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Lies mich Junge an die Macht

„Alte Säcke Politik“ ist was für Freunde der Provokation - und Pflichtlektüre für Jamaikaner.

Leben wir in einer „Opakratie“? Sind es die Alten, die über die Zukunft Deutschlands bestimmen, weil sie über alles verfügen, was man dazu braucht: eine satte Wählerstimmen-Mehrheit, Geld und Firmen, die Parteien, Gewerkschaften, Verbände und nicht zu vergessen: Zeit?

Klingt plakativ und ist es auch. Aber ist es deshalb falsch oder zumindest eindimensional? Wäre es so einfach, könnte man sich die Lektüre von „Alte Säcke Politik“ von Wolfgang Gründinger sparen, das Buch abhaken als typisches Pamphlet der Sorte, wie man Alte und Junge rhetorisch gekonnt gegeneinander ausspielt. Danach klingen Sätze wie: „Deutschland ist ein Land, das längst vergangene Stadtschlösser wieder aufbaut und gleichzeitig Jugendclubs schließt, ein Land, das über Nacht zig milliardenschwere Rentenpakete schnürt, aber Förderprogramme für Kitas auf Eis legt, das Umgehungsstraßen baut, aber beim Ausbau von Glasfaser-Internet auf der Stelle tritt …“

Zugleich kommt man nicht umhin zu sagen: Stimmt leider. Wie so viele andere Beispiele, mit denen der Politikwissenschaftler, Jahrgang 1984, seine These belegt: Dieses Land verschließt seine Gegenwart wie in einem Weckglas und verschleppt die großen Aufgaben, die uns der demografische Wandel, die Digitalisierung, die soziale Ungleichheit und der Klimawandel stellen.

Gründingers radikaler Gegenentwurf

Und wer ist daran schuld? Der Publizist mit SPD-Parteibuch, der auch für die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen spricht, zeigt zwar immer wieder mit dem Finger auf „schamlose“ Babyboomer, Politrentner oder eine Nonline-Generation, die sich von ihren Assistenten ihre E-Mails ausdrucken lässt. Aber das will der Autor ausdrücklich nicht als Senioren-Bashing verstanden wissen. Schon aus dem einfachen Grund, weil die Jungen die Alten als mächtige Verbündete brauchen. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass er manchmal an seiner eigenen Generation verzweifelt, „wenn wir einfach den Arsch nicht hochkriegen“.

Gründingers Gegenentwurf ist radikal. Sein Motto lautet: Kinder an die Macht. Konkret heißt das: ein Wahlrecht ohne Altersgrenze, eine Jugendquote für die Parteien, ein Zukunftsrat mit jungen Vordenkern. Ob das die Lösung ist? Wer keine Lust hat, darüber fundiert zu streiten, der sollte die Finger von diesem Buch lassen. Allen anderen sei gesagt: „Alte Säcke Politik“, das die Friedrich-Ebert-Stiftung als „Das politische Buch 2017“ ausgezeichnet hat, ist die intelligente Streitschrift eines Zukunftslobbyisten für alle, die sich gern provozieren lassen. Für Jamaika-Reisende sollte es eine Pflichtlektüre sein.

Buchtipp: Alte Säcke Politik - Wie wir unsere Zukunft verspielen, Wolfgang Gründinger. Gütersloher Verlagshaus, 17,99 Euro.

 

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