Lade Inhalte...

Libyen Befreites Land

Nach dem Tod von Ex-Machthaber Gaddafi feiern die Revolutionäre auf den Straßen von Tripolis ihren Sieg. Die Nato will ihren Libyen-Einsatz bis Ende Oktober beenden

Auf dem Märtyrerplatz in Libyens Hauptstadt Tripolis feiern tausende Menschen Gaddafis Tod. Foto: dpa

Nach dem Tod von Ex-Machthaber Gaddafi feiern die Revolutionäre auf den Straßen von Tripolis ihren Sieg. Die Nato will ihren Libyen-Einsatz bis Ende Oktober beenden

Die große Fete ist vorbei. Bis Mitternacht feierten am Donnerstag Zehntausende auf dem Märtyrerplatz im Zentrum von Tripolis den Tod von Gaddafi, lagen sich in den Armen, feuerten Salven aus Pistolen, Kalaschnikows und Flugabwehrkanonen in den Sternenhimmel und schrien „Allahu akbar!“ Am Freitag wurde dann derselbe Platz, der unter dem Ancien Régime Grüner Platz hieß, mit grünen Teppichen ausgelegt – zum Freitagsgebet. Ruhe war eingekehrt. Hunderte Polizisten sicherten den Platz, durchsuchten verdächtige Taschen. Sie wiesen sich auf einer Plakette mit ihrem Namen aus. Eine neue Ära ist angebrochen. Die Nato will deshalb nach dem Tod Gaddafis ihren Einsatz in Libyen beenden. Die Vertreter der 28 NATO-Länder hätten eine vorläufige Vereinbarung getroffen, die Luft- und See-Operation zu Libyen zum 31. Oktober abzuschließen, sagte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen am Freitag vor Journalisten in Brüssel.

Die Erleichterung über den Tod des Diktators ist in Tripolis überall spürbar, man freut sich, lacht. Wer sich nicht freut, nicht lacht, ist wohl zu Hause geblieben. Zweifellos hat Gaddafi in der Zwei-Millionen-Metropole bis vor wenigen Monaten noch zehntausende, vielleicht hunderttausende Anhänger gehabt. Vielen hat die Diktatur ein gutes Auskommen besorgt.

Goldene Faust am Boden

Aber spätestens nach der Einnahme der Hauptstadt durch die Rebellen Ende August sind ihre Hoffnungen verflogen. Wer steht gern am Schluss auf der Verliererseite? Man arrangierte sich mit den neuen Verhältnissen, bangte um die Familie oder musste sich um sein Einkommen kümmern.

Bab al-Azizia, der dreifach ummauerte Militärkomplex, in dem Gaddafi und seine Familie ihre Residenzen hatten, gleicht inzwischen einem Trümmerfeld. Die Festungsmauern werden planiert, Häuser abgerissen. In einige noch stehen gebliebene Gebäude sind Familien eingezogen. Und auf dem Platz vor der alten Residenz Gaddafis, die schon 1986 von den USA zerbombt wurde, ist nun auch die Statue mit der großen vergoldeten Blechfaust, die einen amerikanischen Kampfbomber zerdrückt, zu Boden gegangen. Sie hatte Gaddafi bei seinen Fernsehreden ans Volk als Kulisse gedient, und nach dessen Flucht waren schon tausende Rebellen zur Faust hochgeklettert, um sich ablichten zu lassen.

Mitten in dieser Ruinenlandschaft findet ein freitäglicher Markt statt. Tauben und Kanarienvögel werden verkauft, einer hat lebende Doraden im Wasserbad, Geldwechsler wedeln mit dicken Bündeln. Alle sind sich einig: Es ist gut, dass er tot ist. Wie er gestorben ist, ob verletzt und danach hingerichtet oder im Kampf gefallen, interessiert niemanden. Die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung der Umstände des Todes jenes Mannes, der 42 Jahre lang die Geschicke des Landes geführt hat, halten alle Befragten für absolut überflüssig.Der Mann ist ja ohnehin tot.

Tot sind auch Gaddafis Sohn Mutassim und der weithin verhasste Geheimdienstchef Abdullah al-Sanussi. Beide kamen bei der Eroberung von Sirte, wo sich noch bis Donnerstag Soldaten von Gaddafis Spezialeinheiten verschanzt hatten, ums Leben.

Erstes öffentliches Gebet

Vor dem Aufstand schien es nicht ausgeschlossen, dass Gaddafi eine innerfamiliäre Machtübergabe in die Wege leiten würde. Bis vor wenigen Tagen schien es denkbar, dass der abgetauchte Diktator in Nachbarländern Söldner rekrutiert, Terror sät, das Land destabilisiert. Vor einer Woche haben in einem Stadtteil von Tripolis, das seit fast zwei Monaten unter Kontrolle der Rebellen steht, Anhänger des gestürzten Diktators sich mit den neuen Sicherheitskräften ein Feuergefecht geliefert. Nun, wo ihr Führer tot ist, dürften auch seine letzten Anhänger die Hoffnung verloren haben.

Auf dem Platz der Märtyrer sind inzwischen etwa 2.000 Gläubige zusammengekommen. Zum ersten Mal seit Ende des Ramadan beten sie öffentlich. Der Imam warnt in seiner Predigt vor Rassismus, Regionalismus und Tribalismus. Er trifft reale Gefahren.

Gegen die schwarzafrikanischen Immigranten bestand lange ein übler Generalverdacht. Gaddafi hatte tatsächlich einige tausend schwarze Söldner angeworben. Wer schwarzer Hautfarbe war, traute sich lange Zeit über nicht mehr aus dem Haus. In einigen Orten kam es nach Ausbruch der Revolte zu Pogromen.

Mit dem Regionalismus sprach der Imam die traditionelle, eine historische Spaltung des libyschen Küstenstrichs an – die Spaltung zwischen der Cyreneika, der Hochburg des von Gaddafi gestürzten König Idris mit der Hauptstadt Bengasi, und Tripolitanien, dem westlichen, wirtschaftlich besser entwickelten Landesteil. Wie das künftige Libyen mit dem Tribalismus, dem auf Stämmen beruhenden Referenzsystem, fertig wird, ist noch offen. Stammesloyalitäten spielen in Libyen noch immer eine große Rolle und könnten eine demokratische Entwicklung behindern.

Die libysche Führung jedenfalls plant, an diesem Samstag eine Erklärung zur Befreiung des Landes von der Herrschaft Muammar Gaddafis am Samstag abzugeben. Das kündigten Vertreter der Übergangsregierung am Freitag an. Der Chef des Übergangsrats, Mustafa Abdel Dschalil, werde das Ende der Diktatur in Bengasi verkünden, wo der Aufstand begonnen habe. Die Erklärung soll den offiziellen Startschuss für die Demokratisierung des nordafrikanischen Landes geben.

Tote durch Freudensalven

Bei aller Euphorie über den Neuanfang und den Tod des Tyrannen gibt es ein Thema, das viele Menschen in Libyen ängstigt, der Imam griff es zum Schluss seiner Predigt auf: die Millionen von Waffen im Land. Auf dem 200 Kilometer langen Weg von der tunesischen Grenze passiert der Reisende Dutzende Checkpoints. In der Hauptstadt trifft man immer wieder bewaffnete junge Männer an, in allen möglichen Uniformen, viele aber auch in Zivil. Die Freudensalven in den Sternenhimmel haben schon viele Tote gefordert. Die Geschosse kommen schließlich auch wieder herunter. Auch Schüsse, die sich aufgrund unsachgemäßer Handhabung der Waffen versehentlich lösen, fordern immer wieder Opfer. Noch freuen sich viele junge Männer über den Sieg und den Tod von Gaddafi und ballern sinnlos in die Luft. Doch wenn der Alltag wieder einkehrt, die Waffen aber noch überall zirkulieren, wird wohl bald auch die gewöhnliche Kriminalität ansteigen. „Gebt Waffen und Munition ab“, schloss der Imam auf dem Märtyrerplatz seine Predigt. Allahu akbar!

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen