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Lies mich Präzise Polemik

„Wir sind ja nicht zum Spaß hier“ heißt das neue Buch von Deniz Yücel: Neue Berichte aus der Haft, alte Abrechnungen mit Deutschland und linker Selbstgerechtigkeit. Es macht deutlich wie sehr seine Stimme fehlt.

„Geht aber beides, irgendwie“ steht in Großbuchstaben unter einer Zeichnung einer türkischen „Der kleine Prinz“-Ausgabe. Gemeint hat der Autor das Schlafen und Lesen trotz der Lichtverhältnisse im türkischen Knast. Ein Faksimile der Seite, auf die Deniz Yücel heimlich in Haft ein Manuskript notiert hat, ist in dem jetzt von Doris Akrap herausgegebenen Buch abgedruckt. Seine Berichte aus den Zellen sind so, wie man sie von ihm erwartet hätte, wenn er beim Schreiben rauchend im Café gesessen hätte: kompromisslos, klar, eindrücklich, analytisch, präzise polemisch. „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“.

Versammelt sind in dem Band aber vor allem zahlreiche Texte, die in den vergangenen Jahren in der „taz“ und der „Jungle World“ erschienen. Es sind Abrechnungen mit Deutschland darunter, wo Ämter eine Würde und „Ausländer“ eigene Mathe-Klassen haben. Polemiken zur linken Selbstgerechtigkeit zwischen „Israelkritik“ und Bio-Koks. Oder Ratgeber, wie man guten Fisch an mangelnden Eierstöcken erkennt und ahnungslos einen Profimeinungskommentar verfasst.

Heute wird Deniz Yücels Post von einer Lese-Kommission im Gefängnis aussortiert. Früher bekam er nicht nur wegen seiner Satiren und Kolumnen regelmäßig ungefiltert „Hassprosa“ auf den Schreibtisch. Solche Leserbriefe schoss er gemeinsam mit anderen Kolleginnen und Kollegen mit Nachnamen, die nicht gerade nach Kartoffel klingen, mit großer Leidenschaft bei den Hate-Poetry-Lesungen in den Orbit zurück: „Jühtzel!“ spuckte er seinen eigenen Namen mit der falschen Aussprache der Hasser dann in den Saal. Einige der Briefeschreiber von damals wären vielleicht erstaunt, wie viel Feindbild sie mit Erdogan und seinen Fans teilen. Auch Yücels Texte, die ihm die türkischen Behörden mit wenig besseren Argumenten als die deutschen Wutschreiber vorwerfen, sind in dem Buch nachzulesen. Es macht nicht nur damit mehr als deutlich, wie sehr seine Stimme fehlt. Das ist gut.

Besser: #FreeDeniz.

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