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Kurdengebiet „Rojava“ Türkei schafft Kriegsgerät an syrische Grenze

Der Truppenaufmarsch an der Grenze zu Syrien schürt Sorge vor einem Angriff der Türkei auf kurdisches Gebiet.

SYRIA-CONFLICT-TURKEY
Türkische Militärfahrzeuge (Symbolbild). Foto: afp

Geht es nach den Bildern im staatlich gelenkten türkischen Fernsehen, dann scheint ein Angriff des türkischen Militärs auf das semi-autonome Kurdengebiet „Rojava“ im Norden Syriens kurz bevorzustehen. Endlose Schwerlaster-Konvois transportieren schwere Waffen, gepanzerte Fahrzeuge, Panzer und Munition an die syrische Grenze.

Offiziell hat die Türkei die seit Wochen angekündigte Intervention zwar verschoben. Doch offiziell heißt es auch, das Kriegsgerät sei für die weitere Grenzbefestigung bestimmt. Dabei ist die Grenze zu Rojava mit einer Mauer, Natodraht, Minenfeldern und Wachtürmen fast so gut gesichert wie die früheren Sperranlagen der DDR zur Bundesrepublik. Angesichts der wachsenden Kriegsgefahr riefen die Kurden am Dienstag offiziell die syrische Armee zu Hilfe.

Seit US-Präsident Donald Trump vor zehn Tagen überraschend den Komplettabzug der rund 2000 US-Soldaten aus Syrien ankündigte, wachsen die Spannungen in der Region, da sich die Kräfteverhältnisse dadurch entscheidend verschieben. Trumps Ankündigung folgte unmittelbar auf ein langes Telefonat mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der ihn offenbar davon überzeugen konnte, dass die US-Truppen in Syrien nicht mehr benötigt würden, um die Reste der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu besiegen, sondern dass die Türkei diesen „Job“ übernehmen könne.

Das eigentliche Ziel Erdogans, der seit drei Wochen erklärt, ein Angriff auf Rojava werde „in den nächsten Tagen“ stattfinden, ist jedoch eingestandenermaßen nicht der IS, dessen letzte Bastionen weit von der Grenze entfernt sind, sondern die Zerschlagung der kurdischen Selbstverteidigungseinheiten (YPG). Die Türkei setzt die bis zu 50 000 Kämpfer umfassende Miliz gleich mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, deren Ableger sie ist, und betrachtet sie als Terrororganisation. Die USA listen zwar die PKK auch als Terrorgruppe auf, haben sich aber mit der YPG verbündet, um den IS in Syrien zu besiegen. US-Armeekommandeure lobten die militärische Zusammenarbeit und organisierten mit Rückendeckung aus Washington mehrfach Schutzmaßnahmen gegen einen türkischen Angriff.

Trumps plötzlicher Abzugsbefehl, der von den Kurden als Verrat empfunden wurde, führte aus Protest zum Rücktritt des Verteidigungsministers James Mattis und des US-Syriengesandten Brett McGurk. Politiker beider Kongressparteien kritisierten den Beschluss, da sie einen Rückschlag im Kampf gegen den IS befürchteten. Erdogan kam den Kritikern entgegen, indem er – wohl auf Druck aus Washington – seine Offensive zunächst verschob.

„Rojava“: Iran könnte mit Kurden kooperieren

Zudem wurde er aus Moskau gewarnt, das den bevorstehenden US-Abzug für eine Neuordnung und –ausweitung seines Einflusses in Syrien nutzt. Erdogan musste trotz offiziell „enger Abstimmung“ mit Moskau eine militärische Konfrontation mit russischen und iranischen Truppen befürchten, die als Schutzmacht des Assad-Regimes auch mit den Kurden kooperieren könnten.

Kurz vor Silvester verhinderten Regimetruppen einen angekündigten Angriff syrischer, mit der Türkei verbündeter Rebellen auf die westlich des Euphrats gelegene Region Manbidsch, die von einem arabisch-kurdischen Bündnis kontrolliert wird, indem sie dort einrückten und einen Puffer gegen das türkische Militär bildeten. Zum Jahreswechsel ruderte der US-Präsident – ein bisschen – zurück und gab bekannt, dass der US-Abzug aus Syrien über vier Monate gedehnt werde und nicht zur Folge haben dürfe, dass „unsere kurdischen Alliierten“ militärisch geschwächt würden.

Beobachter befürchten nun, dass Erdogan durch einen Blitzangriff auf das Kurdengebiet Fakten schaffen will. Dafür spricht nicht nur der massive Aufmarsch der türkischen Armee entlang der rund 400 Kilometer langen Grenze, sondern auch die überraschende Versetzung des Befehlshabers der zuständigen 2. Türkischen Armee, General Ismail Metin Temel, und eines weiteren hohen Militärs durch ein Präsidialdekret. Nach einem Bericht der oppositionellen türkischen Zeitung „Sözcü“ wurden beide Generäle ausgewechselt, weil sie sich gegen Erdogans neue Angriffspläne ausgesprochen hätten. Erdogan brachte am Dienstag als neuen Angriffsgrund die Rücküberführung eines 2015 in die Türkei gebrachten Osmanen-Grabes ins syrische Kurdengebiet ins Spiel. „Allah wird uns den Sieg schenken“, erklärte er.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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