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Kroatien Die Ustascha im Herzen

Jahr für Jahr wird die alte Allianz zwischen kroatischem Nationalismus und kroatischem Katholizismus im österreichischen Bleiburg aufs Neue beschworen. FR-Redakteur Danijel Majic hat sich die Gedenkfeier für ein Massaker an NS-Kollaborateuren angesehen.

Bleiburg
Rund 10 000 Teilnehmer nahmen in diesem Jahr an der Gedenkveranstaltung bei Bleiburg teil. Foto: rtr

2018 aber bildete sich erstmals eine Initiative aus österreichischen EU-Parlamentariern und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die ein Ende des „Ustascha-Gedenkens“ in Bleiburg forderten. Die offizielle Linie, unter anderem von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) vertreten, bleibt indes, dass gegen das Gedenken nicht vorgegangen werden könne - schließlich handele es sich um eine kirchliche Veranstaltung. Tatsächlich steht die Gedenkfeier seit 2003 unter der Patronanz der katholischen Kirche Kroatiens. Der österreichische Verfassungsjurist Bernd-Christian Funk veröffentlichte unlängst ein Gutachten, indem er zu dem Schluss kam, dass ein Verbot sehr wohl möglich sei.

Kritik wurde auch an der österreichischen Polizei laut, die in den Jahren zuvor nicht gegen die Verwendung von rechtsextremen Symbolen vorgegangen sei - selbst wenn diese gegen das Wiederbetätigungsverbot verstießen. Jurist Funk bescheinigte den Ordnungshütern „absichtlich weggesehen“ zu haben. Die österreichische Polizei reagierte - und kündigte rechtliche Schritte gegen Funk an.

Am Friedhof von Unter-Loibach, wo das Gedenken Jahr für Jahr mit einem kurzen Gebet beginnt, ehe die Teilnehmer in einer Prozession zur Kapelle auf dem Loibacher Feld ziehen, sind solche innerpolitischen Auseinandersetzungen kein Thema. An einem kleinen Stand werden Bratwürste verkauft - wie jedes Jahr. Doch etwas ist diesmal anders – es gibt kein Bier. „Als nächstes werden sie uns auch noch das Atmen verbieten“, empört sich ein älterer Herr. Auch auf seinem T-Shirt prangt der Ustascha-Gruß „Za dom spremni“

Die katholische Diözese Gurk, in deren Zuständigkeitsbereich Bleiburg fällt, hatte sich Ende April von allen „rechtsextremen und faschistischen Kundgebungen im Umfeld des Totengedenkens“ distanziert - und Auflagen erlassen. Kein Alkoholausschank, keine politischen Reden, keine Parteiabzeichen, Uniformteile und keine Festzelte. Das Einhalten dieser Auflagen wurde gegenüber der kroatischen Kirche zur Bedingung gemacht, dass die Gedenkfeier auch in Zukunft stattfinden könne. Die Diözese Gurk hat im Prinzip also darauf bestanden, dass die „kirchliche Gedenkfeier“ tatsächlich eine „kirchliche Gedenkfeier“ ist.

Rund um den Loibacher Friedhof fließt dennoch das Bier. Viele Teilnehmer haben sich selbst versorgt. Kurz vor zehn Uhr tritt ein hagerer, älterer Mann mit stechendem Blick an den Gedenkstein, der in der Mitte des Gräberfelds an die Opfer der „Bleiburger Tragödie“ erinnert und beginnt zu sprechen. „Die Schlinge der UDBA um unsere Gedenken zieht sich Jahr für Jahr enger“, erklärt Tomo Bilogrivic, der sich als Vertreter der „Vereinigten kroatischen Rechten“ vorstellt. Mit UDBA ist der ehemalige jugoslawische Geheimdienst gemeint. Kurze Zeit später fordert er, den Antifaschismus aus der kroatischen Verfassung zu streichen, wo er als eines der Fundamente des Staates genannt wird. Die Zuhörer applaudieren: „Es lebe Kroatien!“

Lasche Kontrollen

Es ist eine jener politischen Reden, die eigentlich untersagt sind. Genauso wie Alkohol oder andere Fahnen als die offizielle kroatische Staatsflagge. Seitens der Ordner werden die Auflagen – freundlich formuliert – eher stichprobenhaft kontrolliert. Ein Pärchen, das das Emblem der rechtsextremen paramilitärischen HOS-Brigaden aus den 90ern – die sich in der Tradition der Ustascha sahen – auf seinen T-Shirts trägt, darf nicht zur offiziellen Gedenkveranstaltung. Sie wundern sich. Die Shirts haben sie doch erst letztes Jahr gekauft – hier in Bleiburg. „Was soll’s“, sagt derweil ein Mann Mitte 50. „Wir tragen das U im Herzen.“ U wie Ustascha.

„Wir haben das ja alles so selbst nie gewollt“, betont Pfarrer Ante Kutlesa. Die Bierzelte, die Ustascha-Lieder, die T-Shirts. Der Bleiburger Ehrenzug war im Vorfeld darum bemüht, die Wogen zu glätten. Es hätte sich immer nur um eine kleine Minderheit gehandelt. Ein Mitorganisator erklärte sogar, dass kroatische Journalisten Provokateure einschleusten und Zwischenfälle inszenierten. Warum seine Organisation nicht früher gegen solche Umtriebe vorgegangen sei – Pfarrer Kutlesa hat eine Erklärung: „Man versucht immer den Menschen entgegen zu kommen. Auf humane Art und Weise. Wenn ich hergehe und sage, ich will mit ihnen nichts zu tun haben, wie würden sie dann reagieren?“

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