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Leitartikel Wir müssen Buschkowsky ernst nehmen

Buschkowsky plädiert dafür, die Verrohung unseres Alltags endlich zur Kenntnis zu nehmen. Zu sehr hat man sich daran gewöhnt, dessen Härten als Kosten kultureller Vielfalt zu verbuchen.

Die Karl-Marx-Allee in Neukölln: Nebeneinander, Miteinander und Gegeneinander der Kulturen. Foto: dpa

Der Vorwurf des Rassismus und der Aufruf zu einer Demo standen schneller im Raum, als das 400 Seiten umfassende Buch ausgelesen sein konnte. Berlins Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hat es geschrieben, und es handelt von seinem Stadtteil Neukölln, und wie er ihn erlebt. Nicht wenige wittern darin eine Sarrazin-Affäre light.

An ruppigen Stellen im Text mangelt es nicht. Der Autor geht nicht zimperlich um mit den in großer Zahl in seinem Bezirk lebenden Migranten. Und er spart nicht an der Schilderung von Klischees. Das von sportliche Limousinen fahrenden Jugendlichen zum Beispiel, deren Familien von Hartz IV leben. Und das von klandestinen Netzwerken, die bei Verkehrsunfällen aktiviert werden, um falsche Zeugen herbeizurufen.

Es ist ein Bild vom sozialen Krieg in den Stadtteilen, dem Schüler, Lehrer, Bürger und selbst Polizisten oft hilflos gegenüberstehen. Ein Bild, in dem Busfahrer angegriffen werden, weil Jugendgangs das zur Mutprobe auserkoren haben. Und ein Bild, in dem der öffentliche Raum zum Spielplatz geworden ist für die Triebabfuhr einer Männlichkeit, bei der das Recht des Stärkeren uneingeschränkt herrscht.

Verrohung unseres Alltags

Die Klischees stören, aber man muss nicht eigens nach Berlin-Neukölln aufbrechen, um ihre Gültigkeit bestätigt zu bekommen. Man kann sie im Frankfurter Gallusviertel ebenso finden wie in Hamburg-Wilhelmsburg oder der Dortmunder Nordstadt. Es sind Phänomene eines sozialen Auseinanderbrechens, das von den Aspekten einer fehlschlagenden Integration zugewanderter Bevölkerungsgruppen nicht nur gestreift, sondern immer öfter auch durchdrungen wird.

Hier und da ist es der Mangel an Sekundärtugenden wie Rücksicht oder Pünktlichkeit. Lehrer beklagen, kaum noch einen regulären Unterricht durchführen zu können, und nicht selten sind es die Eltern von Zuwandererkindern, für die das Schulschwänzen ihres Kindes kein Problem darstellt, weil sie von einer Schulpflicht ohnehin nicht viel halten. Ein paar Ecken weiter kann man auf die Einstellung stoßen, dass jugendliche Knasterfahrung eine Art Abhärtung für den weiteren Lebensweg darstellt.

Das alles kommt vor in unseren Städten, und es wird verstärkt durch die Prozesse einer doppelten Segregation. Einerseits haben manche sich in den letzten Jahren immer stärker in sogenannte Parallelgesellschaften zurückgezogen. Sie enthalten sich dort nicht nur der sozialen Kommunikation, sondern entziehen sich mitunter auch dem staatlichen Gewaltmonopol.

Gerichtsverfahren werden zur Farce

Die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig hatte vor einiger Zeit in einem Buch gleich dutzendfach darüber berichtet, wie Gerichtsverfahren gegen jugendliche Straf- und Gewalttäter regelmäßig zur Farce wurden, weil diese nur schwer einer Strafe zuzuführen waren. Andererseits kehren jene, die es sich leisten können, den sozial abrutschenden Vierteln spätestens dann den Rücken, wenn ihre Kinder ins Schulalter kommen.

Für Buschkowsky ist das alles nicht zwangsläufig, aber er plädiert entschieden dafür, dass man eine solche Verrohung unseres Alltags und vieler seiner Mitglieder endlich zur Kenntnis nimmt. Zu sehr hat man sich daran gewöhnt, die Härten des Alltags auf der Kostenseite einer kulturellen Vielfalt zu verbuchen.

Es gibt zu viele Gründe, die Verhältnisse zu ignorieren oder zu beschönigen. Wer sich falsch oder ungenau ausdrückt läuft Gefahr, als Propagandist sozialen Hasses angesehen zu werden. Die Thesen Thilo Sarrazins waren ja tatsächlich in einem denunziatorischen Ton vorgetragen, der am Ende kaum geeignet war, die zur Debatte stehenden Entwicklungen zu beschreiben. Wenn noch die Aspekte religiöser Differenz hinzukommen, scheint es inzwischen beinahe unmöglich zu sein, einen angemessenen Gesprächston, geschweige denn einen Konsens über Standards des Zusammenlebens zu erzielen.

Auf- und Einstiegsgeschichten

Es wäre viel gewonnen, wenn jetzt keine Debatte über den Lokalpolitiker Buschkowsky entsteht. Vielmehr sollte man seine Schilderungen auch andernorts zum Anlass nehmen, eine dichte Beschreibung der sozialen Wirklichkeit unserer Städte vorzunehmen. Dazu müssten Auf- und Einstiegsgeschichten von Menschen mit Migrationshintergrund ebenso gehören wie die von erfolgreichen Neustarts von einst abgeschriebenen Gegenden und ihren Bewohnern.

Es müssten Geschichten dabei sein von Schulen und Lehrern, die den Zustand der Resignation überwunden haben, weil man ihre Erkenntnisse und Erfahrungen irgendwann ernst genommen hat. Es müssten Geschichten sein vom Prinzip der Zweiten Chance, das Menschen, die am Boden waren, wieder zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigt.

Das alles findet man auch in Berlin-Neukölln und im Frankfurter Gallusviertel – oder sollte es dort doch finden können.

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