26. Februar 20176°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Land-Grabbing Spekulanten verteuern Agrarflächen

In der EU konzentrieren sich immer mehr Agrarflächen in den Händen weniger Besitzer. Manche haben mit Landwirtschaft nichts zu tun. Überraschenderweise warnt die Bundeskanzlerin nun vor knappen landwirtschafltichen Flächen.

Auch in Berlin zeigen deutsche Bauern ihren Unmut direkt vor dem Bundeskanzleramt. Foto: Tobias Schwarz/rtr

Hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Land-Grabbing als eine Bedrohung für die Landwirtschaft in Deutschland entdeckt? Überraschend warnte Merkel kürzlich beim Deutschen Bauerntag in Berlin: Landwirtschaftliche Flächen seien knapp und müssten geschützt werden. Vor dem Hintergrund exorbitant steigender Kauf- und Pachtpreise mahnte die Kanzlerin, das Problem sei vielen Menschen nicht bewusst, doch es gebe „sehr kritische Diskussionen über Investoren auf dem Bodenmarkt“.

Die Einschätzung dürfte noch untertrieben sein. Roman Herre, Agrar-Experte beim deutschen Ableger der internationalen Menschenrechtsorganisation FIAN, spekuliert, dass örtlich inzwischen 15, 30 oder gar 50 Prozent des Bodens in den letzten Jahren den Eigentümer gewechselt haben, und zwar nicht von Nachbar zu Nachbar.

Heute seien dort nicht mehr Bauern die Eigentümer, sondern „neue Investoren“, die mindestens zum Teil bisher mit Landwirtschaft gar nichts zu tun hatten. Herre schreibt das in einer neuen Studie der Kleinbauernbewegung La Via Campesina und dem Netzwerk „Hands-off the Land“. Die von insgesamt 25 Autoren verfasste Analyse erläutert anhand von elf europäischen Ländern, in welchem Umfang die traditionelle Landwirtschaft durch die anhaltende Konzentration des Landbesitzes und den Einstieg fremden Kapitals bedroht wird. Die Landkonzentration habe, so die Autoren, auch in Europa Dimensionen erreicht, die denen Brasiliens, Kolumbiens oder der Philippinen ähnelten.

Denn große Farmen, gleich welcher Besitzerstruktur, hätten auch in der EU längst die Oberhand unter den zwölf Millionen Betrieben: Höfe mit mehr als 100 Hektar stellten zwar nur drei Prozent der Betriebe. Sie verfügten aber über mehr als die Hälfte des Landes. Die Folge dieser Entwicklung, in der die Autoren einen „versteckten Skandal“ sehen, sei, dass den Kleinbauern die Lebensgrundlage entzogen werde. Jungbauern hätten aus ökonomischen Gründen praktisch keine Chance mehr zum Einstieg, Arbeitsplätze gingen verloren, und große Betriebe installierten ein Landwirtschaftssystem, das tendenziell mehr Umweltprobleme schaffe.

Die Großen wachsen weiter

Mit dem Trend gehe auch die Verteilung der EU-Subventionen einher: Besonders eklatant spiegeln diesen Prozess Italien und Spanien wider: In Italien erhielten 2011 gerade 0,29 Prozent der Betriebe 18 Prozent der EU-Subventionen, an 150 Großfarmen flossen sechs Prozent. In Spanien gingen 75 Prozent der Agrarhilfen an nur 16 Prozent der Bauern. Auch in Frankreich teilen sich immer weniger Bauern die Landwirtschaftsflächen untereinander auf. Nicht immer werden sie landwirtschaftlich genutzt, gelegentlich dienen sie als Spekulationsfläche für die Alterssicherung. Oder Agrarflächen werden für Bauland umgewidmet.

Drastisch ist die Lage in Rumänien, wo die Hälfte der Subventionen an ein Prozent der Betriebe geht. Wer dort vor zehn Jahren einstieg, hat eine hohe Rendite erwirtschaftet, wie Marcel Wiesehoff, ein deutscher Agrarinvestor in Westrumänien, Anfang der Woche im Deutschlandradio vorrechnete: „Vor zehn Jahren haben hier die Ersten, die dieses Geschäft gesehen haben, für 50 Euro, ja für 50 D-Mark den Hektar gekauft. Und das hat jetzt eine Wertigkeit von 5000 Euro. Das ist natürlich eine große Spekulation, eine große Wertsteigerung.“

Oder Ungarn, wo 8,6 Prozent der Betriebe 72 Prozent der Brüsseler Gelder abzwacken. Dort wurde diese von den Autoren der Via-Campesina-Studie als ungerechtfertigt empfundene Entwicklung durch ein Faktum gestützt: In den ersten Jahren der EU-Mitgliedschaft waren kleine Bauern nicht berechtigt, überhaupt Zuschüsse aus Brüssel zu bekommen, was anfangs 93 Prozent der Bauern vom EU-Geldfluss abschnitt.

Ungarn steht zudem stellvertretend für eine Entwicklung, wie sie in vielen osteuropäischen Ländern stattfindet: Denn obwohl derzeit Ausländer noch kein Eigentum an Grund und Boden erwerben dürfen, sind bis zu 1,5 Millionen Hektar (das entspricht knapp einem Zehntel der deutschen Agrarfläche) von fremden Investoren kontrolliert. Die Folge, so Agrarexperte Robert Fidrich, einer der Mitautoren: Bäuerliche Familienbetriebe und die Kultur einer lokalen Nahrungsmittelerzeugung werden verdrängt.

Wertschöpfung rausgesaugt

Prozesse, die sich in Deutschland fortsetzen, wo die Zahl der Höfe von 1,2 Millionen in 1966 auf nunmehr 300 000 gesunken ist. Allein in Brandenburg beherrschen branchenfremde Investoren inzwischen bis zu 15 Prozent des Landes, schätzt der Brandenburgische Bauernbund, der Familienbetriebe vertritt. Bodenkauf gilt als inflationssicher, zudem hat die deutsche Subventionspolitik über die besondere Förderung der Stromgewinnung über Biogasanlagen zu extrem steigenden Pacht- und Kaufpreisen geführt. Ein Trend, den Sachsen-Anhalts Agrarminister Hermann Onko Aeikins (CDU) bereits so kommentierte: „Der Acker im Osten wird zum Spekulationsobjekt.“ Die Folge, wie sie der brandenburgische Geschäftsführer des Bauernbunds, Reinhard Jung, beschreibt: Zwar beschäftigen die Agro-Firmen Menschen vor Ort, doch die Gewinne fließen in andere Regionen: „Die Wertschöpfung wird rausgesaugt.“

Fünf Prozent der brandenburgischen Äcker sollen auf diese Weise einer Gruppe von gerade sieben Anlegern gehören, zu denen KTG Agrar (dieses Unternehmen ging mal als „Bauer geht an die Börse“ durch die Schlagzeilen) oder die Steinhoff-Holding zählen. Sie sollen nach Recherchen des Bauernbunds etwa 68 000 Hektar der 1,32 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche in Brandenburg beherrschen.

Investoren messen dem Boden eine „Anlageklasse mit Zukunft“ bei. Tatsächlich, so Roman Herre, gehe es den neuen Eignern nicht einmal darum, die Biogasförderung abzugreifen. Unternehmen wie Steinhoff, so Herre im Gespräch mit der FR, nutzen das „Steuermodell“, da sie die auf dem Boden aufgenommenen Schulden mit Gewinnen aus der Hauptgesellschaft verrechneten.

In der Folge stiegen die Bodenpreise auf ein Niveau, das traditionellen Bauern verdrängt. Die Entwicklung, sagt FIAN-Agrarexperte Herre unter Verweis auf eine Studie des bundeseigenen Thünen-Instituts, sei keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt, sondern finde im Emsland im Nordwesten ähnlich statt. Dort hätte der Boom der Biogasanlagen dazu geführt, dass der Pachtpreis binnen weniger Jahre auf 1200 Euro je Hektar und Jahr geschnellt sei – etwa das Doppelte dessen, was bei einer Nahrungsmittelproduktion als wirtschaftlich tragbar angesehen werde.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum