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Kurden in Syrien Die Frau, die Al-Kaida das Fürchten lehrt

Robar Hossein ist Kommandantin in der kurdischen YPG-Miliz, die im syrischen Bürgerkrieg kämpft. Für Kämpferinnen wie sie ist die Kalaschnikow auch ein Symbol der Freiheit.

Robar Hossein hat ihre Kalaschnikow immer griffbereit. Foto: Frank Nordhausen

Robar Hossein ist Kommandantin in der kurdischen YPG-Miliz, die im syrischen Bürgerkrieg kämpft. Für Kämpferinnen wie sie ist die Kalaschnikow auch ein Symbol der Freiheit.

Die Strapazen und den Schrecken der Schlacht sieht man ihr nicht an, als sie leichtfüßig in den schmalen Raum mit dem kleinen Ölofen tritt. Robar Hossein lehnt ihre Kalaschnikow an die Wand, setzt sich auf den Teppich in dem Haus in der nordsyrischen Großstadt Kamischli zu den vier unrasierten Milizionären und zwei alten kurdischen Männern. Nicht an den Rand, wie es Frauen in Syrien sonst tun. Vielleicht spricht die 22-Jährige deshalb zuerst darüber, dass es im Kampf keinen Unterschied mache, ob jemand Mann oder Frau sei. Dass Frauen genauso tapfer und „nicht das Eigentum der Männer“ seien.

Die Kämpfe der letzten Tage waren extrem, sagt Robar Hossein. Sie ist eine zierliche Frau mit klaren Gesichtszügen, olivfarbener Haut und dunklen, blitzenden Augen, deren Wirkung von einem blauen Kopftuch unterstrichen wird, das sie streng um den Kopf geknüpft hat. Im Nebel, berichtet sie, sei nicht mehr zu erkennen gewesen, wer Freund und wer Feind war.

Es war nicht auszumachen, woher das Gewehrfeuer kam, wo die Granatwerfer der Islamisten standen. Alles verschwamm in einer weißen, milchigen Suppe in der nordsyrischen Ebene. „Schüsse peitschten. Aber wir wussten nicht mehr, wohin wir schießen sollten. Es war total unheimlich.“ Ein kaum feststellbares Lächeln spielt in ihr Gesicht.

Robar Hossein ist eine Kommandantin der kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG im kurdischen Teil Syriens, den dessen Bewohner Rojava nennen, „Sonnenaufgang“. Die Kurdenmiliz ist die am wenigsten bekannte, aber größte, disziplinierteste und kampfstärkste Streitmacht unter den Rebellentruppen im syrischen Bürgerkrieg. Von allen anderen Milizen unterscheiden sich die Kurden, indem sie weibliche Bataillone aufstellen – unvorstellbar bei arabischen Kämpfern.

In dem Dorf Tall Hamis nahe der irakischen Grenze sind die Kurden an diesem Tag im Januar in eine Falle der Islamisten gelaufen, sie haben 35 Leute verloren, bevor sie sich zurückzogen. Gegenwärtig verläuft die Frontlinie etwa 40 Kilometer entfernt von Kamischli, der inoffiziellen Hauptstadt der syrischen Kurden. Robar Hossein und die Männer haben eine Woche frei, um ihre Familien zu besuchen und nicht an den Krieg zu denken. „Aber das ist eigentlich unmöglich“, sagt sie ernst. Sie wirkt erschöpft.

Die syrischen Kurden haben seit Beginn des syrischen Aufstandes im Frühjahr 2011 eine Schaukelpolitik zwischen dem Assad-Regime und der Rebellion verfolgt. Als das Regime im Juni 2012 überraschend seine Truppen aus fast allen Teilen Rojavas abzog, schlug die Stunde der sozialistischen Demokratischen Unionspartei (PYD), ein Ableger der Kurdenguerilla PKK aus der Türkei. Sie hat die Macht in den drei kurdischen Enklaven übernommen, eine Verwaltung installiert und die regionale Autonomie ausgerufen. Demnächst sollen Wahlen abgehalten werden. So entsteht in Nordsyrien ein zweiter kurdischer Pseudostaat, ähnlich wie im Nordirak.

"Es geht um alles oder nichts"

Nicht alle 2,5 Millionen syrischen Kurden sind wie Robar Hossein davon überzeugt, dass sich die Interessen der PYD mit denen des kurdischen Volkes „absolut decken“. Doch auch erklärte Gegner der Partei räumen ein, dass nur sie in der Lage war, in Rojava eine eigene Armee aufzubauen: die Volksverteidigungseinheiten, die zunächst dazu da waren, die selbst erklärte Neutralität zu schützen. Den „dritten Weg“, wie es ihre Anführer nennen: kein Pakt mit dem Regime, aber auch nicht mit den arabischen Rebellen, solange diese nicht die kurdischen Rechte garantieren wollen. Die Neutralitätspolitik hat dem Kurdenland Ruinenlandschaften erspart. Assads Luftwaffe bombardiert Rojava nicht.

„Natürlich kämpfen wir auch gegen die Armee von Assad, wenn es sein muss“, sagt Robar Hossein. „Aber für uns ist Al-Kaida gefährlicher, denn sie wollen uns auslöschen.“ Anfangs unterstützt von der Türkei, die einen zweiten Kurdenstaat an ihrer Grenze fürchtet, attackieren Dschihadisten aus Al-Kaida-nahen Gruppen wie Al-Nusra und Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) die Kurden als „Ungläubige“ und „Kommunisten“. Unter ihnen sind viele Ausländer, die in Syrien einen islamischen Gottesstaat errichten wollen. „Aber wir sind ihnen überlegen“, sagt Robar Hossein. „Weil wir für unsere Heimat kämpfen. Weil wir für die Rechte der Frauen eintreten. Weil es für uns um alles oder nichts geht.“

Aus Solidarität kamen damals mehr als tausend erfahrene Kämpfer der PKK nach Rojava, um die Verteidigung mitzuorganisieren. Inzwischen gehören der YPG genannten Kurdenmiliz nach Angaben ihres Sprechers Redur Xelil rund 45 000 Kämpfer an. Davon sind ein Drittel Frauen.

Robar Hossein meldete sich vor zwei Jahren freiwillig, „um die Heimat zu beschützen“. Damals studierte sie Maschinenbau an der Universität von Latakia am Mittelmeer. Ihre Eltern unterstützten die Entscheidung, denn Robar kommt aus einer Familie, die sich eng mit der PKK verbunden fühlt. Vor zwei Monaten ist ihr 25-jähriger Bruder Riber im Kampf gefallen. Robar Hossein wird kurz von der Trauer überwältigt, als sie von seinem Tod erzählt.

Dann spricht sie von der dreimonatigen militärischen Grundausbildung. Sie lernte den Umgang mit Kalaschnikow- und schweren Duschka-Maschinengewehren, Bomben, Minen, Granatwerfern, Panzerfäusten. Am besten gefiel ihr das Scharfschützengewehr. „Das habe ich bis zum Umfallen trainiert“, sagt sie stolz. „Urteilen Sie nicht nach meinem Äußeren. Als Scharfschützin bin ich perfekt.“ Die Männer nicken beifällig.

Eine ältere Frau kommt in den Raum und serviert heißen Tee. Robar Hossein nimmt einen Schluck. Dann sagt sie stolz: „Ich bin Kommandantin!“

Viele junge Frauen melden sich freiwillig

In nur vier Monaten stieg sie auf zur Chefin einer Kompanie von 20 jungen Frauen, die vor allem Scharfschützinnen sind. „Ich habe auch schon Männer kommandiert. Dagegen dürfen Männer meine Kompanie nicht kommandieren. Bei uns werden Frauen nicht mehr unterdrückt wie Hunde.“ Für die Frauen der YPG ist die Kalaschnikow auch ein Symbol der Freiheit. Viele junge Frauen melden sich freiwillig, weil sie sich so davor schützen können, gegen ihren Willen verheiratet zu werden. Und sie wissen, im Fall, dass die Islamisten gewinnen, haben sie am meisten zu verlieren.

Die Männer im Raum haben sich schweigend angehört, was ihre Kameradin da sagt. Nun mischt sich Ferho Ferho, 32, im Zivilberuf Anwalt und jetzt ebenfalls Kommandant, in das Gespräch ein. Er sagt, dass am Ende immer noch der militärische Rang entscheide. Er berichtet von einem Führungskonflikt während der Nebelschlacht von Tall Hamis. „Ich kommandierte die Männer, Robar die Frauen. Wir waren uns über das weitere Vorgehen uneinig.“ Und was geschah? „Wir haben den Oberkommandierenden angerufen. Er hat entschieden“, sagt Robar Hossein lachend.

Die provozierende Frage, ob Frauen so gut wie Männer kämpfen könnten, ist für sie aber geklärt. Sie war bei fünf großen Gefechten dabei, hat mit der YPG tagelang das Hauptquartier der Nusra-Kämpfer in der Grenzstadt Serekaniye belagert, sturmreif geschossen und schließlich gestürmt. Fast immer hat die kurdische Miliz gesiegt, trotz der überlegenen Ausrüstung der Feinde. „Sie haben moderne elektronische Scharfschützengewehre aus westlicher Produktion und viel mehr Munition. Sie haben schusssichere Westen. So etwas haben wir nicht. Trotzdem kämpfen wir besser und haben viele von ihnen getötet.“

Weil Munition rar ist, erhalten die YPG-Kämpfer nur 150 Patronen pro Person am Tag zugeteilt. Dennoch haben die Kurden den Al-Kaida-Milizen seit Oktober mehr als 40 Dörfer wieder abgenommen. Sie haben sie aus zwei wichtigen Erdölprovinzen und vom Grenzübergang Al-Yaroubia zum Irak vertrieben. Da die gesamte Kurdenregion seit mehr als einem Jahr praktisch von der Außenwelt abgeschnitten und einem Hungerembargo seitens der Türkei und des kurdischen Nordiraks ausgesetzt ist, eröffnet ihnen der Übergang jetzt einen Zugang zum irakischen Markt.

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Robar Hossein hat während der Kämpfe viele tote und gefangene Feinde gesehen. „Es sind Leute aus Saudi-Arabien, Pakistan, Tschetschenien, der Türkei, Holland und vielen anderen Ländern, von denen ich noch nie gehört habe“, sagt sie. Jeder Dschihadist trage einen kleinen Schlüssel bei sich, der ihm nach dem Tod das Paradies aufschließen solle, erzählt sie und verzieht das Gesicht. Die blutjungen bärtigen Männer aus dem Ausland täten ihr nicht selten leid, weil sie in einem Krieg verheizt würden, mit dem sie nichts zu tun hätten. „Was wollen die in Syrien? Warum schießen sie auf uns?“

Bei Verhören habe sich herausgestellt, dass die meisten Kämpfer von ISIS oder der Al-Nusra-Front nicht einmal wüssten, dass ihre Gegner ebenfalls Muslime sind. „Sie halten uns für Ungläubige, dabei sind viele von uns religiös wie ich“, sagt die streng gläubige Muslima, die anders als die meisten kurdischen Frauen immer ihr Kopftuch trägt. „Wenn sie die Wahrheit erfahren, sagen sie oft, sie bedauern, was sie getan hätten. Assad hat alle aufgehetzt, so dass jeder gegen jeden kämpft und alle glauben, es geht um Religion. Dabei wissen sie nichts von unserem Land.“

Die junge Soldatin aber weiß, dass sie keine Gnade zu erwarten hätte, sollte sie diesen Feinden je in die Hände fallen. Gefangene Kurden sind mit Schwertern brutal geköpft, ihre Bilder anschließend im Internet verbreitet worden.

Salafistische Imame gaben Fatwas, islamische Rechtsgutachten, heraus, wonach kurdische Frauen in Kriegszeiten vergewaltigt werden dürften, weil sie gottlos seien. Robar Hossein erzählt von vier Kameradinnen, die im vergangenen Herbst von ISIS-Leuten ergriffen wurden. „Wir fanden ihre Leichen. Sie waren furchtbar gefoltert worden, bevor sie erschossen wurden.“ Deshalb hat Robar Befehl, stets fünf Kugeln aufzuheben, um im letzten Moment noch schießen zu können – und sich selbst die Folter zu ersparen.

Im vergangenen August war es fast soweit. Robars Kompanie hatte nicht genug Munition, weil sie mit keinem Angriff gerechnet hatte. „Es war der letzte Tag des Ramadan, wir hatten uns mit Al-Nusra geeinigt, eine Kampfpause zu machen. Doch sie betrogen uns, griffen an und machten elf von uns zu Märtyrern. Als wir uns gerade bereit machten zu sterben, drehten unsere Leute die Schlacht, und wir konnten den Sieg erringen.“

„Früher stand die Frau hinter dem Mann. Das ist vorbei"

Robar Hossein glaubt wie die meisten Kurden in Rojava, dass die Al-Kaida-Milizen mit dem Regime von Assad zusammenarbeiten. „Warum sonst bombardiert er nie ihre Hauptquartiere?“ Dabei seien die Ausländer militärisch gesehen Kanonenfutter. „Wir finden bei ihnen alle möglichen Tabletten. Psychopillen. Manchmal torkeln sie wie Idioten übers Schlachtfeld. Wir töten hundert von ihnen, wenn sie einen von uns erwischen.“ Aber Robar Hossein will eigentlich gar nicht töten. Als ihre männlichen Kameraden damit prahlen, sie hätten Dutzende Feinde umgebracht, sagt sie: „Ich versuche nur, den Feind kampfunfähig zu schießen. Es geht darum, unser Land zu beschützen.“

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Frauen und Männern, wenn sie „Schulter an Schulter“ kämpfen, wie Robar sagt. Obwohl sie darauf besteht, dass es keinen Unterschied mehr gibt. „Früher stand die Frau hinter dem Mann. Das ist vorbei. Wir stehen jetzt zusammen an der Front.“

So hat es ihr großes Idol, der PKK-Führer Abdullah Öcalan, einst postuliert und mit der Aussicht auf ein Leben jenseits von Kindern und Küche viele kurdische Frauen für den Guerillakampf rekrutiert. Die Kehrseite ist ein Gesetz Öcalans, das weder Sex noch Liebe zwischen Kämpfern erlaubt – eine unvermeidliche Regel in der konservativen Gesellschaft, weil sonst keine kurdische Familie ihre Töchter in den Krieg ziehen lassen würde. „Wenn wir vereidigt werden, schwören wir gemeinsam beim Blut der Shahid, der Märtyrer, uns nur auf den Kampf zu konzentrieren, bis wir gesiegt haben.“

Robar Hossein hat viele Gesetze in der 20-tägigen politischen Schulung der PYD gelernt, die ihrer Militärausbildung folgte. Dort hat sie auch viel über die kurdische Sprache und Geschichte gehört, über Antiimperialismus, Gleichberechtigung der Frauen, autonome Selbstverwaltung und weitere Ideen des in der Türkei inhaftierten „Führers“ Öcalan, die sich um einen föderalen Nahen Osten und die Vereinigung der auf vier Länder verteilten Kurdengebiete drehen. Sie glaubt fest daran. Sie nennt Öcalan ihren „Vater und Gott“.

Die Bilder bleiben, auch in der Nacht

Aber nachts, sagt Robar Hossein nachdenklich, lassen die Bilder des Kriegs sie nicht los. Dann findet sie oft keinen Schlaf, weil Schüsse durch ihren Kopf zischen und die bleichen Gesichter gefallener Kameradinnen erscheinen, wenn sie die Augen schließt. Die Geborgenheit in der Kompanie helfe dann und auch, sagt sie, der Gedanke an ihre Freundin Dicle, die schwer verwundet und sterbend zu ihr sagte: „Geh nicht von deinem Platz weg, bleib, wir müssen kämpfen, bis zum Schluss!“

Manchmal träumt Robar Hossein vom Frieden. Davon, dass der Hass aufhört, der das Leben in Syrien vergiftet. Sie träumt von einem Land der Kurden, in dem sie mit den anderen Minderheiten, den Christen, Jesiden, Alawiten friedlich zusammenleben. Sie glaubt, dass die Kurden im Bürgerkrieg bestehen und eine gerechtere Gesellschaft errichten werden.

„Wir haben etwas, an das wir glauben. Rojava. Die Freiheit“, sagt sie. Aber ist sie wirklich bereit, ihr Leben für das Ideal zu geben, mit gerade 22 Jahren? Natürlich, sagt Robar Hossein mit blitzenden Augen, entrüstet, wild: „Ich habe keine Angst vor dem Tod! Das ist der Beweis meiner Stärke! Meiner Seele als Kämpferin!“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Syrien

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