend besuchten Kipping, Wagenknecht, Lafontaine und Bartsch bei der Berlinale gemeinsam die Premiere „Der junge Marx“ und posteten lächelnd ein Selfie davon. Wenn man bedenkt, welche beinharten Kämpfe die vier hinter sich haben, möchte man fast von einem historischen Foto sprechen. Vielleicht erinnert sich eine Partei, die wie keine andere Solidarität auf ihre Fahnen schreibt, dass man sie auch mal untereinander üben könnte.

 

Lafontaines Solidarität jedenfalls ist unverbrüchlich. Wenn er mal richtig abschalten wolle, dann fahre er Fahrrad, sagte er kürzlich. „100 Kilometer lang, mit meiner Frau. Das glaubt uns keiner, aber es ist so.“ Ob es sich um ein Tandem handelt, blieb offen. Es könnte durchaus sein.

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