Lade Inhalte...

Kroatien Gedenken mit einem Schuss Faschismus

Rund um Bleiburg verübten Titos Partisanen Massaker an Kriegsgefangenen. Kroatische Nationalisten nutzen die jährliche Gedenkfeier zur Pflege ihrer Mythen.

Auf dem Loibacher Friedhof zeigt eine Frau Fotos vermisster Angehöriger. Beide tragen die schwarze Uniform der faschistischen Ustascha. Foto: BERLINER ZEITUNG/Danijel Majic (2)

Zum Schluss noch ein Erinnerungsfoto. Ein Mann mittleren Alters dirigiert zwei Verwandte. „Ein bisschen nach rechts“, befiehlt er auf Kroatisch und winkt mit der linken Hand. Die Inschrift auf dem Gedenkstein im Hintergrund soll auf dem Foto noch lesbar sein. Seine Modelle, eine junge Frau und ein Mann in den Sechzigern, trippeln gehorsam zur Seite, tunlichst darauf bedacht, nicht auf die rot-weiß-blauen Kränze zu treten, die zu Füßen des Mahnmals liegen.

„So ist es gut“, ruft der Fotograf. „Und jetzt alle: Za dom!“ – „Spremni!“, antworten die beiden und grinsen in die Kamera. Der Dialog auf dem Loibacher Feld ist eindeutig. So eindeutig, als würde ein deutscher Fotograf „Sieg“ rufen und als Antwort „Heil“ erwarten. Za dom spremni – Bereit für die Heimat: Der Gruß der faschistischen Ustascha ist an diesem Samstag rund um Bleiburg allgegenwärtig.

Ein grauer Schleier liegt über Loibach. Die Gipfel der Kärntner Alpen sind hinter großen Wolkenvorhängen verschwunden. Der Regen in der Nacht zuvor hat das Loibacher Feld am Rande des gleichnamigen Dörfchens in eine große, grün-braune Matschwanne verwandelt. Dennoch werden am Morgen Bierzelte aufgebaut. Einige Stunden später durchpflügen Übertragungswagen des kroatischen Fernsehens den Schlamm, während immer mehr Reisebusse an der engen Zufahrt parken. Gegen Mittag streben dann 4?000 Kroaten aus aller Herren Länder zu der kleinen, hölzernen Kapelle in der Mitte des Feldes. Die Einen, um der Menschen zu gedenken, die hier vor 68 Jahren einem schrecklichen Kriegsverbrechen zum Opfer fielen. Die anderen, um einem nationalen Mythos zu huldigen und sich im Kreise Gleichgesinnter ihr Geschichtsbild bestätigen zu lassen.

Loibach mit seinen 400 Seelen ist Teil der österreichischen Kleinstadt Bleiburg, die insgesamt gerade einmal 3?800 Einwohner zählt. Rund um ein langgezogenes Tal schmiegen sich die einzelnen Teilgemeinden an dicht bewaldete Berghänge. Die Ortsschilder sind zweisprachig: Deutsch für die Österreicher, Slowenisch für die slawische Minderheit. Fünf Kilometer sind es bis Slowenien. Erst dahinter kommt Kroatien. Dort jedoch kennt man Bleiburg. Nicht unbedingt als Städtchen. Wohl aber als Synonym für ein nationales Trauma.

Choräle und Bratwürste

Mai 1945: Der Zweite Weltkrieg geht auch in Kroatien seinem Ende entgegen. Einheiten der kommunistischen Partisanenarmee unter Marschall Tito stoßen auf die Hauptstadt Zagreb vor. Das mit Nazi-Deutschland verbündete Ustascha-Regime ist zusammengebrochen, die Staatsspitze um den selbst ernannten Führer Ante Paveli? befindet sich längst auf der Flucht. Zurück bleiben Tausende Angehörige der kroatischen Wehrmacht, Helfer des Regimes und Zivilisten, die die Rache der Partisanen fürchten.

Ein gewaltiger Treck setzt sich in Bewegung und schwillt von Tag zu Tag weiter an. Wie groß er ist, als er am 15. Mai an der österreichischen Grenze eintrifft, ist in der Geschichtsschreibung bis heute umstritten. Mehrere zehntausend Menschen dürften es gewesen sein, möglicherweise gar mehr als 100?000. In Österreich, hoffen die Flüchtenden, können sie sich der britischen Besatzungsmacht ergeben und so der Rache der Partisanen entgehen.

Die britische Regierung aber hält sich an ihre Vereinbarungen mit dem Verbündeten Tito und liefert alle jugoslawischen Flüchtlinge an die Partisanen aus. Die ersten Kriegsgefangenen werden gleich an Ort und Stelle erschossen. Auf den Märschen zu Gefangenenlagern in Jugoslawien kommt es zu weiteren Massenexekutionen. Genaue Opferzahlen sind bis heute umstritten. Nicht einmal zuverlässige Schätzungen gibt es.

Das Gedenken an die „Tragödie von Bleiburg“, wie es im offiziellen Sprachgebrauch des post-jugoslawischen Kroatiens heißt, beginnt an diesem Vormittag an der Friedhofsmauer in Loibach mit Kärntner Bratwürsten und den ersten Bierchen, die bereits um kurz vor elf geöffnet werden. „Und dann habe ich ihm ins Gesicht gesagt: Ich scheiße auf dein serbisches Weihnachten und überhaupt auf alles Serbische“, rühmt sich ein korpulenter älterer Mann, dessen Lippen von einem struppigen, grauen Schnurrbart verdeckt werden. Sein Gegenüber auf der Bierbank prustet los. Auf der Schirmmütze des Erzählers prangt in roten Lettern der Schriftzug „Za dom spremni“. Ein Abzeichen an seiner Brusttasche weist ihn als Mitglied des Ehrenzugs von Bleiburg aus, der Hauptorganisator des jährlichen Gedenkens auf dem Loibacher Feld ist. „Bratwurst!“, schreit ein pummeliger Verkäufer in den Nieselregen.

Etwa tausend Kroaten sind auf den kleinen Gottesacker geströmt, wo die Gedenkveranstaltung mit einem Gebet und einer anschließenden Prozession zum Loibacher Feld beginnen soll. Ein breiter schwarzer Gedenkstein erinnert an die Opfer von Bleiburg. Davor posiert eine Frau mit den Fotos zweier vermisster Angehöriger. Beide tragen Ustascha-Uniformen. Gegenüber hat ein weiterer Prozessionsteilnehmer gleich selbst die faschistische Uniform angezogen. Auch er ist ein beliebtes Fotomotiv. Niemand hier stört sich an seinem Aufzug. So wenig wie an dem „Za dom spremni“ auf Mützen, T-Shirts und anderen Kleidungsstücken.

Inzwischen ist der Erzbischof von Split eingetroffen, der die Prozession anführen wird. Mit sanfter, leicht quäkender Stimme gibt Marin Barisic die Gebete vor, die von den Gläubigen wiederholt werden. Ein guter Kilometer liegt zwischen dem Friedhof und der Gedenkstätte auf dem Loibacher Feld. Ab und an stimmt der Zug einen Choral an, der zwangsläufig zum Kanon mutiert, weil das Ende der Schlange erst mit einiger Verzögerung mitbekommt, was vorne gesungen wird. Wie in den meisten Kirchenliedern geht es um Erbarmen, Mitleid und die unendliche Liebe Gottes.

Die Gedenkkapelle, ein heller Holzbau mit geschwungenem Dach, erinnert von außen eher an eine Freilichtbühne als an einen Sakralbau. Dort ist zunächst Tomislav Tolusic, Hauptmann der kroatischen Gespanschaft Virovitica-Podravina, an der Reihe. Der Landrat, der der nationalistischen HDZ angehört, erregt sich am Mikrofon über das Parlament in Zagreb, das 2012 – ein Jahr nach dem Machtwechsel von seiner Partei zu den Sozialdemokraten – die Schirmherrschaft für die Gedenkveranstaltung in Bleiburg aufgekündigt hat. Weil man kein „Happening“ mehr unterstützen wolle, bei dem offen faschistische Symbole gezeigt und die Verbrechen der Ustascha relativiert würden, wie es zur Begründung hieß. „Die ideologischen Söhne eben jener Verbrecher, die für Bleiburg verantwortlich waren, versuchen erneut, die Geschichte zu verdrehen“, ruft Tolusic ins Publikum.

Und erntet lauten Applaus. Denn hier auf dem Loibacher Feld lebt die Tradition ungebrochen weiter, die seit der Abspaltung von Jugoslawien zum festen Bestandteil des kroatischen Geschichtsbilds stilisiert worden war: Bleiburg als Beginn eines 46-jährigen Martyriums des kroatischen Volkes unter dem Joch des serbisch geprägten Jugoslawien. Die Todesmärsche als „Kreuzweg“. Und Parlamentsbeschluss hin oder her – nicht wenige kroatische Politiker und Historiker und auch Teile des Klerus sehen in den damaligen Massenexekutionen bis heute ein Verbrechen, das dem systematischen Massenmord des Ustascha-Regimes an Serben, Juden und anderen Minderheiten gleichkommt. Wer die Opfer von Bleiburg nicht ehre, übe Verrat an ihnen.

Nach Tolusic betritt Erzbischof Barisic die Bühne, jetzt im vollen weißen Ornat seines Amtes. Er hat das sanfte Gesicht eines in Würde gealterten Intellektuellen. Mit langsamen, bedachten Gesten führt er durch den Gedenkgottesdienst. Von seiner Position aus blickt er auf eine Phalanx aus Regenschirmen, aus der triefende Fahnen wie Speerspitzen hervorragen.

Der Erzbischof hat eine lange Predigt mit hohem moralischen Anspruch vorbereitet. Das Gros der Besucher lauscht ihm geduldig. „Bleiburg ist nicht Vergangenheit“, mahnt der Geistliche. Verbrechen einer Seite dürften nicht als Vorwand für die Verbrechen der Gegenseite herhalten. Die Aufarbeitung von Verbrechen sei nicht nur ein christliches Gebot, sondern gleichermaßen ein Gebot der Mitmenschlichkeit. Die Verbrechen des Faschismus in Kroatien allerdings erwähnt er bestenfalls indirekt. Das Wort Ustascha fällt in seiner Predigt kein einziges Mal. Und auch bei keinem anderen der Redner.

Knapp hundert Meter entfernt findet derweil eine Parallelveranstaltung statt. In den Bierzelten gehen Getränke und Würste im Minutentakt über die Theke. Die Älteren haben wieder auf den Bierbänken Platz genommen. Teenager, keiner alt genug, um die Kriege in Jugoslawien bewusst miterlebt zu haben, schlendern in Militäruniformen und schwarzen Baretten umher. Sie wühlen in den T-Shirt-Stapeln, die am Stand des Bleiburger Ehrenzugs ausliegen. Ein T-Shirt trägt die Aufschrift „Bitteres Kraut auf bittere Wunden“. Ein Ausspruch des kroatischen Faschistenführers Ante Pavelic, mit dem dieser lapidar den Massenmord der Ustascha an Serben verteidigte. Am Verkaufsstand nebenan prangt Pavelics Gesicht auf dem Cover einer CD, die „Die schönsten Lieder der Ustascha-Bewegung“ verheißt. Es ist laut. So laut, dass man die Worte des Erzbischofs nicht hören kann. Aber zu dem, was hier vor seinen Augen passiert, hat er sowieso nichts zu sagen.

Auch ?ime Toli? hört die Worte des Erzbischofs nicht. Der 26-Jährige, ein hochgewachsener Jüngling mit dunklen, streng gescheitelten Haaren, hohen Wangen und breitem Mund, sitzt im Bierzelt hinter dem Verkaufsstand und genießt mit zwei Kameraden Wurst und Kaltgetränke. Ab und an erhebt er sich, um Bekannte zu begrüßen oder sich mit jemandem fotografieren zu lassen. Bleiburg ist für Toli? ein Pflichttermin. Er ist eigens aus Stuttgart angereist, auch wenn er mit der Gedenkveranstaltung augenscheinlich wenig anfangen kann. Toli? ist ein kroatischer Rechtsextremist – allerdings lebt und arbeitet er in Deutschland.

Weghören als Prinzip

Einen Tag vorher hat Toli? über Facebook seine Anhänger dazu aufgefordert, sich mit ihm in Bleiburg zu treffen. Über sein Weltbild gibt seine Internetseite Auskunft. Dort schildert er, wie eine finstere Verschwörung aus Freimaurern und Liberalen, die unter der Fuchtel des Weltjudentums stehen, die Ausrottung der weißen Rasse plant. Und er macht Werbung für die rechtsradikale kroatische Splitterpartei A-HSP, in deren Hierarchie er in den vergangenen sieben Jahren aufgestiegen ist. Seine E-Mails und Facebook-Nachrichten zeichnet er stets mit der Abkürzung „ZDS“. Za dom spremni!

Toli? ist für die deutschen Behörden kein Unbekannter. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bestätigte vor zwei Jahren, dass sein Name dem Amt bekannt sei. Er und seine Mitstreiter würden aber nicht beobachtet. Eine Anfrage der Berliner Zeitung zum aktuellen Kenntnisstand ließ das Amt bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

In Bleiburg kennen viele mehr als nur seinen Namen. Und so lässt sich der kroatische Jungnazi aus Stuttgart mit einem guten Dutzend Gleichgesinnter vor dem Hintergrund des Loibacher Feldes ablichten. Von dem, was der auf der Gedenkveranstaltung gesagt wird, bekommt er kein Wort mit. Das macht aber nichts, denn umgekehrt bekommt ja auch der Erzbischof von Toli? nichts mit. Als gäbe es da ein stillschweigendes Toleranzabkommen: Auf der einen Seite des Feldes wird über Humanität und Mitgefühl gepredigt, und die Einen müssen dabei nicht hinhören – und gleich daneben wird faschistische Folklore gepflegt, was wiederum die Anderen geflissentlich ignorieren dürfen.

Zwei Stunden dauert die Gedenkveranstaltung auf dem Loibacher Feld. Dann noch die letzten Erinnerungsfotos vor dem Gedenkstein, und binnen weniger Minuten ist der Platz leer. Die Busse in Richtung, Zagreb, Split und München fahren ab. Zurück bleibt nur ein Häuflein in einem Bierzelt, das unverdrossen weitersingt. Der Mann in der Ustascha-Uniform hat den Arm zum Hitlergruß erhoben. „Überschreiten wir die Drina“, singt er aus Leibeskräften. „Und zünden Serbien an“, stimmt der Rest des Zeltes mit ein. Zwei Dutzend Männer heben den rechten Arm. Sie werden noch eine ganze Weile singen. Vermutlich so lange, bis sie die „schönsten Lieder der Ustascha-Bewegung“ durchhaben.

Erzbischof Barisic wird das alles nicht mehr hören müssen. Er ist bereits abgereist.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen