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Lehren aus Winnenden Biathlon gegen Amokläufe

Ein Jahr nach Winnenden legt ein Ausschuss dem Landtag von Baden-Württemberg eine Liste mit Präventionsmaßnahmen vor: Schüler sollen im Biathlon den Umgang mit Waffen lernen. Opferangehörige sind entsetzt. Von Joachim Wille

Hier erschoss sich Tim K. In der Albertville-Realschule in Winnenden und auf seiner Flucht nach Wendlingen hat er zuvor insgesamt 15 Menschen getötet. Foto: dpa

Eine mehr als bittere Erkenntnis: Andere Türschlösser hätten die Amoktat von Tim K. in Winnenden am 11. März 2009 zwar nicht verhindert, aber wohl die Zahl der Opfer verringert. Türen mit Türknäufen statt normalen Klinken, die also nicht von außen zu öffnen sind, hätten es dem 17-jährigen Ex-Schüler der Albertville-Realschule erschwert, vom Flur in die Klassenräume zu stürmen und dort mit seiner Pistole auf die Jugendlichen zu feuern. Neun Schüler und drei Lehrkräfte waren in dem Schulgebäude umgekommen.

Die Türen so umzurüsten, dass sie sich von innen abschließen lassen, ist eine der 100 Empfehlungen, die ein Sonderausschuss des baden-württembergischen Landtages zu den Konsequenzen aus dem Amoklauf von Winnenden am Dienstag vorgelegt hat. Die Palette geht freilich weit über solche Einzelmaßnahmen hinaus.

Das Aktionsbündnis Winnenden, eine Initiative der Eltern der Amokopfer, begrüßte die Empfehlungen des Stuttgarter Ausschusses "in weiten Teilen". Der Vorschlag, Jugendlichen nun Biathlon als Sport nahezubringen, empfindet es jedoch als "Affront". "Unvorstellbar, dass die Landesregierung sich dafür einsetzt, Jugendliche an Waffen auszubilden und das als Gewaltprävention hinstellt", sagte Aktionsbündnis-Vorsitzender Hardy Schober. Dies zeige, "wie tief verwurzelt die Waffenlobby in unseren Parlamenten ist."

Das Gremium fordert auch, die Stundenzahlen für Beratungslehrer und Gewaltpräventionsberater sowie Schulpsychologen mittelfristig zu verdoppeln. Auf rund 4200 Schulen in dem Bundesland kämen so etwa 3200 Lehrkräfte, die auch in Gewaltprävention geschult sind.

Weitere Empfehlungen des Pakets, das jährlich 30 Millionen Euro kosten würde: Aufbau eines Studiengangs "Schulpsychologie" und eines "Kompetenzzentrums" zur Koordination der psychologische Betreuung. Die Polizei soll stärker kontrollieren, ob Waffenbesitzer Waffen und Munition vorschriftsmäßig aufbewahren. Zudem solle die medienpädagogische Arbeit zu Gewaltspielen intensiviert werden.

Die Umsetzung der 100 Vorschläge wird, soweit der Stuttgarter Landtag zustimmt, bis zu fünf Jahre dauern. Von den angepeilten 100 neuen Psychologenstellen sollen im nächsten Schuljahr 30 geschaffen werden. Der Beschluss soll symbolträchtig am Donnerstag, dem 11. März, fallen. Der Ausschuss-Vorsitzende Christoph Palm (CDU) lobte: Damit knüpfe Baden-Württemberg "bundesweit mit das dichteste und professionellste Netz der schulpsychologischen Beratung in einem Flächenland".

Sozialdemokraten und Grüne indes gehen die Vorschläge nicht weit genug. Sie konnten die Forderung nach einer stärkeren Förderung der Schul-Sozialarbeit nicht durchsetzen. Der Grünen-Obmann im Ausschuss, Hans-Ulrich Sckerl, hält 2500 statt bislang 500 Schulsozialarbeiter für angemessen. Ein anderer Streitpunkt war die Verschärfung des Waffenrechts. Die Opposition hatte vergebens für eine entsprechende Bundesratsinitiative plädiert. Deren Ziel hätte es sein sollen, Privatleuten den Besitz von großkalibrigen Pistolen generell zu verbieten. Mit einer solchen Waffe, einer Beretta 92, hatte auch Tim K. geschossen.

Der Bund hatte das Waffenrecht zwar nach dem Winnendener Amoklauf erneut - wie schon nach "Erfurt" 2002 - verschärft. Die vielfach geforderte Zurückdrängung der Großkaliber-Waffen war aber nicht durch gekommen. Nur die Altersgrenze wurde von 14 auf 18 Jahren erhöht. Tim K. hätte damit also im Schützenverein nicht üben dürfen. Das novellierte Gesetz sieht zudem vor, dass Waffenbesitzer strenger kontrolliert werden - auch ohne Verdacht und zu Hause.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) fordert mit Blick auf den Winnenden-Jahrestag ein Verbot der Großkaliber-Waffen. Die bisherigen Gesetzesverschärfungen reichten bei weitem nicht aus, um die Gefahr von Amokläufen zu verringern. "Für die geforderten häufigeren Überprüfungen der Waffenbesitzer hat die Polizei gar nicht genügend Personal", sagte BDK-Sprecher Bernd Carstensen der Frankfurter Rundschau. Großkalibrige Pistolen seien nicht für Freizeitschützen entwickelt worden, sondern für Militär und Polizei. Schützenvereine könnten auch ohne sie weiterbestehen. Die Erfahrung habe gezeigt, dass gerade jugendliche Amoktäter sich damit bewaffneten. "Sie demonstrieren damit, wie mächtig sie sind."

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